Um es vorwegzunehmen: die Einleitung enthält neben Information ekstatische Sätze. Auch verwechselt sie Dionys, den Tyrannen von Syrakus, mit Dionysos, dem trunkenen Gott. Letzterer soll, obwohl er wie ersterer heißt, Rimbaud „erwählt“ haben. Die Zusammenstellung ist anfechtbar. Es fehlen Gedichte aus den Tagen der Commune etwa das großartige, von Wut getragene „Paris se repeuple“, ebenso wie, beispielsweise, das Sonett über die Farben der Vokale. Die Übertragung klingt des öftern so, als habe sie sich an einem Musenalmanach der Biedermeierzeit inspiriert. Warum muß „mignonne“ ausgerechnet mit „Feinsliebchen“ übersetzt werden? In „Meine kleinen Geliebten“ heißt es wiederholt „Dirnlein“, „Dirn“ oder „Dirnchen“, obwohl Rimbaud „laideron“ (von „laid“ = häßlich), in etwa also „Vogelscheuche“, geschrieben hat. In „Die barmherzigen Schwestern“ steht für „chanson d’action“ „hoher Taten Sang“ und für „leur auguste obsession“ „ihres Sturmes hehren Drang“. Es ist wahr, der ideale Rimbaud-Übersetzer wäre sicherlich der junge Brecht gewesen, der sich ja auch hier „einiges herausgenommen“ hat.

Trotzdem sollte man im Band nicht nur eilig blättern. Durch seine Mängel schlägt gleichwohl Rimbauds Bildkraft, die Wort und Wahrnehmung in unvorgesehene Zusammenhänge bringt. Die Städte, der schwarze Herd, der Februarmorgen werden mit Metaphern und einem tagtraumhaften Sehen förmlich umgestoßen.

Mehr noch: was ist eine Metapher, was eine Wirklichkeitsbezeichnung?

Rimbaud verhehlt in keiner Weise seinen Haß auf den bürgerlichen Alltag; gleichzeitig tritt eine unterkühlte, ja zynische Melancholie an den Tag, das „böse Licht“, mit dem „Das trunkene Schiff“ endet. Immer wieder aber gerät er, im umschriebenen und im Wortsinn, außer sich, was einen gewollten Bruch zwischen Wort, Bild und Bedeutung zur Folge hat. Mitten in einer Stadtbeschreibung steht derSatz: „Da oben, die Füße im Wasserfall und in den Dornen, saugen die Hirsche an den Brüsten der Diana.“

Gerade der Bruch aber setzt frei, was Rimbaud einmal eine einfache Halluzination genannt hat: die aufblitzenden. Dinge müssen sich als fremd erweisen, weil eine Vertrautheit den Blick und das Verständnis lähmt.

Entgegen seinem berühmten Wort, daß ich ein anderer sei, der schreibende und der sprechende Rimbaud also mit dem realen nichts zu schaffen hat, sind die Texte autobiographisch gefärbt. Rimbaud hat als Sechzehnjähriger zu schreiben begonnen, als Neunzehnjähriger jedoch schlagartig alles aufgegeben, was mit Literatur zusammenhing. In diesen drei Jahren durchstreifte er Frankreich, England und Belgien, meist in Begleitung von Verlaine, seinem Gefährten, und in einem damals skandalösen Liebes- und Vagabundenleben. Zwischendurch kehrte er nach Charlesville zu seiner engstirnigen Mutter zurück. 1880 siedelte er nach Äthiopien über, als Kaufmann, der auch mit Waffen, wenn nicht gar, wie es heißt, mit Sklaven handelte. Elf Jahre darauf, 1891, traf er, mit einer Krebsgeschwulst am Knie, in Marseille ein. Das Bein wurde amputiert; am 10. November starb Rimbaud, siebenunddreißig Jahre alt, in einem Marseiller Krankenhaus.

Kein Wunder, wenn sich zwischen die Figur und ihre Texte ein ganzer Rattenschwanz von Fehlbewertungen schob. Claudel sah in Rimbaud ein frommes Kind. Und André Breton, dessen Verdienste um den Pariser Kunsthandel immerhin unbestritten sind, sagte, im Hinblick auf die besitzergreifenden Metaphern und die Farben der Vokale, ein Gedicht sollte der Zusammenbruch des Intellekts sein. Das Gegenteil ist, gerade was Rimbaud betrifft, der Fall. Denn bewußtlos läßt sich die absichtliche Überspannung nicht in präzise Wörter fassen oder, anders gesagt: Nur ein derart geschärfter Intellekt, daß er sich selber nicht im Weg steht, kann eine solche, alles veräußernde Imagination zur Sprache bringen.