Paris, im August

Ein braungebrannter, elegant gekleideter Mann mit einem Schnauzbart im zerfurchten Gesicht taucht, unbeholfen lächelnd, aus dem unbekannten Versteck auf: In einem engen Konferenzraum im feinen Pariser 14. Arondissement haben fast hundert Journalisten auf diesen Augenblick gewartet – Shahpur Bachtiar, der letzte Regierungschef des Schah, zeigt sich zum erstenmal nach sechsmonatiger Abwesenheit der verblüfften Öffentlichkeit. In fließendem Französisch beantwortet er die Fragen, zögernd, ohne eine Spur überheblicher Besserwisserei, aber bestimmt im Wesentlichen: Ajatollah Ruholla Chomeini, der neue Herrscher im Iran, sei ein blutiger Tyrann, der seit seinem Machtantritt im Februar mehr Schaden angerichtet habe als der Schah in all den Jahren seiner gewiß nicht glorreichen Monarchie.

Das war vor vier Wochen, am Morgen des 31. Juli. Diskret von Leibwächtern und Polizisten abgeschirmt, verschwand Bachtiar nach der Pressekonferenz in einem beigen Peugeot mit Pariser Kennzeichen im Verkehrsgewühl. Sein Unterschlupf bleibt weiterhin geheim; schließlich hat ihn ein persisches Revolutionsgericht im Mai zum Tode verurteilt, und niemand kann sagen, ob Chomeinis Killer ihm nicht schon auf der Spur sind. Bachtiar wartet offensichtlich noch auf seine Stunde: „Ich organisiere die Kräfte der emigrierten, iranischen Opposition.“ Chomeini, so erklärte er in einem Interview, sei ein „politischer Dummkopf“. Ein Land lasse sich nicht mit dem Ruf „Islam, Islam, Islam!“ regieren. Drei Monate kann sich Bachtiar zunächst als Tourist in Frankreich aufhalten – genau wie vor ihm Chomeini, der das Dorf Neauphle-le-Château als Exil gewählt hatte.

Damals wartete das Schiitenoberhaupt in dem karg eingerichteten Haus Nummer 115 an der Route de la Chevreuse auf seine Stunde. Doch Chomeini hielt Hof. Er empfing Abgesandte aus dem Iran, telephonierte mit seinen Anhängern in Teheran (Direktwahl 19 98 21, die Minute zu 13,26 Francs), ließ jedes seiner Worte auf Tonband festhalten und Tausende von Minikassetten in das Land schicken, in dem der Aufruhr wütete. Die Regierung in Paris nahm – zum Ärger Washingtons – an dem Treiben keinen Anstoß. Sie schickte ganze Busse voll Polizisten nach Neauphle, um den 78 Jahre alten Agitator mit der sanften Stimme zu schützen. Als Chomeini am 1. Februar auf dem Flughafen Charles de Gaulle eine gecharterte Boeing 747 der Air France bestieg, hatte er allen Grund, überschwengliche Worte des Dankes an Paris zu richten.

„Der Schah hat auf mehrfache Anfrage nicht protestiert“, versicherte noch im Januar Außenminister Jean François-Poncet deutschen Journalisten. Und erstaunte Abgeordnete wurden belehrt, ein Tourist könne schließlich tun und lassen, was er wolle. Daß Chomeini Haß und heiligen Krieg unter Polizeischutz verkünden durfte, hatte natürlich tiefere Gründe: Paris hoffte, nach dem unvermeidlichen Machtwechsel die Früchte seiner Gastfreundschaft ernten zu können.

Doch mittlerweile hat sich erwiesen, daß sich die iranische Dankbarkeit in Grenzen hält. In Qom, der Residenz Chomeinis, gibt es jetzt zwar eine Neauphle-le-Château-Straße, doch die bereits unterschriebenen Verträge mit der französischen Industrie wurden rabiat zusammengestrichen. Überschlägig gerechnet machen die in den letzten Monaten annullierten Kontrakte über 20 Milliarden Francs aus. Vorbei ist der Traum, die 174 Kilometer lange Metro von Teheran zu bauen. Der Auftrag für zwei Kernkraftwerke bei Abadan wurde zurückgezogen. Märchen aus 1001 Nacht...

Mit wirtschaftlichen und weltpolitischen Argumenten ist Shahpur Bachtiar – im Gegensatz zu seinem frommen Vorgänger Chomeini – zurückhaltend, wenn er sich aus seinem Pariser Versteck zu Wort meldet. Der Mann, der in Frankreich studiert und in seiner Armee gedient hat, bezeichnet sich als Sozialdemokrat. Er zitiert Gide, Maurras und de Gaulle. Bei seiner Pressekonferenz erklärte er: „1940 befand sich de Gaulle im Ausland, als sein Land besetzt war. Heute ist der Iran von Kräften besetzt, die vom Ausland inspiriert sind, und ich bin in Frankreich.“ – Klaus-Peter Schmid