Marx, Milch und Munition aus dem Osten – aber Stammesrivalitäten sind immer noch stärker

Haß und Hoffnung füllt die Lager der Revolutionäre

Von Carola Stern

Chicken-in-the-basket, das Spezialgericht, hat sich Horst bestellt und nagt jetzt an den Resten seines Kükens. Am Swimmingpool döst Robert. Über die kleine Brücke zwischen den schattigen Innenhöfen schlendert eins der schwarzen Mädchen, die, meist an der offenen Eingangstür postiert, nach Kunden Ausschau halten. Siesta-Zeit. 35 Grad im Schatten. Wir sind im Hotel Ridgeway, erbaut im Kolonialstil von den Briten und immer noch bevölkert von mehr Europäern und Indern als von Afrikanern.

Pünktlich um zwei steht Andrew in der Halle. Wir steigen in den Jeep mit der kyrillischen Beschriftung Und durchqueren die sambische Hauptstadt Lusaka. Die Armut verbirgt sich vor dem ersten Blick, der an der Gartenlandschaft hängenbleibt, an den rotglühenden Flamboyent-Bäumen der Straßenränder, an den Hochhäusern der Kairo Road, der Hauptstraße, mit den Büros der Fluggesellschaften, den Banken, den Vereinten Nationen. Von der schnurgeraden Straße, die vorbei am Stadtrand südwestlich nach Kafue und weiter an die Grenze zu Rhodesien führt, biegt der Jeep nach einer guten halben Stunde rechts in einen Feldweg ein und rumpelt etwa 20 Kilometer durch die sambische Savanne.

Nach einer Weile sehen wir in der Ferne eine weite, zu kleinen Hügeln aufgeworfene sandige Fläche, durchbrochen von leuchtenden, gelben, blauen, roten Tupfern. Näherkommend erkennen wir Hunderte von kleinen schwarzen Mädchen, etwa zehn, zwölf Jahre alt, die in bunten Sommerkleidern auf der aufgeworfenen Erde spielen. Da und dort lugt eine wollene Zipfelmütze, aufgesetzt als Sonnenschutz, aus einem Erdloch hervor. Einige der Mädchen graben mit kleinen Spaten an unterirdischen Gängen, die die Sandfläche durchziehen.

Der Jeep stoppt vor zwei Männern mit Gewehren: Lagerwachen. Wir haben das Victory Camp erreicht, ein Flüchtlingslager mit achttausend Mädchen. Sie haben die Erdlöcher und Gräben angelegt, um bei einem Luftangriff hier Schutz zu finden. Auf dem hellen braunen Sand des Lagers stehen Betonbaracken. Jeweils achtzig, neunzig Mädchen schlafen in den langgestreckten, tagsüber leeren Räumen auf der Erde. Möbel gibt es nicht. Ihre Kleidungsstücke haben die Mädchen in Decken eingewickelt und als Bündel an die Wand gestellt. In den wenigen Feldbetten, die es in diesem Lager gibt, schlafen jeweils zwei. „Ist der Raum nicht viel zu eng?“ Die Antwort: „Im vorigen Jahr waren wir hier über zwanzigtausend und viele mußten noch in Zelten schlafen.“