Im Grunde hätten sie sich gern dispensiert, die Bonner, aber so ganz gelingt ihnen das nun doch nicht. Auch im nordrhein-westfälischen Kommunalwahlkampf müssen sie ins Gefecht. Verständlich ist ihre Zurückhaltung schon, denn in den nächsten 12 Monaten folgt ein Votum dem anderen. Dem Stimmgang in Nordrhein-Westfalen am 30. September schließt sich die Bürgerschaftswahl in Bremen an (7. Oktober), dann geht es mit den Landtagswahlen in Baden-Württemberg (16. März 1980), im Saarland (27. April) und wieder in Nordrhein-Westfalen (10. Mai) weiter – mehr oder minder Vorläufer zur Bundestagswahl im nächsten Herbst.

Gleichwohl ist nun auch Bundesprominenz dabei, wenn es um die Rathäuser an Rhein und Ruhr geht. Noch am meisten Zurückhaltung üben die Sozialdemokraten; Helmut Schmidt wird überhaupt nicht mit von der Wahlpartie sein. Die Liberalen hingegen, in vielen Kommunen arg im Hintertreffen, müssen außer Wirtschaftsminister Lambsdorff auch den Parteichef und Außenminister Genscher aufbieten, um auf sich aufmerksam zu machen.

Auch die CDU wird ihren Vorsitzenden Kohl ins Rennen schicken und vor allem ihren Kanzlerkandidaten Strauß, mit dem vier Großkundgebungen vorgesehen sind, besonders im Ruhrgebiet. Da ist schon viel Test dabei, zumal auch gegenüber der eigenen Anhängerschaft, die von dem Kandidaten noch nicht durchweg überzeugt ist. Das war wohl auch ein Element des Unmuts, den der Strauß-Promoter Biedenkopf am vergangenen Wochenende bei seiner westfälischen CDU erlebt hat.

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Wenn der Bundestag in knapp zwei Wochen nach der Sommerpause wieder zusammentritt, muß er sich alsbald einen neuen Vizepräsidenten wählen, als Nachfolger für den Anfang August gestorbenen Sozialdemokraten Hermann Schmitt-Vockenhausen. Aus den Reihen der SPD heißt es, daß der frühere Verteidigungsminister Georg Leber nicht ganz abgeneigt sei.

Sozusagen im politischen Feinraster machte dies durchaus Sinn, denn wie Schmitt-Vockenhausen wird auch Leber auf dem rechten Parteiflügel eingeordnet; außerdem ist er ebenfalls Mitglied des katholischen Zentralkomitees, und schließlich kommt auch er aus Hessen. Denn seit seinem Rücktritt als Verteidigungsminister Anfang 1978, unter unglücklichen Umständen, zeigte sich der empfindsame. Leber manchmal geradezu bissig abwehrend gegenüber allen Ansinnen, wieder etwas mehr ins Rampenlicht zurückzukehren; auch er mußte erst damit fertig werden, ein – wie es der wenig zimperliche Bonner Jargon nennt – „gefallener Engel“ zu sein. Nun aber dem ganzen Hohen Haus zu präsidieren, als Wächter über parlamentarische Spielregeln – das könnte eine Aufgabe nach dem Geschmack Georg Lebers sein, für den die Gemeinsamkeit der Demokraten politisches Credo ist.

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