Mit einer Geschwindigkeit von mehr als 20 Kilometern pro Sekunde rast der Raumroboter auf den Planeten zu. Plötzlich ein dumpfer Stoß. Einer der Instrumententräger ist getroffen, er bricht ab, die Sonde trudelt. In Bruchteilen von Sekunden zerschellt Pionier 11 an den Ringen des Saturn. Seine Funksignale, die seit dem Start am 6. April 1973 das Ames-Forschungszentrum der US-Raumfahrtbehörde Nasa im kalifornischen Mountain View erreichten, sind verstummt.

Wenn die Antennen des Nasa-Weltraumohres Deep Space Network am ersten September-Wochenende wirklich nichts mehr hören, wäre es das Ende eines der längsten Unternehmen der Planetenforschung mit künstlichen Sonden. Und Pionier-Projektwissenschaftler John H. Wolfe hätte mit seiner Befürchtung recht, „der Besuch beim Saturn kann eine Kamikaze-Mission werden.“ Am 1. September nämlich wird Pionier 11 als erster irdischer Sendbote den mysteriösen Ringplaneten erreichen. Seine Chancen, ihn heil zu passieren, stehen laut Nasa fünfzig zu fünfzig.

Was macht den Flug zum sechsten Planeten des Sonnensystems so gefährlich, nachdem der Pionier die Reise zwischen den Asteroiden jenseits der Marsbahn hindurch, ja sogar durch den extremen Strahlungsgürtel rund um Jupiter gut überstanden hat? Es sind vier Ringe, trocken von A bis D numeriert und knapp fünf – oder vielleicht nur zwei – Kilometer dick, deren Breite jedoch Dreiviertel der Entfernung Erde–Mond ausmacht.

Die Ringe bestehen, das lassen Radarbeobachtungen vermuten, aus vereisten Felsbrocken, kieselgroß zum Teil, aber auch mitunter so massig wie mancher Findling auf norddeutschen Äckern. Ein Zusammenstoß mit einem solchen Stein wäre das Ende des 258 Kilogramm schweren Pionier-Gerätes. Die Kollision würde gleichzeitig eine neue Lagerstätte für Atommüll eröffnen. Denn die Stromversorgung an Bord der interplanetaren Sonde besorgt eine Isotopenbatterie, in der elektrische Energie aus der beim radioaktiven Zerfall entstehenden Wärme gewonnen wird.

Um nun ganz sicher zu gehen, daß Pionier 11 am zweitgrößten Planeten unseres Sonnensystems nichts passiert, funkten Nasa-Techniker noch im Juli Befehle ins All. Sie korrigierten die Flugbahn, so daß Pionier 11 etwa 30 000 Kilometer am (äußersten) A-Ring vorbeifliegt. Kommentiert Jack Dyer vom Ames-Forschungszentrum: „Wir gehen gerade so nah ran, wie wir es wagen können.“

Nachdem Pionier 11 im Dezember 1974 einen Looping um den Jupiter drehte, war der Weg frei für die 2,4 Milliarden Kilometer lange Reise zum Saturn. Dem Looping galt nicht nur wissenschaftliches Interesse, weil damals zum erstenmal beide Pole des Jupiter überflogen wurden. Er beschleunigte auch den Flug des Raumkörpers. Mit dem swing by nutzen Satelliten die Schwerefelder der Planeten als kosmische Schleudern; Die Anziehungskraft des Riesenplaneten Jupiter machte es möglich, daß Pionier 11 beim Start auf der Erde – mit viel weniger Treibstoff auskam, als er bei einem Direktflug zum Saturn eigentlich benötigt hätte.

Die Nasa trimmte den Kurs von Pionier 11 so, daß er nach dem Rendezvous mit Ring A „von unten“ – also vom Raum südlich des Saturn-Äquators – durch die Lücke zwischen (innerem) D-Ring und den Wolken des Saturn ziehen wird. 20 000 Kilometer wird der Pionier über den Wolken schweben und deren chemische Zusammensetzung sowie die Eigenstrahlung des Planeten Saturn untersuchen. Dann fliegt die Sonde zum Titan, dem größten Mond des Sonnensystems.