Die Feststellung, das Klima rund um das Mittelmeer sei in der Hochsaison belastend für Herz und Kreislauf, ist alt und zudem in ihrer Verallgemeinerung falsch. Es gibt ausgesprochen wärmefreudige Menschen, die sich auch bei Lufttemperaturen um 30 Grad Celsius noch ausgesprochen wohl fühlen. Richtig ist freilich, daß der Herbst im Süden von Mitteleuropäern besser vertragen wird als das Frühjahr. Und dies – obwohl zeitweise die gleichen Temperaturen im Mai oder Oktober gemessen werden.

Um dies zu verstehen, müssen wir zunächst etwas medizi-meteorologische Theorie betreiben. Wärme und hohe Temperaturen wirken sich vor allem dann belastend aus, wenn gleichzeitig die Luft feucht ist. Man kann die Gleichung aufstellen: Je wärmer und feuchter die Luft, also je schwüler die Witterung, desto belastender ist sie für den Organismus. Belastender vor allem deshalb, weil dann der notwendige Verdunstung-/Abkühlungsprozeß weitgehend unterbunden ist und es zum Wärme- oder Hitzestau kommen kann.

Nun läßt sich zwar die Feuchtigkeit der Luft genauso exakt messen wie deren Temperatur, aber die Definition der Schwüle ist sehr viel komplizierter. Eine Möglichkeit, die tatsächliche Wärmebelastung des Organismus möglichst genau zu erfassen, ist die sogenannte „Äquivalenttemperatur“ (ÄT), sie kann nicht gemessen, sondern nur aus einer Kombination von Lufttemperatur und Luftfeuchtigkeit berechnet werden.

Die Äquivalenttemperatur ist also ein „Schwülemaß“ und damit eine Größe, aus der man ablesen kann, wie belastend Wetter und Klima für Herz und Kreislauf sind, Der Behaglichkeitswert des Mitteleuropäers liegt, so bestätigen Untersuchungen des Bioklimaforschers O. Harflinger vom Deutschen Wetterdienst in Freiburg, zwischen 30 und 57 Grad Äquivalenttemperatur.

Das ist ein relativ großer Bereich, der aber nicht nur individuell, sondern auch jahreszeitlich eingeengt ist. Nach den Forschungsergebnissen Harflingers ist zum Beispiel das Anpassungsvermögen des Organismus an die Wärmebelastung im Herbst eindeutig höher als im Frühjahr.

Die praktische Folgerung ist, daß schwüleempfindliche Personen, Herz- oder Kreislaufkranke eine Reise in wärmere Regionen eher im September/Oktober als im Mai oder Juni antreten sollten, denn von Juni bis August hat sich der Stoffwechsel des Mitteleuropäers schon stärker auf höhere Temperaturen eingependelt. Diese Erfahrung kann jeder am eigenen Leibe machen. 20 Grad Celsius werden von uns im April als angenehm warm, dieselbe Temperatur an einem Sommertag aber als normal oder gar kühl empfunden. Unser Organismus ist also sozusagen ein träges und schlecht arbeitendes Thermometer.

Allgemein ist festzustellen, daß ein Urlaub am Mittelmeer schwüleempfindlichen Menschen nur dann anzuraten ist, wenp die mittlere monatliche Äquivalenttemperatur seines Heimatortes zum Reisetermin gegenüber dem Urlaubsziel weniger als acht Grad höher ist. Zum besseren Verständnis die folgenden Beispiele: die ÄT für Hamburg liegt im Juni bei 39,7 Grad, für Frankfurt bei 45,5 Grad und für München bei 41,2 Grad. Für einen Frankfurter wären 53,5 Grad ÄT Wärmebelastung am Urlaubsort gerade noch zumutbar, nicht aber für einen nur bedingt wärmebelastungsfähigen Menschen mit ständigem Wohnsitz in Hamburg oder München. Heinz Panzram