Van der Merwe trägt einen Tropenhelm mit Leopardenfellband, einen Safari-Anzug mit kurzer Hose und Kniestrümpfe, aus denen ein Kamm herausragt. Die Spottfigur ist Südafrikas Ostfriese, gut für jede Torheit und jeden dummen Witz. Beispielsweise für diesen: Van der Merwe soll die Fahnenstangen vor dem Parlamentsgebäude in Pretoria ausmessen. Aber jedesmal, wenn er mit seinem Maßband den Mast erklimmt, kippt dieser um. Van der Merwe heißt seinen schwarzen Helfer jedesmal, die Fahnenstange wieder aufzurichten. Beim drittenmal fragt der Schwarze: „Warum messen Sie nicht, wenn die Stange am Boden liegt?“ Van der Merwe: „Dummkopf! Ich brauche doch die Höhe, nicht die Länge.“

Ein Weißer – dümmer als ein Schwarzer. Ein südafrikanischer Witz, dessen Reiz, die Tölpelhaftigkeit, noch eine Steigerung erfährt durch das Staatsdogma „Der schwarze Mensch ist minderwertig“. Eine unmenschliche Maxime. Kann man, soll man in ein solches Land zum Ferienvergnügen fahren?

Die Frage ist nicht neu. Sie stellte sich auch, als Francos Diktatur das Urlaubsland Spanien regierte und als die Obristen Griechenland beherrschten. Die Frage könnte sich ebenso vor

Urlaubsreisen in die Ostblockländer, in süd- oder mittelamerikanische Diktaturen oder zu schwarzen Gewaltherrschern in Afrika ergeben. Undemokratische Regime mit einladenden Badestränden gibt es zur Genüge.

Die Antworten auf die Frage sind ebenso bekannt. Sie lassen sich grob in zwei Gruppen einteilen: Nein, kein Pfennig dem Feind, keine Anerkennung des Regimes durch meinen Besuch. Oder die gegenteilige Ansicht: Mit Abstinenz schaden wir den Herrschern nicht, aber den kleinen Leuten, die von unseren Feriengroschen leben.

Eine für jeden und jederzeit richtige Antwort gibt es nicht. Im Fall Südafrikas erscheint es mir als sinnvoll, dorthin zu reisen. Zwei Gründe sprechen dafür: die Möglichkeit, seine Meinung vor Ort und nicht in fernen akademischen Zirkeln zu sagen und zugleich die Situation mit eigenen Augen zu sehen. Letzteres, ist ein wichtiges Argument gegenüber den im Isolierungswahn begriffenen weißen Südafrikanern.

Wer zu ihnen kommt, wer die kleinen, die zu kleinen Fortschritte im Umgang, der Rassen anerkennt, hat ein gewichtigeres Recht auf Kritik. Und er stößt mit seiner Kritik nicht nur auf taube Ohren; insbesondere die jungen englischstämmigen Südafrikaner sind aufmerksame Zuhörer. Viele wollen die Rechte der Schwarzen denen der Weißen angleichen, schrittweise zwar, aber mit schnelleren Schritten als bisher. Der rassistische Koloß Südafrika kommt langsam in Bewegung.

Um keine falsche Deutung aufkommen zu lassen: Ich rate nicht zum Politurlaub und zu falschem Heldentum (es wäre auch hinter Gefängnismauern schnell zu Ende). Badebuchten und Tierparks eignen sich nicht zur Agitation; Urlauber sind keine Missionare. Aber sie kommen mit ihren Gastgebern überall und unverbindlich ins Gespräch. Und sie können zeigen, daß sie, die Gutwilligen, kein Verständnis haben für die Rassendiskriminierung. Und daß sie nicht gewillt sind, jenen Besuchern aus Deutschland das Feld zu überlassen, die mit Ideen von gestern das Südafrika von heute loben. K. V.