Von James Baldwiu

Ich traf Martin Luther King, lange bevor ich Andrew Young traf. Und ich weiß genau, daß ich Andy nur wegen Martin traf. Ich sage ausdrücklich „lange bevor“, weil es schier unmöglich ist, jenen Zeitraum genau zu berechnen. Und ebensowenig kann ich genau sagen, zu wem ich jetzt sprechen soll, wenn ich daran erinnere, daß Martin von seinen (unseren) Landsleuten ermordet wurde. Erinnert sich noch irgend jemand daran? Ist noch irgend jemand davon betroffen?

Das heißt soviel wie: Ich rede von der moralischen Untiefe – um nicht zu sagen, von dem Abgrund –, in den meine Landsleute durch den Mord an Martin Luther King gefallen sind. Und ich spreche über eine Abart moralischer Feigheit, zu der die westliche Welt verdammt ist. Seit ich, eher unfreiwillig, in den Himmel gehen möchte – und das früher, als ich müßte – wird jeder begreifen, daß ich es mir nicht leisten kann, über diesen moralischen Verfall aus kühler Distanz zu reden, schon gar nicht aus sicherer Distanz. Nur wenige meiner Freunde sterben in ihrem Bett oder aus „natürlichem“ Anlaß; kein einziger von ihnen wurde älter als vierzig. Um es auf eine sehr kurze Formel zu bringen: Als ich 22 Jahre alt war, wurde für mich alles fremd, unwirklich.

Dies ist keine persönliche Anklage. Wen wohl sollte ich auch anklagen? Es ist auch keine „radikale“ Wehklage. Es ist einfach eine Wahrheit. Und die westliche Welt wird solange in der Verdammnis stecken, solange sie unfähig ist, diese Wahrheit zu begreifen.

Doch stimmt es nun einmal, daß sich die Menschen – was sie betrifft und mich – wider bessere Einsicht sträuben und nur zur Umkehr bereit sind, wenn sie müssen. Die Ausnahme von der Regel bestätigt sie nur. Denn für mich gibt es etwas Höheres als den Traum von Sicherheit, der uns begleitet und schützt. Gewiß nicht vor dem Sterben, gewiß aber gegen eine blasphemische und niederträchtige Art und Weise, die so viele Leben nennen.

Keiner wird mir ernsthaft vorhalten können, ich bildete mir aus purer Überheblichkeit ein. Andrew Young verteidigen zu müssen, auch wenn ich so nichtswürdig wäre zu glauben, er müßte verteidigt werden. Andy war – in meinen Augen und nicht etwa weil er sich selber so einschätzte – Martin Luther Kings „rechte Hand“. Er war stets gegenwärtig, erkannte, was geschah, übernahm die Verantwortung für das. was er wußte und was er erkannte. Andrew Young ist jünger als ich, und ich beobachtete ihn mit wachsendem Respekt und großer Zuneigung. Ich bewunderte seinen Anstand und seine Verschwiegenheit. Nur ein einziges Mal hat Andy – so weit mir bekannt ist – versucht, sich selber zu beschreiben – als er versuchte, mich einem anderen zu beschreiben. So wurde mir, an einem unvergeßlichen Abend auch bewußt, was es für ihn bedeutete, in einem christlichen Dienst zu stehen. Wenngleich ich längst kein christlicher Diener mehr war – im selben mehr oder weniger formalen Sinn des Wortes – so vertraute ich doch darauf, was uns miteinander verband. Und mir wäre es nie im Traum eingefallen, eines Tages darüber sprechen zu müssen.

Schwarz – kein Synonym für Sklave