ZDF, Dienstag, 4. 9., 22 Uhr: „Heimat – Neue Ansichten von Utopia“, Film von Wiltrud Mannfeld und Peter Nicolay

Natürlich. Ein Film, der den Zweifel nicht nur bekennt, sondern auch zum Thema macht, wird ins Nachtprogramm geschoben. Wer zwei Stunden vor Mitternacht noch nicht ins Bett muß, sollte sich diesen Bildern und der Verlegenheit der Redakteurin und der von ihr befragten Autoren aussetzen. Es ist die Verlegenheit, die wir Wochenend-Spaziergänger kennen: Gerade dort, wo wir „Natur“ (zu) erleben (wähnen), wird ein Atomkraftwerk gebaut.

Richtig (für manche Zuschauer sicher langweilig) ist, daß Wiltrud Mannfeld die Autoren reden läßt, die sie nach Heimat, Landschaft, Natur befragt. Ludwig Harig aus dem Saarland, Jurek Becker aus der DDR, Nicolas Born aus den Elbmarschen – sie alle verteidigen den Rest unberührter Natur gegen den Zugriff der „Macher“.

Da reden keine Politiker. Da wird nichts gefordert. Und daß Wiltrud Mannfeld aus den verstörend vagen, ausschweifenden Äußerungen der nicht in der Großstadt, sondern im gesellschaftlichen Abseits lebenden Autoren keine Thesen formuliert, spricht für die Sendung: Wir bleiben mit den Fragen allein. Antworten, wenn es sie gibt, können/sollen wir selber finden.

Da wird Ludwig Harig nicht müde, seine saarländische Provinz zu preisen, die er (zu Recht!) als Metropole deutscher Poesie versteht Jurek Becker, sehr skeptisch, findete „Heimat“ eher in einer Universität im Mittelwesten der USA als in der Bundesrepublik. Und Nicolas Born, müde den Schaukelstuhl im modernisierten Bauernhof des Elbe-Dreiecks zur DDR bewegend, fragt sich und uns, ob „Heimat“ in der Industrielandschaft überhaupt noch zu erleben ist.

Skepsis gegenüber dem leicht verfügbaren Begriff „Heimat“ einzuimpfen – das ist Tendenz dieser Sendung. Schon führen (fast) alle Politiker, die sich im nächsten Jahr zur Wahl stellen, dieses Wort im Mund. Da ist es ernüchternd, den bärtigen DDR-Bürger Jurek Becker, der Studenten in USA über deutsche Dichter informiert, sagen zu hören: „Es ist ein folgenschweres Mißverständnis, Staat und Heimat als Identität, nicht als Gegensatz zu erleben.“

Ist deshalb deutsche Geschichte, wie Martin Walser in dieser Sendung sagt, ein „Katastrophenprodukt“? Der Film zeigt die Platanen-Allee in Tübingen, die unberührte Landschaft des von der Weltgeschichte fast vergessenen Winkels, wo „Ost“ und „West“ in der Mitte der Elbe aneinanderstoßen.