Nun müssen wir also doch wieder alles wegwerfen. Da haben wir vor noch gar nicht so langer Zeit das damalige technische Nonplusultra angeschafft – vergiß es; es ist nicht mehr diskutabel. Da haben wir uns dem scheinbar letzten modischen Trend der Stylisten unterworfen – vergebens; man sieht den Geräten an, daß sie von gestern sind. Da haben wir, Wohnungsgröße hin, Stil der Einrichtungen her, Geräte in den Ausmaßen mittlerer Möbelstücke aufgestellt – tu’s zum übrigen; die ungefügen Kasten werden uns die nächsten Jahre immer wieder im Wege stehen und an den Irrtum erinnern, daß wir einmal Volumen für ein Qualitätsmerkmal hielten.

Nun sind wir ja auch, der Marktwirtschaft sei Dank, nicht so leicht zufrieden; wir haben Ehrgeiz und Selbstbewußtsein, stellen Ansprüche, können es uns leisten, etwas wegzuwerfen. Schließlich arbeiten wir dafür.

Also: Den Fernseher mit den acht Stationstasten und der 56er Bildröhre kriegen die Kinder. Wir kaufen jetzt entweder ein wirkliches Spitzengerät, eins mit 67er Diagonale und Kornfortbedienungssystem – oder stellen einen 36er ins Regal. Der Kleine hätte den Vorteil, daß er nicht mehr auffällt; und da ständig vor der Glotze zu sitzen sowieso im Augenblick nicht als fein gilt (und wenn wir mal ehrlich sind: so gut ist das Programm ja auch schon lange nicht mehr), genügt er eigentlich. Zudem hat er so einen Monitor-Look, das bringt einen Hauch von Studio ins Zimmer, eigentlich ganz chic.

Der Große allerdings, mein Gott. Mit dem Bedienungssystem kann man sage und schreibe 99 Kanäle direkt wählen, 39 davon fest speichern, und zwar bei 29 nicht nur die Abstimmungsfrequenz, sondern für jeden individuell Lautstärke, Helligkeit, Farbsättigung und Kontrast – und dies mit einem „Timer“ auch für zwölf Monate im voraus. Man kann ja nie wissen, wieviele Kanäle wir in fünf oder zehn Jahren empfangen können, und es ist doch durchaus vorstellbar, daß die Techniker vom demnächst dreigeteilten Norddeutschen Rundfunk vor lauter Ausgewogenheit auch in unterschiedlichen Farbkomponeten und einer angepaßten Dynamik senden. Und daß das „Sandmännchen“ auch im Juli nächsten Jahres noch werktäglich im Ersten Programm des NDR und RB um 18.45 Uhr erscheinen wird, gilt als ziemlich sicher.

Dann besitzt der Große bereits eine Vorausrüstung für die kommenden Zusatz-Features: für einen Super-Spiele-Computer, mit dem man Tennis und Fußball spielen, Hasen schießen und Schiffe versenken kann; für einen Decoder, der die neuen Medien empfangen läßt, „Bildschirmtext“, den die Bundespost über das Telephonnetz, oder Videotext, den dis bisherigen Fernsehgesellschaften in der „Austastlücke“ verbreiten wollen; für unseren Home-Computer, der weiß, ob wir noch genügend Mehl in der Küche haben; für die Video-Kamera, mit der wir abends beobachten, ob Baby auch wirklich schläft. Mit dem Großen kriegen wir einen zentralen Video-Terminal ins Haus.

Zudem hat der Kasten eine 35-Watt-Endstufe und eine interne 50-Watt-Zweiwege-Box. Dadurch ist das Gerät Hi-Fi-fähig – wenngleich die Sender auch vorerst immer noch einen Uralt-Ton senden; ist es auf Stereophonie oder Zwei-Sprachen-Ton vorbereitet – obwohl in den Funkhäusern außer ein paar spinnerten Fexen niemand den entsprechenden Ausbau zu beschleunigen sucht. Aber wenn es einmal losgeht – wir können dann John Wayne oder Luis Funès in ihrer Originalsprache hören; oder, umgekehrt, den „Don Giovanni“ in der deutschen Übersetzung.

Vor allem: Auf dem großen Schirm werden unsere Urlaubs-„Filme“ ganz toll aussehen. Um die 3000 Mark billig sind die tragbaren Farbkameras inzwischen geworden, sie verfügen über einen elektronischen Sucher-Monitor, über eine Blendenautomatik, einen Motorzoom, lassen sich sogar fernbedienen, und das Magnetband-Material kostet nur noch ein Zehntel dessen, was für einen Super-8-Film mit Ton-Randspur zu bezahlen wäre. Selbst der bislang nur den Profis vorbehaltene Abtaster, der Filme abspielt, in elektronische Impulse umwandelt und entweder direkt auf den Bildschirm oder in eine Aufzeichnungsmaschine gibt, ist jetzt für Amateure da. Was uns noch fehlt, ist ein Video-Mischpult mit eingebauter Cox-Box. Als der „offene“ Kanal hat das künftige Hausprogramm bereits seinen Namen – für die selbstgefertigten Fernsehsendungen fungiert die Hausfrau als Gebühreneinzugszentrale.