Hamburg

Sie sitzen in einer Klasse und lernen Deutsch. Fünf Stunden werden sie täglich, mal morgens, mal nachmittags in den Schulräumen einer privaten Stiftung unterrichtet.

Georg aus der Tschechoslowakei (die Namen wurden von der Redaktion geändert) paukt neben Sanno aus Indien, Salomon aus Ghana neben seinem nigerianischen Freund Joe, und Paulo aus Eritrea hat den Polen Markus als Nachbarn.

An der Tafel steht noch in wackliger Kreideschrift: Subjekt–Objekt–Prädikat. Auf dem Gang spielen andere Tischfußball. Alle haben sie eins gemeinsam: Sie sind Asylbewerber und warten auf eine Antwort aus dem „Ausländerlager“ Zirndorf, wo über ihren Antrag auf politisches Asyl in der Bundesrepublik entschieden wird.

Nur Georg ist eine Ausnahme. Er war schon in Zirndorf, in diesem für sie magischen Ort und konnte dort vor einem Ausschuß die Gründe seiner Flucht erklären. Die endgültige Entscheidung über seinen Antrag ist freilich noch nicht gefallen. Der 21jährige Tscheche ist denn auch der erste, der erzählt, wie er nach Deutschland gekommen ist. Die anderen sind skeptisch und warten erst einmal vorsichtig ab. Sein indischer Nachbar mit dem türkischen Turban auf dem Kopf, hatte von vornherein klargemacht, daß er nichts sagen würde: „Ist zu gefährlich.“

Es scheint, als hätte sich Georg Notizen gemacht. „Also das war so“, fängt er an, „meine Eltern haben zwei Jahre hier für eine tschechische Firma gearbeitet. Danach bekamen sie in der CSSR Schwierigkeiten, sie durften nicht über Deutschland sprechen. Ich war in Jugendverbänden aktiv und wurde von der Partei unter Druck gesetzt. Schließlich wollten sie mich nicht Zur Abschlußprüfung der Handelsschule zulassen. Mit Hilfe von Bekannten beschaffte ich mir die notwendigen Papiere für ein Touristenvisum. Im Januar kam ich in Kaiserslautern an, eine Woche lang konnte ich bei Freunden bleiben, die mir mit Geld weiterhalfen. Man muß Freunde haben, anders geht es nicht.“

„Du hattest es gut“, wird er aus der Hinterbank unterbrochen. Aber Georg redet unbeirrt weiter. Er spricht gut Deutsch. „An einem Sonntag bin ich dann in Hamburg angekommen, am Montag drauf war ich auf der Ausländerbehörde. Die sagten mir, ich solle meinen Antrag auf politisches Asyl zu Hause ausfüllen und damit in einer Woche wiederkommen. Dann wäre auch ein Dolmetscher da. Ich habe es aber mit dem Wörterbuch gemacht. Vom Sozialamt bekam ich kein Geld, weil ich ja noch kein offizieller Asylbewerber war. Dann sagten sie, ich solle zur Bahnhofsmission – gehen, aber da gaben sie mir nur ein Brot. Ich zog ins Pennerheim und wartete einen Monat lang auf eine Antwort aus Zirndorf. Ich fand einen Job bei Hertie. Jetzt habe ich mir ein Zimmer genommen, mache den Sprachkurs und arbeite von September an im Empfang eines Hotels.“