Hofmannsthal Lesebuch“, herausgegeben von Herbert Steiner. Eine Auswahl aus einem literarischen Werk zu treffen, ist fast immer ein Unding. Was soll man von Kleist oder Hamsun oder Kafka oder Grass auswählen? Schöne Stellen? Hugo von Hofmannsthal ist einer der raren Fälle, in dessen Werk man, ohne den Dichter und den Leser auf das Niveau einer Sonntagnachmittagblütenlese herunterzuwurschteln, einen wichtigen, dichten Mittelpunkt von einem oft belanglosen, verschwätzten Drumherum ganz gut unterscheiden kann. Hofmannsthal selber hat gewußt, daß sein Werk von sehr unterschiedlicher Intensität war, nicht zufällig ist die Zahl der Fragmente, die er hinterlassen hat, groß. Daß Hofmannsthals Qualität nicht in jeder von ihm geschriebenen Zeile liegt, sondern in den breitgefächerten Möglichkeiten des Dramatikers, Lyrikers, Erzählers, Essayisten und Briefschreibers, wird in einem „Lesebuch“ deutlicher als in „Gesammelten Werken“. Das „Lesebuch“ versammelt keine „Highlights“, nicht Herausgerupftes, sondern enthält vom „Rosenkavalier“ über den „Schwierigen“, vom „Lebensglück“ bis zu den „Terzinen“ vom „Märchen der 672. Nacht“ bis zum Lessing-Aufsatz eine Quintessenz des Werkes. Nur eines fehlt: Der „Chandos-Brief“, die erste, betroffenste und schlüssigste Darstellung dessen, was inzwischen Heere von Sprachforschern in eigener und unserer und Hofmannsthals Sache über den Umgang mit Sprache zu zergliedern sich bemühen. (S. Fischer Verlag, Frankfurt, 1979; 519 S., 28,– DM.) Petra Kipphoff

„Schulbuch-Schelte als Politikum und Herausforderung wissenschaftlicher Schulbucharbeit“, herausgegeben von Gerd Stein. Wer kann die jüngsten Ungereimtheiten bundesdeutscher Schulbuch-Zulassung erklären? Im CDU-regierten Niedersachsen dürfen Realschüler neuerdings das Sozialkundebuch „Politik – verstehen und beurteilen“ (von dem bairisch-konservativen Oberstudiendirektor Harro Brack herausgegeben) benutzen, im weißblauen Freistaat dagegen wurde es bereits vor längerem abgelehnt; dafür dürfen allerdings bayerische Gymnasiasten zusammen mit hessischen Gesamtschülern in dem literarischen Arbeitsbuch „modelle“ lesen, das wiederum CDU-Kultusminister Roman Herzog für baden-württembergische Schüler nicht zuläßt. Leichter als diese Genehmigungsverfahren lassen sich da schon die Vorwürfe von zumeist rechten Politikern gegenüber Schulbüchern mit kritischem Inhalt durchschauen: Hinter ihrer „Schulbuch-Schelte“ – so lautet der einprägsamere Kurztitel der vorliegenden Aufsatzsammlung – steckt kaum pädagogische Absicht, sondern eher politische Spekulation auf Wählerstimmen. Womit manche Politiker Schlagzeilen und Angst machen, nämlich mit Zitaten, die aus dem Zusammenhang gerissen sind – damit und mit ähnlichen Fragen beschäftigen sich ausführlich Gerd Stein (Gesamthochschule Duisburg) und 18 weitere Autoren. Gleichzeitig fordern die Sozialwissenschaftler, Lektoren und Lehrer, was hierzulande leider schwer zu erreichen ist: eine faire und sachliche Diskussion. Der Schulbuchautor Ludwig Helbig jammert deshalb ironisch: „Da stehe ich nun, als marxistischer, zersetzender, einäugiger, subversiver Pornograph, der Weib und Tochter zum Klassenkampf instrumentalisiert .. (Verlag Klett-Cotta, Stuttgart, 1979; 192 S.; 12,– DM.) Werner Hornung