Es gibt keinen Grund, daß Eltern sich nicht ebenso solidarisieren wie junge Menschen; deshalb antwortet ein Fremder auf den Brief eines 21jährigen Studenten in der ZEIT vom 20. Juli.

Sicher gab es im letzten Jahrzehnt viele Eltern, deren Söhne und Töchter ihnen mitteilten, daß sie eine Ausbildung nicht zu Ende führen, daß sie sich einer Kommune anschließen, daß sie nach Nepal reisen oder daß sie schlicht die nächsten Monatswechsel an ein Postfach erbitten und sich weitere Nachforschungen über ihren Verbleib verbitten. Sicher haben dadurch junge Menschen mehr Leid verursacht als sie ahnten und hat sich die Kluft zwischen den Generationen noch erweitert,

Ihr meintet, daß Ihr unser Lebensinhalt seid. Darin liegt wohl unser wesentlichster Meinungsunterschied. Ihr waret Gegenstand unserer Hoffnungen auf ein besseres Leben in dieser Welt, die aber nur weiterentwickelt werden kann, die sich nicht anhalten läßt. Den Vorwurf des mangelnden Dialogs akzeptieren wir. Die Schlußfolgerung, daß die Welt nicht veränderbar und das Leben nicht lebenswert sei, ist aber verfehlt.

Nach 1945 haben wir als Kinder (damals jünger als Ihr heute seid) an einem Wiederaufbau teilgenommen, der aus – unserer Bundesrepublik einen der liberalsten Staaten und zugleich den zweitgrößten Industriestaat gemacht hat. Das eine wäre ohne das andere nicht möglich gewesen, und Ihr werdet mit Eurem Verständnis von Mitarbeit und von Teilnahme am gesellschaftlichen Leben nichts verbessern, sondern allenfalls die Vernichtung der positiven politischen und wirtschaftlichen Werte einleiten. Das beweist die von Euch formulierte Einstellung zu Selbstverständlichkeiten unseres täglichen Lebens.

Zum Beispiel Arbeit: Ihr wendet Euch dagegen, weil sie Entfremdung bedeute, weil sie Sklaverei sei, Euch nur zur austauschbaren Nummer einer Funktion mache. In einem Beschäftigungsverhältnis verkaufe man sich, seine Zeit, sein Leben.

Unser Verständnis von Arbeit ist anders, weil wir es schon 1945 nach dem Zusammenbruch der Tyrannis des Nazismus anders sahen: Arbeit konnte uns vor dem Verkommen retten, konnte unsere Wirtschaft zum Export befähigen und konnte uns vor dem Schicksal des Morgenthau-Plans bewahren, der aus Deutschland einen Agrarstaat gemacht hätte. Weil die Produktivität der Landwirtschaft seit 1945 enorm gestiegen ist, arbeiten in diesem Sektor nur noch eineinhalb Millionen Menschen und produzieren trotzdem mehr als je zuvor pro Hektar. Der Einsatz von mehr Menschen in diesem Bereich ist wirtschaftlich nicht sinnvoll, selbst wenn mancher sich wünscht, die Früchte seiner Arbeit im Rhythmus von Pflügen, Säen, Ernten besser vor Augen zu haben.

„Arbeit macht frei.“ Dies stand als Hohn über den Toren der Konzentrationslager. Ihr habt den Hohn mißverstanden und daraus die Regel abgeleitet, daß alle Arbeit nur den Herren von Konzentrationslagern diene. Ihr vergeßt das Heer der Handwerker, der mittelständischen Kleinbetriebe, auch der selbständigen Handelsvertreter, die alle auf ihre Weise teilhaben an der Schaffung und Aufrechterhaltung unseres Wohlstands. Solange wir nicht im Schlaraffenland leben, wird Arbeit für die Schaffung der Güter erforderlich sein, die Ihr in reichem Maße verbraucht.