Die ersten Bilder des Films: Man hat sie schon oft gesehen, doch so noch nie.

Die Wolkenkratzertürme von Manhattan, vom Stuyvesant-Hubschrauber umkreist, aus Frosch- und Vogelperspektive angestaunt, New York im Nebel und im Abendrot – große, weite, bunte Welt. Die Stadt, mindestens ihre glamouröse Vorderseite, ein Kultobjekt von Werbelyrik und Farbphotographie.

Woody Allens Film „Manhattan“ beginnt, wie originell, mit Bildern von Manhattan: die Häuser, die Menschen, die Straßenschluchten. Und doch ist diesmal, durch einen einzigen, simpelgenialen Kunstgriff, alles anders. „Manhattan“ ist ein Schwarzweiß- und Breitwandfilm: große, weite, graue Stadt.

New York in Schwarzweiß ist ein melancholischer Ort – kein protziger Superlativ, kein Traum in Technicolor. New York auf Breitwand ist ein mythischer Ort – von jener Realität, die das kleine, fast quadratische Fernsehbild zeigt, unendlich weit entfernt. Woody Allens „Manhattan“ ist zu grau für einen Monumentalfilm, zu monumental für einen „Problemfilm“; zu traurig für eine Komödie, zu komisch für eine Tragödie.

Manhattan ist nicht New York. Doch streng besehen zeigt der Film „Manhattan“ nicht einmal Manhattan; weder die prächtigen Kulissen noch das Elend dahinter. Ein Manhattan ohne Slums und fast ohne Farbige – allenfalls laufen mal ein paar Schwarze flüchtig im Hintergrund durchs Bild. Ein Manhattan ohne Harlem und die apokalyptischen Szenerien der Bowery – ohne Rocker, ohne Fixer, ohne Räuber. Einmal geraten Woody Allen und Diane Keaton in einen heftigen Gewitterregen – größere Gefahren drohen in ihrem New York offenbar nicht.

Woody Allens „Manhattan“ ist Woody Allen Manhattan: die Stadt der weißen, liberalen, selbstverständlich progressiven Intellektuellen – sie leben in der Stadt, sie lieben die Stadt, doch sie nehmen sie nicht zur Kenntnis. Was eine Schwäche des Films sein könnte (seine Blindheit für das „andere“ New York), ist tatsächlich sein Thema: die Blindheit der oberen Stadtbewohner. Ihre Stadt, das ist die ganze Welt, doch sie sehen nur einen winzigen Ausschnitt: sich selber. Daß die Stadt krank ist, womöglich stirbt, fällt ihnen nicht weiter auf – der Hypochonder studiert nur den eigenen Verfall.

Woody Allens Stadtmenschen sind allesamt Stadtneurotiker – und so nett (so zugänglich, so weltoffen, so aufgeklärt) sie auf den ersten Blick erscheinen, so krank und hysterisch auf den zweiten. „Manhattan“ ist ein leichtfüßiger, witziger Film, bestimmt kein kulturkritisches Jahrhundertwerk; doch seine Komik (wie jede Komik) lebt von Katastrophen und Bankrotts. Vorgeführt wird: die progressive Leistungsgesellschaft, die zum Krampf gewordene Unbefangenheit, die zur Idiotie entartete Aufklärung.