Von Karl-Heinz Janßen

Wie konnte es passieren? Auch vierzig Jahre nach der Entfesselung des Zweiten Weltkrieges läßt diese Frage die Menschheit nicht los, die noch immer an den Spätfolgen zu tragen hat – nicht nur die Deutschen, auch Polen und Tschechen, Juden und Araber, Vietnamesen und Koreaner. Wir dürfen uns die Antwort nicht zu leicht machen, erst recht nicht, da die Mehrheit unseres Volkes die Schrecknisse jener Tage gar nicht mehr erfahren hat. In letzter Zeit werden Tendenzen der publizistischen Geschichtsbetrachtung spürbar, vor der man nur warnen kann. Folgt man einigen dieser Darstellungen, so könnten unbefangene Zeitgenossen versucht sein, nicht mehr (oder nicht allein) Hitler für den Hauptschuldigen zu halten, sondern den sowjetischen Diktator Josef Stalin, polnische Chauvinisten und unaufrichtige britische Staatsmänner.

Diese Ansichten kommen dem weitverbreiteten, nur zu begreiflichen Gefühl entgegen, daß man die Deutschen nicht unaufhörlich für etwas bestrafen kann, was vor Generationen geschehen ist. Jene Geschichtsdeutungen sind keineswegs ganz falsch. Es läßt sich nun einmal nicht bestreiten, daß Deutschland ohne die massive materielle Unterstützung durch die Sowjetunion einen Weltkrieg gar nicht hätte riskieren können, daß die Großmannssucht polnischer Christen und die Annexionsgelüste polnischer Nationalisten Hitler bei seinem teuflischen Vorhaben in die Hände arbeiteten und daß die Westmächte durch ihre appeasement-Politik bis zur letzten Minute bei ihren Gegenspielern den Eindruck verächtlicher Schwäche hervorriefen. Doch für alle Beschuldigten lassen sich mildernde Umstände ins Feld führen.

Stalin: Er und sein Regierungschef Molotow zählten zu den wenigen Staatsmännern, die Hitlers offenherziges Buch „Mein Kampf“ gelesen hatten. Sie wußten also, was sie und Rußland von ihm zu gewärtigen hatten; außerdem schmerzte sie noch die Erinnerung an das Revolutionsjahr 1918, als den Bolschewisten im Würgegriff des Ludendorffschen Imperialismus beinahe die Luft ausgegangen wäre. Staatsräson und Ideologie geboten ihnen ein Arrangement mit dem faschistischen Erzfeind, der ihnen größere Vorteile in Aussicht stellte als die westlichen Kapitalisten.

Die Polen: ein stolzes, auf seine Ehre bedachtes Volk, das auf Kosten der deutschen und der russischen Großmacht eben erst nach 140 Jahren der Finsternis seine Freiheit wiedererlangt hatte und weder dem einen noch dem anderen Nachbarn zu willen sein mochte. Sie wollten sich nicht wie die Tschechen, die geballte Faust in der Tasche, versklaven lassen, ohne sich zuvor ihrer Haut zu wehren.

Die Demokratien: Sie boten, auf den ersten Blick, im Sommer 1939 keine erhebende Vorstellung. Aber gerade durch ihr schon fast unverantwortliches Zögern, durch die nicht nachlassende Aktivität ihrer Diplomatie, die selbst eine Chance von einem Prozent nicht unversucht lassen wollte, um den Frieden zu retten, durch dieses entsagungsvolle Geschäft des guten Zuredens haben sie ihren Völkern in dem schließlich unausweichlichen Krieg die bestmögliche moralische Position freigehalten.

Jener Premier mit dem Parapluie, Neville Chamberlain, der sich auf seine alten Tage zum erstenmal in ein Flugzeug setzte und dreimal über den Kanal flog, um Europa vor der Zerstörung zu bewahren, oder jener Minister, der sich weigerte, die Rüstungsfabriken im Ruhrgebiet zu bombardieren, weil diese doch „Privateigentum“ seien – rührend anständige Gentlemen einer versunkenen Epoche, denen die Geschichte ihren guten Willen schlecht gedankt hat. Ihr Unglück war es, daß sie mit zynischen, verlogenen, verbrecherischen Machtmenschen umgehen mußten.