Die Kunst, auf die Gefühle der anderen Rücksicht zu nehmen, ist weder national noch international sehr entwickelt. Wäre es denn nötig gewesen, daß der neue Reeder der „France“ noch in ihrem altem Heimathafen Le Havre den Namen „Norway“ anbringen ließ? Hätte er damit nicht warten können, bis das Schiff in Bremerhaven, der Stätte seines Umbaues, angekommen sei?

Wir wollen denen nicht widersprechen, die in den ergreifenden Abschiedsszenen die Regie des Bürgermeisters von Le Havre erkannt haben wollen. Dem Bürgermeister, der Kommunist ist, sei jede Gelegenheit recht, seinen Beitrag zu dramatischen Demonstrationen zu leisten, in denen Zorn und Unzufriedenheit der Massen sich ausdrücken. So wäre denn der Abschied von der Ex-France nicht so sehr Ursache, als vielmehr Anlaß zum öffentlichen Ausdruck von Empörung gewesen. Aber es sind auch echte Tränen geweint worden.

Galten diese Tränen etwa der Tatsache, daß die CGT, das kommunistische Syndikat, vergeblich. an die französischen und deutschen Gewerkschaften appelliert hatte? An den Erfolg des Appells, daß die Schlepperbesatzungen von Le Havre ihre Mitwirkung an der Ausreise der „Norway“ versagen und daß die Werftleute von Bremerhaven die Reparatur des Schiffes verweigern sollten, hat im Ernstniemand geglaubt, nicht einmal die CGT-Führer selber.

Es wäre besser, Schiffe hießen nicht „Hanseatic“, „Hamburg“, „Europa“, „France“, „Norway“; wechseln dann die Besitzer, so sieht es nicht so aus, als seien nationale Heiligtümer preisgegeben. „Seute Deern“, das paßt für weitaus mehr Gelegenheiten. Oder auch „Passat“. Und hier ist. der Punkt, auf den ich hinauswollte.

Immer, wenn Schiffe auslaufen, ergreift Wehmut die Menschen, die am Kai zurückbleiben. Je größer das Schiff, desto größer die Rührung. Große Schiffe haben so eine Art, der untergehenden Sonne nachzufahren, in Abendnebel hineirtzugleiten, daß den Betrachtern beim „Ahoi“ oder „Au revoir“ die Stimme zittert und da, Auge feucht wird. Dies ist passiert, als die Leute von Le Havte „ihr“ Schiff gewaltig und schön davongleiten sahen, gezogen von nicht gewerkschaftsbeeinflußten französischen und holländischen Schleppern. Bedenken wir nun noch, daß wir zwar in einer brutalen, aber auch tränenleichten Zeit leben, nun dann sind wir in unserer Phantasie programmiert, folgende Szene zu begreifen, die leider nicht stattfand:

Es hätten die Bremerhavener Werftleute von den Travemündern doch ganz gut die „Passat“ ausleihen können, die dort im Hafen liegt wie die „France“ in Le Havre lag – untätig. Dann hätte die „Passat“ langsam in den Hafen von Le Havre hineingleiten können in dem Moment, wo die „Norway“ hinausfuhr, und die „Passat“ in all ihrer Windjammerpracht am „Kai des Vergessens“ festmachen und so lange dort liegen müssen, wie die Reparatur der „Norway“ in Deutschland dauerte. Als Trösterin, als ein kleines Zeichen norddeutscher Aufmerksamkeit.