Mittelmäßig

„The Wanderers“ von Philip Kaufman ist ein Film über eine Straßenbande italo-amerikanischer Herkunft in der New Yorker Bronx des Jahres 1963. Keine konsequent stilisierte Gewalt-Choreographie wie Walter Hills „Die Warriors“. Ein „gangmovie“ zwar – doch mit lyrisch-mythischen Akzenten. Aus dem erfolgreichen Erstlingsroman von Richard Price, einer verzweifelten Tragikomödie von der Nacht verlorener Jugend auf den Straßen zum „Erwachsen-Werden“, ist in dieser Version (Drehbuch: Philip und Rose Kaufman) eine teils satirische, teils sentimentale Rekapitulation typischer Teenager-Rituale geworden. Eine Ansammlung anekdotischer Vignetten, zusammengehalten nur durch hektische Vitalität und zeittypische Songs. „Walk Like a Man“ ertönt auf dem Soundtrack in der Anfangsszene, als sich ein Bandenmitglied in fremdes Territorium verirrt hat und verfolgt wird. „The Times They Are A-Changin’“ hört der Anführer der „Wanderers“ (Ken Wahl) gegen Ende durch die Scheiben eines kleinen Folk-Cafés: Vom euphorischen Pop der „Four Seasons“ zum prophetischen Oppositionssong Bob Dylans. Philip Kaufman („Die Invasion der Körperfresser“, 1978) zelebriert diesen Abgesang auf eine Ära mit Zitaten, die von „West Side Story“ und „Uhrwerk Orange“ bis zu „Mean Streets/Hexenkessel“ und „Die Warriors“ reichen.

Helmut W. Banz

Verunglückt

„Geschichten aus dem Wiener Wald“ von Maximilian Schell. Verglichen mit Ödön von Horváth ist selbst Thomas Bernhard der reine Philanthrop. „Geschichten aus dem Wiener Wald“ (1930), das böseste von Horváths bösen Volksstücken, war in den letzten Jahren oft auf dem Theater zu sehen: von Otto Schenk, Jürgen Flimm, Hans Hollmann, Horst Zankl, Klaus Michael Grüber inszeniert. Jetzt kommt es ins Kino – und auf den Hund. Maximilian Schell, soeben bei den Salzburger Festspielen mit einer Schnellfassung von Schnitzlers „Weitem Land“ verunfallt, richtet auch den Dichter Horváth rasch, in neunzig Kinominuten, zugrunde. Vor allem bleibt Schells wirre, teils alberne, teils albern dämonisierende Filmfassung fühllos vor Horváths empfindlichstem Kunstmittel, der Sprache. Horváths Kunst-Wienerisch („Es darf kein Wort Dialekt gesprochen werden!“), das mit jedem Satz auf die Brutalität hinter dem Charme, das Grauen hinter der Gemütlichkeit hinweist, wird durch ein schlampig gesprochenes, pseudonatürliches Milieu-Wienerisch ersetzt. Horváths Menschen werden weder sachlich beschrieben noch subtil denunziert (für beides gäbe das Stück genügend Material); bei Schell sieht man keine Unmenschen, sondern Nicht-Menschen: Chargen. Und so lernt man, daß auch in jedem großen Schauspieler ein Grimassenschneider steckt: Ohne Regisseur sehen selbst Helmut Qualtinger, Walter Schmidinger und Jane Tilden kaum besser aus als André Heller, der auch irgendwie mitspielt. Taub für Horváths Sprache, blind für seine Figuren (selbst die eindrucksvoll-ehrliche Birgit Doli als Marianne wird durch zu viele Großaufnahmen und Glyzerintränen filmkünstlerisch mißhandelt), rettet sich Schell in üppige Genrebilder. Beim’ Picknick an der Donau muß Qualtinger im gestreiften Badeanzug Heimat- und Sexfilmkomik produzieren, die Szene im „Maxim“, bei Honrath eine von vielen, wird zur aufdringlichen, knalligen Hauptsache. Ein einsamer Höhepunkt: Adrienne Gessner als Großmutter und Kindsmörderin. Eine zarte, zerbrechliche, schreckliche Greisin, ohne Erbarmen und ohne Eitelkeit gespielt. Keine Märchenhexe – eine Österreicherin. Benjamin Henrichs

Empfehlenswerte Filme

„Manhattan“ von Woody Allen. „Das Versteck“ von Frank Beyer. „Halloween – Die Nacht des Grauens“ von John Carpenter. „Woyzeck“ von Werner Herzog. „Ein komischer Heiliger“ von Klaus Lemke. „In der Glut des Südens“ von Terrence Malick. „Die Herde“ von Zegi Ökten. „Armee der Liebenden“ und „Tally Brown, New York“ von Rosa von Praunheim. „Du wirst noch an mich denken“ von Alan Rudolph. „Der Mann aus Marmor“ von Andrzej Wajda.