Von Ernst Klee

Am Fest der Ausgießung des Heiligen Geistes machte sich Hans Georg Jaekel, Pfarrer und Direktor des Diakonischen Werkes in Berlin, auf, eine alte Schuld der Kirche abzutragen. Pfingsten 1978 schrieb Jaekel das Vorwort zu seinem Buch „Ins Ghetto gedrängt“ (Lutherisches Verlagshaus). „Ich bin Christ“, heißt es da, „und werde die Frage nicht mehr los, ob homosexuelle Männer und Frauen nicht genauso wie andere unsere ‚Nächsten‘ sind.“

Homosexuelle Theologen allerdings haben bislang ihre Veranlagung verschweigen müssen, wollten sie in der Amtskirche arbeiten. 1974 befanden die evangelischen Landeskirchen: Homosexuelle dürfen nicht auf die Kanzel. Der Evangelische Oberkirchenrat in Karlsruhe schrieb damals: „In der Praxis wird eine Anstellung von Bewerbern mit homosexueller Neigung mit Rücksicht auf die Gemeinde und den Umgang mit Kindern und Jugendlichen im Unterricht und in der Jugendarbeit nicht in Betracht kommen. § 2 des Pfarrerdienstgesetzes... nennt unter den Voraussetzungen für die Anstellungsfähigkeit eines Pfarrers unter anderem auch einen Lebenswandel, wie er von einem Diener der Kirche erwartet wird.“

Im Juni 1979 wollte ein Pfarrer nicht länger schweigen. Der 41jährige Pastor Klaus Brinker bekannte seiner Gemeinde in Hannover, er sei homosexuell. Er habe sein Anderssein als ein von Gott auferlegtes Geschick bejahen gelernt. Viele Gemeindeglieder hielten zu ihm. Doch der Kirchenvorstand entschied, daß Brinker gehen müsse.

Auf dem Evangelischen Kirchentag in Nürnberg wurden für Brinker 4000 Unterschriften gesammelt. Eine „Aktion Sühnefasten“ protestierte jedoch, daß „perverse homosexuelle Praktiken“ mit dem wunderbaren Schöpfungsakt gleichgestellt würden. Und einer der Protestierenden verkündete lauthals, auch „so einer“ gewesen zu sein. Doch Jesus habe ihn geheilt.

Nun bekennen weitere Theologen, wenn auch unter Pseudonym, im Montagsboten, einem Informationsblatt der Theologiestudenten von Kurhessen-Waldeck (Kassel), homosexuell zu sein.

Die aggressivste Klage kommt von „Esther“. Sie fragt herausfordernd: „Wie reagiert ihr darauf, daß ich nicht einem Mann den größten Teil meiner Energie zuwende?“ Homosexuelle und Lesbierinnen stellen das traditionelle Ideal „der heterosexuellen lebenslang monogamen Ehe zwecks Produktion und Aufzucht von Nachwuchs in Frage“. Sie durchlöchern die Normen und leben im Grunde „Sehnsüchte der rigiden Heteros“ aus.