ZDF, Mittwoch, 22. August: „Sie beginnen, sich zu wehren“, Gerhard Müller. ARD, Donnerstag, 23. August: „Ich habe Angst, alt zu werden“, von Christiane Ehrhardt

Erster Versuch, zur Abendstunde im Zweiten Programm. Es präsentieren sich: eine Gruppe alter Leute, im Ostfriesischen beheimatet, und ein Wuppertaler Senioren-Schutzbund, der sich mit einer Mischung aus Entschiedenheit und Selbstironie den Namen „Die grauen Panther“ gab; Sprecher beider Vereinigungen erklären die Ziele: Kampf gegen Vereinsamung, Mißachtung und Vorurteile aller Art. Kampf.’gegen eine Gesellschaftseinstellung, die im Alter nichts weiter als eine Summe von Negationen erkennt. Ein verdienstliches Unterfangen also: Leute zu zeigen, denen daran liegt, den Jugendkult hier und jetzt, mit all den lebensfrohen Rauchern und kraftstrotzenden Duschern und alerten Autofahrern, hei lustig ist die Jägerei, als Ausdruck barer Infantilität zu entlarven. Da wäre viel zu lernen gewesen, am Bildschirm, von den Panthern aus Wuppertal oder Emden. Wäre, wohlgemerkt, und nicht war. Statt beim Thema zu bleiben und sich zu beschränken, führte der Autor Bilder aus einem Altersheim vor, die Gebresten zeigten, gegen die auch die Panther.machtlos sind. Will heißen: Statt, als problemerhellenden Kontrast, das Änderbare ins Blickfeld zu rücken (eine einsame alte Frau, die nicht einsam zu sein brauchte; Heiminsassen, denen man beim Wahlakt das Kreuzchen vorhält; Sechzigjährige, die im Sexuellen als „jenseits von gut und böse“ verhöhnt werden) ...statt also sichtbar zu machen, wie viel den Panthern zu tun bleibt, kaprizierten sich die Filmproduzenten darauf, einen Nicht-Kontrast zu beleuchten. Und so ging denn, da zu wenig gedacht worden war, das ehrenwerte Projekt in die Binsen: Wirrwarr auf der ganzen Linie; statt einer klaren Aussage ein unklares Schwelgen in rührenden, bewegenden, tieftraurigen Bildern. Zweiter Versuch, nachmittags im Ersten Programm. Sechs Personen, dazu etliche Chargen und Gruppenfiguren, sprechen vom Alter, das sie erwarten und von der Greisenzeit, die sie erreicht haben. Auch dies ein ehrenwerter Versuch: Menschen zeigend, deren Worte verdeutlichten, wie unwirksam, im Zeichen der Werbespots, jenes von der Literatur und vor allem dem Film entworfene Bild ist, das Großvater und Großmutter, da sie über den Tag hinausblicken und schon ein ganz klein bißchen mit dem Blick auf Ewigkeit oder Nichts hin argumentieren, enkelnahe Gegenfiguren zu den auf den Erfolg im Hier und Heute erpichten Vätern und Müttern sein läßt. Ein redliches Unterfangen auch dies also, aber wiederum ein, wortwörtlich, gedankenloses. Als ob es genügte, irgendwelche auf höchst veschiedenartige Situationen bezogene und folglich unvergleichbare Äußerungen zusammenzuschneiden, um Verbindliches zum Thema „Angst vor dem Alter“ zu äußern! Als ob es ohne Konzeption ginge: Dies soll gezeigt werden, dies ist das Fazit, dies sind die offenen Fragen!

Natürlich kann nicht jeder Filmemacher auf seinem Feld ein Jean Améry sein – aber in einem Horizont zu denken, wie ihn der grandiose Essay über das Altern, wie ihn die Studien von Simone de Beauvoir oder André Gorz eröffnet haben: das sollte man von ihm doch verlangen, weil er nämlich anders nicht wird auf Gegenbilder verweisen können, die in Gesellschaften, denen der Begriff des Generationskonflikts fremd war, den Eigenwert des Alters sichtbar machten: „Ich werde alt“, heißt es bei Solon, „und ich lerne immer vieles dazu.“

Alt und weise: Es wäre nützlich gewesen, dem Betrachter am Bildschirm zu erklären, warum, was einmal zusammengehörte (und dies, weiter östlich, auch jetzt noch tut), heute allenfalls eine Märchenfloskel ist. Das Wort weise, eine antiquierte Vokabel im Zeichen des Jugendkults offenbar, fiel während beider Sendungen kein einziges Mal: ripeness, so schien es, is nothing.

Momos