Von Heinz-Günter Kemmer

Sir Derek Ezra, Chef des verstaatlichten britischen Kohlenbergbaus, spitzte interessiert die Ohren. Was dieser Deutsche da vortrug, fand er ganz beachtlich. Staatsunternehmen könnten nur nach privatwirtschaftlichen Grundsätzen geführt werden, wenn sie nicht für den Steuerzahler unzumutbar werden sollten. Sir Derek klatschte Beifall und bedauerte, daß es in der britischen Regierung niemanden gab, der diese Auffassung ebenfalls vertrat.

Ernst Pieper, der damals im Bundesfinanzministerium das wirtschaftliche Vermögen der Bundesrepublik Deutschland verwaltete, brachte sein Vortrag vor Vertretern öffentlicher europäischer Unternehmen aber nicht nur das Lob des obersten Bergmanns Ihrer Majestät ein. Er verhalf ihm auch zu einem neuen Job, der für mindestens das Vierfache seiner damaligen Bezüge gut ist.

Unter den Zuhörern saß nämlich auch Hans Birnbaum, Vorstandsvorsitzender der bundeseigenen Salzgitter AG. Dieser war just auf der Suche nach einem Nachfolger und fand Gefallen an Pieper und seinem Vortrag. Vierzehn Tage nach dem Londoner Auftritt machte er Pieper ein Angebot. Und am 1. Mai 1977 wurde Pieper, damals 48 Jahre alt, Mitglied des Salzgitter-Vorstands. Im Jahr darauf ernannte ihn der Aufsichtsrat zum stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden, seit dem 1. August ist er Birnbaums Nachfolger.

Natürlich lernte ihn Birnbaum nicht erst auf der Londoner Tagung kennen. Vielmehr war Pieper sein ständiger Gesprächspartner in Bonn und überdies auch dort schon so etwas wie sein Nachfolger. Denn ehe Birnbaum 1961 in den Salzgitter-Vorstand eintrat, war er ebenfalls im Bundesfinanzministerium damit beschäftigt, das industrielle Bundesvermögen zu verwalten.

Das führt zwangsläufig zu der Frage an Ernst Pieper, ob denn der Vorstandsvorsitz bei Salzgitter so eine Art Erbhof für Bonner Ministerialbeamte ist, ob denn hier wieder einmal das Wort vom Knaben an der Quelle zutrifft. Aber davon will der frischgebackene Salzgitter-Chef nichts wissen. Nicht Bonn habe ihn nach Salzgitter geschickt, sondern Birnbaum habe ihn nach Salzgitter geholt. Und als Beweis dafür, daß sich die Bonner Ministerialbürokratie nicht sämtliche lukrativen Jobs bei Bundes gesellschaften unter den Nagel reißt, nennt er eine Reihe von Fällen, in denen Spitzenpositionen mit Männern aus der Privatwirtschaft besetzt worden sind.

Freilich gibt es auch genug Beispiele dafür, daß Bundesbeamte lukrative Positionen bei früher von ihnen betreuten Unternehmen übernommen haben. Und daß es auch sein Traum nicht war, bis zur Pensionierung in Diensten der Bundesrepublik Deutschland zu stehen, bestreitet Pieper überhaupt nicht. Als ihn die Birnbaum-Offerte erreichte, verhandelte er gerade mit einem englischen Unternehmen über eine leitende Funktion.