Wenn die Armee zuwenig Soldaten hat

Von Hans Schueler

Wenn es hülfe, würde sich Willi Berkhahn gewiß gern noch im nachhinein auf die Zunge beißen. Der Wehrbeauftragte des Bundestages und Grundrechtswahrer für alle – männlichen – Soldaten hat an ein Tabu gerührt, mit dem eben dieser Bundestag vor einem Vierteljahrhundert die Frauen wie mit einem Gattungsgrundrecht umgab: „Sie dürfen auf keinen Fall Dienst mit der Waffe tun.“ So steht es seitdem in der Verfassung. Doch Berkhahn ließ dieser Tage just einen Bild-Reporter wissen, daß er da ganz anders denkt: „Für die neunziger Jahre muß sich der Bundestag möglicherweise mit einer Grundgesetzänderung beschäftigen, damit auch Frauen an der Waffe ausgebildet werden können.“

Es war abzusehen, welchen Ärger sich der Wehrbeauftragte mit seiner Äußerung einhandeln würde. Aus allen Parteien, von den Jusos bis zur Jungen Union scholl ihm empörter Widerspruch entgegen. Die Generäle und ihre Personalplaner auf der Bonner Hardthöhe sind indigniert, weil sie ihre Denkspiele, in ein schiefes Licht gerückt sehend Hans Apel, der Verteidigungsminister, erteilte dem parlamentarischen Aufpasser eine glatte Abfuhr.

Und die Frauenfunk die es ja geht? Aus ihren Reihen kommt zwiespältiges Echo. Für die ältere Generation hat Bundestags-Vizepräsidentin Liselotte Funcke wohl noch eine verbindende Formel gefunden: „Gleichberechtigung verlangt nicht Gleichbehandlung um jeden Preis. Frauen, die bestimmt sind, Leben zu geben, dürfen nicht zum Töten gezwungen werden.“ Doch ist damit zugleich das Thema angesprochen, auf das sich die Jüngeren bei der Diskussion um Wehrpflicht und Waffendienst immer stärker konzentrieren: die Gleichberechtigung.

Viele junge Frauen wollen offenbar nicht mehr den ihnen von der Verfassung zugedachten Schutz oder sie wollen ihn jedenfalls nicht so, weil sie dahinter nur eine neue Erscheinungsform der alten Heim-und-Herd-Ideologie wittern. Sie wünschen sich deshalb, wenn nicht die Pflicht zum Wehrdienst, so doch die Möglichkeit freier Entscheidung für oder gegen ihn (überwiegend wohl mit dem Vorbehalt, ihn dann zu verweigern).

Sie können sich immerhin darauf berufen, daß die Gründe, aus denen der Bundestag im Jahre 1956 – dem Gründungsjahr der Bundeswehr – Frauen von der Wehrpflicht nicht nur freigestellt, sondern ihnen den Wehrdienst regelrecht verboten hat, keinen Anspruch auf Rationalität erhoben: „Mit programmatischem Nachdruck“, so erklärte damals die Kirchenrätin Elisabeth Schwarzhaupt als Berichterstatterin für die Wehrverfassung vor dem Plenum, müsse dann festgehalten werden, „daß unsere Auffassung von der Natur und der Bestimmung der Frau einen Dienst mit der Waffe verbietet.“ Darin waren sich alle einig.