Von Klaus Viedebantt

Giraffen, Löwen, Gazellen und Elefanten – die bunten Margarinebilder waren in den Nachkriegsjahren sein liebster Besitz. Auf allen Bildern stand: „... im Krüger Nationalpark.“ Der Park war sein Jungenparadies.

Und nun stand er, dreißig Jahre später, mitten in seinem Kindertraum, an einem Tag wie Totensonntag, unter einem bodentiefen, dunkelgrauen Himmel. Es war kühl und nieselte mit norddeutscher Ausdauer, Das war kein bißchen Afrika. In der tristen Steppe war nicht ein Tier zu sehen. Selbst die Geier hatten sich verkrochen. „Solch ein Wetter hatten wir noch nie“, murmelte der Fremdenführer, der uns nach Safari-Sitte zu nachtschlafender Zeit aus dem Bett geholt hatte und uns nun mit preußischem Gehabe in den Zeitplan zwängte: „Viel werden wir wohl nicht sehen...“

Wir sahen nichts. Acht Stunden fuhren wir durch den Park, der fast halb so groß wie die Schweiz ist. Jeden kleinen Abzweig von den geteerten Hauptstraßen nutzten wir, um ja keine Wasserstellen auszulassen. Aber auch die waren Verlassen. Es blieb bei ein paar Spuren, denen wir nicht folgen konnten. Es ist (im Gegensatz zu Kenias Parks) verboten, von den Straßen ins Gelände abzubiegen. Verdrossen machten wir uns in den Nachmittagsstunden auf die Heimfahrt, mit ungenutzten Filmen in den Kameras und unbefriedigten Erwartungen.

In einem trockenen Flußbett stießen wir schließlich auf eine Büffelherde, und von einem Baum turnten ein paar Paviane zu uns herunter. Aber zufrieden waren wir damit nicht – bis/wir zum Camp zurückkamen. Dort, im Schatten der kleinen, kargen Bungalows und des Restaurants, unmittelbar vor dem Zaun, hatte sich eine stattliche Auswahl einheimischen Tierlebens angesammelt: eine Horde Elefanten, Antilopen aller Art, Affen, Warzenschweine und Wasserböcke – alles bequem vom Fenster her zu beobachten. Noch ein paar Raubtiere und unser Garten Eden wäre komplett gewesen.

Doch die bekamen wir erst am nächsten, sonnenüberstrahlten Morgen präsentiert, vorzugsweise in Form von Löwen-Großfamilien in aufnahmegerechter Nahdistanz und mit photogen sich balgendem Nachwuchs. In zwei Stunden konnten wir uns sattsehen an einem Bilderbuch-Afrika. Der Krügerpark machte seinem Ruhm alle Ehre, Geparden führte er uns vor, Nilpferde, Nashörner. Nur der Posten Leopard blieb offen. Aber auch den hätten wir gewiß gesehen, wenn wir nur ein wenig länger geblieben wären, meinte ein Wildhüter, als wir nach dem kurzen Morgentrip auf der Piste von Skukuza ins Flugzeug kletterten.

Wir flogen hinüber nach Johannesburg, der Metropole mit der Höhenlage von St. Moritz, die buchstäblich auf Gold gebaut ist. Man sieht es ihr an, insbesondere aus einem der Dachrestaurants auf den Wolkenkratzern: Wie ein Geschmeide liegt ein güldener Sandkranz im Halbkreis um die Stadt. Er ist wertlos, es ist der Abraum der Goldgräber.