Über das Verhältnis von Sozialdemokratie und Antisemitismus gibt es unter Historikern eine tiefgreifende Kontroverse. Die einen behaupten, es gäbe im Sozialismus eine „langanhaltende antisemitische Tradition“ (Edmund Silberner). Die anderen halten dagegen, im Deutschland vor 1914 sei es nur die „sozialistisch organisierte Arbeiterschaft“ gewesen, die „dem Antisemitismus gegenüber fast vollständig immun war“ (Reinhard Rürup). Wer hat nun recht? Eine Antwort versucht

Rosemarie Leuschen-Seppel: „Sozialdemokratie und Antisemitismus im Kaiserreich, Die Auseinandersetzungen der Partei mit den konservativen und völkischen Strömungen des Antisemitismus 1871–1914“; Verlag Neue Gesellschaft, Bonn? 347 Seiten, 72,– DM.

Es ist unbestritten, daß der Antisemitismus niemals Bestandteil der parteipolitischen Programmatik in der deutschen Sozialdemokratie gewesen ist. Leuschen-Seppel weist auf die große Zahl von Sozialisten hin, die aus Prinzip gegen den politischen Antisemitismus und jede Form der Judenverfolgung überhaupt aufgetreten sind.

Es wäre jedoch falsch, wollte man behaupten, es habe keinerlei antisemitische Ressentiments gegeben. Ein so unverdächtiger Zeuge wie Moses Hess hat bereits 1862 die judenfeindliche Einstellung vieler deutscher Sozialisten beklagt. Der Historiker, der sich mit den Querelen zwischen Lassalleanern und Eisenachern befaßt, sollte bemerken, daß in den Anfängen der Arbeiterbemerken, antijüdische Stereotypen ein beliebtes Mittel der Agitation gewesen sind. Johann Baptist von Schweitzer, der Präsident des Allgemein nen Deutschen Arbeitervereins (ADAV); Wilhelm Hasselmann, der Redakteur der lassalleanischen Blätter „Social-Demokrat“ und „Neuer Social-Demokrat“; Richard Calwer, der Redakteur der Parteizeitung „Braunschweiger Volksfreund“ – sie und manche andere scheuten sich nicht, die Eisenacher als eine „Macht jüdischer Hintermänner“ zu bezeichnen, in Reden und Zeitungsartikeln über die „Judenjüngelchen“ und Zeitungsartikeln Schacherjuden“ herzuziehen.

Noch voreingenommener als sie war Franz Mehring, der bekannte sozialdemokratische Historiker. Bei all seiner Bewunderung für Juden wie Mars und Lassalle und seiner Freundschaft zu Rosa Luxemburg, wurde Mehring feindselig, abfällig oder ironisch, sobald er auf Juden zu sprechen kam. Seine antisemitischen Ressentiments kleidet er in die Kritik am Philosemitismus – dies, weil in der Partei kein offener Antisemitismus zum Ausdruck gebracht werden konnte und durfte.