Eine Ballerina ist zum Anlaß für neue Belastungen in den Beziehungen zwischen den Supermächten geworden. 72 Stunden lang hielten die Amerikaner auf dem John-F.-Kennedy-Flughafen in New York eine sowjetische Aeroflot-Maschine fest, weil unklar war, ob die 36jährige Ludmilla Wlassowa, Mitglied des Moskauer Bolschoi-Ensembles, aus freien Stücken zurückfliegen wollte. Dann gaben die US-Behörden das Flugzeug frei, weil ihnen die Tänzerin versicherte, es sei ihre feste Absicht, in die Heimat zurückzukehren.

Zu dem dramatischen Tauziehen war es gekommen, nachdem der Mann der Tänzerin, Alexander Godunow, einer der Starsolisten des weltberühmten Bolschoi-Theaters, am Donnerstag in den USA Asyl beantragt und es auch sofort erhalten hatte. Ludmilla Wlassowa war kurz nach dem Absprung ihres Mannes von mehreren sowjetischen Begleitern zum Flughafen gebracht worden – zwei Tage vor dem Ende des Bolschoi-Gastspiels in New York. Godunow hatte gleichzeitig den Verdacht geäußert, daß seine Frau gegen ihren Willen zurückgebracht werden sollte. Daraufhin hatten die Amerikaner die Iljuschin-62 mit der Tänzerin an Bord am Freitag kurz vor 17 Uhr gestoppt, unmittelbar bevor sie auf die Startbahn rollte.

Die darauf folgende Kraftprobe zwischen Moskau und Washington hatte alle äußerlichen Anzeichen eines Geiseldramas. Die Verhandlungszentrale während der dramatischen 72 Stunden bildete das Washingtoner Außenministerium mit dem stellvertretenden Außenminister Warren Christopher an der Spitze. Präsident Carter unterrichtete sich über das Wochenende in Camp David ständig über den Stand der Kontroverse: Hier war sein spezielles Gebiet, die Politik der Menschenrechte, berührt. Persönlich gab Carter die Anweisung, daß Ludmilla Wlassowa von amerikanischem Beamten an einem Ort nach ihren Wünschen befragt werden müsse, der nicht unter sowjetischer Kontrolle stehe.

Die Sowjetunion protestierte wegen des Vorfalls offiziell bei der US-Botschaft in Moskau. Washington habe einen „schweren Rechtsbruch“ begangen. Die sowjetische Presse bezichtigte die Amerikaner der politischen Entführung. Die Sowjets hatten es in der sich stündlich zuspitzenden Situation lange Zeit abgelehnt, die Amerikaner ein Gespräch mit Frau Wlassowa außerhalb der Maschine führen zu lassen. Die US-Behörden bestanden, darauf, weil sie die Auffassung vertraten, daß sich die Tänzerin in der Aeroflot-Maschine in Anwesenheit zahlreicher sowjetischer Vertreter nicht frei äußern könne.

Die „Chefunterhändler“ auf dem Kennedy-Airport waren zwei gewiefte Diplomaten: der stellvertretende amerikanische UN-Botschafter McHenry und sein sowjetischer Kollege Makejew. Sie hatten ihr Verhandlungszentrum im Raum eines Abfertigungsgebäudes bezogen.

Als Kompromiß wurde schließlich eine fahrbare Kabine an die Iljuschin-62 gehievt. Darin saßen sich McHenry, Orville Schell, der Anwalt des abgesprungenen Tänzers Godunow, und vier Beamte des amerikanischen Außenministeriums auf der einen Seite, Ludmilla Wlassowa und sechs sowjetische Vertreter auf der anderen Seite gegenüber. Auf die Frage der Amerikaner, ob sich die Tänzerin von irgend jemandem bedroht fühle, antwortete sie: „Sehe ich so aus, als wenn ich bedroht würde?“ Nach dem Gespräch sagte McHenry: „Ich muß gestehen, sie sah einfach wie eine Ballerina aus. Sie sprach recht frei und war offenbar recht guter Laune.“ Auf die Frage, ob sie noch jemanden vor ihrer Rückkehr sehen wolle, erklärte sie: „Njet.“ Das Gespräch dauerte etwa zwanzig Minuten. Die amerikanische Regierung zeigte sich anschließend befriedigt darüber, daß das „Prinzip der freiwilligen Rückkehr“ aufrecht erhalten worden sei.

In Moskau wurden Ludmilla Wlassowa und die Sowjetischen Passagiere mit Blumen begrüßt. Laut Tass erklärte Ludmilla Wlassowa nach ihrer Rickkehr: „Der Versuch, mich zu zwingen, nicht nach Moskau zurückzukehren, war ein Akt grober Willkür, ein Akt der Brutalität gegenüber den Passagieren – Frauen und Kindern. Diejenigen, die diese Provokation inszeniert haben, verfolgten nur den einen Zweck, die sovjetisch-amerikanischen Beziehungen zu verschlechtern.“