Von Klaus-Peter Schmid

Nun streiken sie wieder. Zwei Tage lang legten vergangene Woche Frankreichs Eisenbahner den Verkehr auf den Schienen des Landes weitgehend lahm, den nächsten Ausstand haben sie bereits angekündigt. Die Beamten von der fahrenden Zunft klagen über die Gefährdung ihrer Arbeitsplätze und über schlechte Arbeitsbedingungen. Eines war dagegen nicht zu vernehmen: der Ruf nach besserer Bezahlung.

Die Bilder gleichen sich. Wenn sich französische Arbeitnehmer auf den Straßen zu Protestdemonstrationen versammeln, ist von Lohnforderungen nur nebenbei die Rede. Dabei sind sie keineswegs so gut bezahlt, daß sie nicht mehr verdienen möchten. Im April 1979 lag das Einkommen jedes zweiten Arbeitnehmers unter 3000 Francs netto (etwa 1300 Mark) im Monat. Doch in Frankreich werden große gewerkschaftliche Aktionen vor allem politisch begründet. Über Löhne wird verhandelt – sofern sie nicht automatisch steigen.

Die Arbeiterzentralen feiern es als eine soziale Errungenschaft, daß selbst in den vergangenen Krisenjahren die Löhne schneller stiegen als die Preise. Mit Kopfschütteln quittieren sie die Politik ihrer deutschen Kollegen, die sich aus stabilitätspolitischen Erwägungen sogar mit Kaufkraftverlusten abfanden. Ein enger Mitarbeiter von Arbeitsminister Robert Boulin: „So etwas ist im Augenblick bei uns nicht vorstellbar. Vielleicht könnten sich die Gewerkschaften eines Tages stillschweigend damit abfinden, daß die Kaufkraft nicht mehr wächst.“

So betrug der Kaufkraftzuwachs für die gesamte französische Arbeitnehmerschaft 1977 etwa fünf Prozent, im vergangenen Jahr immerhin noch 2,7 Prozent. Angesichts der hohen Inflationsrate, die 1977 bei 9,8 Prozent, 1978 bei 9,3 Prozent lag, muß dieses Ergebnis verwundern, Ein teils äußerst kompliziertes System von Gleitklauseln sorgt in weiten Teilen der Wirtschaft dafür, daß die Löhne und Gehälter nicht von der Inflation eingeholt werden.

Nach Angaben des Arbeitsministeriums profitieren heute fast zwei Drittel der Beamten, Angestellten und Arbeiter von der Indexierung ihres Einkommens. Spätestens seit den heißen Tagen des Mai 1968 hat sich diese Praxis durchgesetzt. Die Diskussion um Nachschläge ist damit überflüssig, sie werden automatisch gezahlt.

Der Staat betätigte sich als Vorreiter dieser Politik. Auf allen Ebenen des öffentlichen Dienstes, bis hinunter zu den Gemeinden, sind Indexklauseln heute eine Selbstverständlichkeit. Die öffentlichen Unternehmen sind dabei seit jeher besonders großzügig. So garantiert etwa der Autobauer Renault die Kaufkraft bereits seit 1955; seit 1970 ist der jährliche Kaufkraftzuwachs in den Tarifvereinbarungen verbindlich festgelegt.