Braunschweig

Man braucht, so verlangt es das Gesetz, sieben Leute, um einen Verein zu gründen. Also suchte Hans-Joachim Hahne, Direktor, des Arbeitsamtes in Braunschweig, sechs. Er wollte einen Verein gründen, um mit dessen Hilfe Braunschweiger Mädchen, Schulabgängerinnen, Ausbildungsplätze zu verschaffen.

Hahne lud deshalb Vertreter der Verbände ein und überzeugte sie, daß die für Mädchen aussichtslose Arbeitsmarktsituation einen Versuch wert sei. Mit wenigen Illusionen und gedämpftem Optimismus traf man sich zur Vereinsgründung. Die Männer, die den Mädchen helfen wollten und nun unter sich Vereinsposten aufteilten, haben alle wichtigen Positionen bei der Gewerkschaft, beim Arbeitgeberverband, bei den Kammern, beim Arbeitsamt, bei der Stadt und bei der Schul Verwaltung. Sie beschlossen, ihren Verein „Arbeitskreis zur Erschließung technisch-gewerblicher Berufe für Mädchen“ zu nennen. Dann begann die Kleinarbeit, oft eher von Mensch zu Mensch als von Firma zu Amt: „Sag mal, habt ihr schon darüber nachgedacht, ob ihr nicht ein Mädchen...“

Gleichzeitig wurden 543 Mädchen, die noch keinen Arbeitsplatz hatten, schriftlich aufgefordert zu überlegen, ob sie nicht eine Ausbildung in einem traditionellen Männerberuf beginnen wollten. 136 schrieben zurück, sie seien nicht interessiert, 51 wollten gern Näheres wissen, die anderen Angebote verschwanden vermutlich in irgendwelchen Papierkörben. 37 Mädchen wurden schließlich im Mai mit ihren Eltern ins Amt zum Gespräch eingeladen.

Was die Männer vom Amt ihnen zu sagen hatten, klang nicht gerade vielversprechend: 61 Firmen seien angesprochen worden, aber nur vier hätten bisher „positiv reagiert“. Eine der Stellen würde erst 1980 frei, bei einer anderen sollte die Bewerberin schon drei Tage später zum „Test“ kommen. Enttäuschtes Murmeln – der Mütter. Die Töchter blickten unbeteiligt aus dem Fenster.

Zwei Monate später, als das niedersächsische Schuljahr zu Ende ging, eine ganz neue Situation. Sieben Männer und 58 Mädchen strahlten. Der Verein hatte 58 Plätze gefunden.

Karin wird jetzt Kraftfahrzeugmechanikerin. Sie hat sich im Mai bei einer Autowerkstatt vorgestellt. Sie hat ihre Träume von selbstgefertigten Abendfrisuren dabei begraben müssen: „Das war ja bloß, weil ich gar nicht richtig wußte, was ich machen sollte.“ Ihre Ausbildung wird, wie die von künftigen Maschinenschlosserinnen, Elektroinstallateurinnen, Malerinnen und Lackiererinnen von einem „Büro für Analyse und Planung im Sozial- und Bildungsbereich“ wissenschaftlich beobachtet. Die wissenschaftliche Begleitung soll auch die ersten Jahre „nach Einmündung in die berufliche Tätigkeit“, wie es offiziell heißt, umfassen. Eltern und Vereinsmänner fürchten nämlich heute noch, was Inge Schumacher erfahren hat: „Ich selbst habe den Beruf des Feinmechanikers gelernt und die Prüfung mit sehr gutem Erfolg abgelegt“, sagt sie. Ingeborg ist auch Bundessiegerin in ihrem Handwerk geworden, doch damit endeten ihre beruflichen Möglichkeiten – als Frau. Einen Arbeitsplatz im erlernten Beruf hat sie nämlich nicht gefunden.

Vereinsvorsitzender Hahne hofft auf später, „ab 1983 etwa“. Er geht davon aus, daß dann den Firmen die Facharbeiter, die sie heute nicht ausbilden, fehlen werden. Von da an verringert sich aber auch die Zahl der Schulabgänger, und mit Jungen allein dürften die dann vorhandenen Stellen nicht zu besetzen sein. Die Facharbeitsplätze auch nicht. Das könnte die Chance für Mädchen sein. Gisela Buddée