Die „fünftgrößte Stadt Afrikas südlich der Sahara“, wie Soweto in einer regierungsamtlichen Broschüre charakterisiert wird, hat mit dem benachbarten Johannesburg der Weißen nichts gemein.

Die einheitlich flachen Giebel der eingeschossigen, mit Wellblech gedeckten Häuser reichen bis zum Horizont. In den Tälern der hügeligen Wohnsiedlung verdichtet sich der Qualm der häuslichen Holz- und Kohlefeuer und des Kraftwerkes zu einer bläulichgrauen Dunstglocke. Windböen treiben rote Staubschwaden durch die geschotterten Gassen. Die Häuserfronten sind überall gleich. In der Mitte die Tür, rechts und links je ein Fenster: „Matchboxes“ – Streichholzschachteln – heißen die Zwei- oder Vierraumhütten im Jargon der Bewohner.

Über 1,2 Millionen Menschen verteilen sich auf die 100 000 Behausungen. Auf 47 bis 54 Quadratmetern Wohnfläche leben meist – der traditionellen Familienstruktur entsprechend – drei Generationen unter einem Dach: vom Säugling bis zu den Großeltern.

Soweto wurde 1963 durch die Zusammenlegung von 26 Arbeitersiedlungen gegründet. Dort wohnen die Arbeitskräfte, die in den Johannesburger Industriezentren die Betriebe in Schwung halten. Während der Rush-hour transportiert die südafrikanische Eisenbahn im Zweieinviertel-Minuten-Takt täglich 220 000 Sowetoer nach Johannesburg. Zigtausend kommen mit Bussen.

Dort dürfen sie arbeiten, denn in Soweto gibt es praktisch keine Arbeit. Und leben? Freizeiteinrichtungen sind rar in Soweto: vier Tanzsäle, zwei Kinos, eine Kegelbahn. Die Bierhallen brannten 1976 während der Unruhen ab oder wurden schwer beschädigt und blieben Ruinen.

Außerdem: „Alle Studenten und die Jugend in Soweto vertreten den Standpunkt, daß der Verkauf jeder Art von Alkohol verboten bleibt. Es kann keine Trinkereien und Feiern irgendwelcher Art geben, solange die schwarze Gemeinschaft sich in der Trauerzeit für ihre Söhne und Töchter befindet.“ So stand es in einer Presseerklärung der Sowetoer Jugendlichen vom 4. 11. 1976.

Heute sind die demolierten Bierhallen ebenso wie die abgebrannten Getränkeläden die Attraktion für Touristen. Seit dem Aufstand ist auch der Preis für das Photomotiv Soweto in die Höhe geschnellt: Kostete die dreieinhalbstündige Tour im März 1976 noch 60 Cent, so mußte ich für meinen Eintrittsschein jetzt schon drei Rand, gut 6 Mark, zahlen.