Victor Žmegač: „Geschichte der deutschen Literatur“

Von Gerd Müller

Literatur im Kontext sozialgeschichtlicher Fakten zu beschreiben, ist hierzulande lange eine vernachlässigte Disziplin der Literaturwissenschaft gewesen. Das mag mit der allgemeinen Geschichtsmüdigkeit zusammenhängen, die sich seit Mitte der 60er Jahre beobachten läßt. Es kann aber auch andere Gründe haben. Auf einen dieser Gründe weist der jugoslawische Germanist, der dieses Buch herausgegeben hat, in der Einleitung hin –

„Geschichte der deutschen Literatur vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart“, herausgegeben von Viktor Žmegač; Athenäum-Verlag, Königstein, 1978; 2 Bände, 446 und 376 S., je 39,80 DM,

Žmegač spricht von der „Vertrauenskrise der Literaturgeschichtsschreibung und erklärt sie zum Ausdruck des „Konzeptionsverlustes innerhalb der bürgerlichen Geschichtsschreibung seit dem Ausgang des 19. Jahrhunderts“. Das ist zugleich richtig und polemisch: konzeptionslos sind ja weder die „Geschichte der deutschen Literatur von De Boor/Newald noch die „Daten deutscher Dichtung“, die Žmegač zu seinem Unternehmen provoziert haben mögen. Es sind nur überholte Konzeptionen, die modernen Bedürfnissen nicht mehr gerecht werden.

Zmegač kommt es bei seiner Konzeption nicht auf die allseitige Beschreibung literarischer Phänomene an, sondern auf die Gesetze des historischen Wandels, auf Grund derer es zur Bildung und zum Abstieg einzelner Gattungen und Formen kommt. Mit Recht verlangt er von einem literaturhistorischen Werk „in erster Linie Auskunft darüber, wodurch die Veränderungen denn bewirkt werden“. Mit Recht auch weist er darauf hin, daß solche Veränderungen sich nicht aus den „Bauformen oder Erzählstrategien“ ergeben, sondern aus der Beleuchtung der gesellschaftlichen Prozesse, deren Ausdruck sie sind. Seine Polemik gilt sowohl der „bürgerlichen Tradition“ wie dem „marxistischen Historiker“. Methodisches Vorbild ist Bekkers „Musikgeschichte von 1926. „Den Grundstein der Konzeption ... bildet die Überzeugung, die vorrangige Aufgabe einer Literaturgeschichte sei es, die Ursachen, Erscheinungsarten und Prozeduren des literarischen Wandels darzustellen“, schreibt Žmegač, schränkt dann jedoch ein: „Schwierigkeiten besonderer Art bereitet der Literaturhistorie die unvermeidbare Spannung zwischen der Konzeption und der Pragmatik der Ausführung in Periodisierungsfragen“. Er hat diese Schwierigkeiten jedoch mit seinem Mitarbeiterteam glänzend gelöst. Als die die Entwicklung der Literatur entscheidend beeinflussenden gesellschaftlichen Prozesse erscheinen die Französische Revolution und die Strömungen, die zur Revolution von 1848 führten. Herausgeber und Mitarbeiter verstehen die Geschichte der Literatur im 18. Jahrhundert so als Ausdruck der bürgerlichen Emanzipationsbewegung und nicht, wie wir es aus traditionellen Darstellungen gewohnt sind, als allmählichen qualitativen Aufstieg aus den Niederungen stilistischer und intellektueller Abhängigkeit von ausländischen Vorbildern zu den normativen Gipfeln der Weimarer Klassik. Das gewohnte Nacheinander von Aufklärung, Sturm und Drang, Klassik und Romantik wird so historisch genauer fast zu einem zeitlichen Nebeneinander, zu einem in seiner Vitalität und Vielseitigkeit überraschenden Zeitalter geistiger Akzeleration.

Plebejische Aufklärung