Als Joseph, Weizenbaum 13 Jahre alt war, mußte er seine Geburtsstadt Berlin verlassen. Sein Vater, ein Kürschnermeister, vermochte die Erniedrigungen, die ihm und seiner Familie in Nazideutschland widerfuhren, nicht mehr zu ertragen. Die Weizenbaums zogen 1936 nach Detroit, und der Knabe sah sich in eine Welt versetzt, in der er das Handwerkszeug für die Kommunikation mit seiner Umgebung nicht unbefangen benutzen konnte wie seine amerikanischen Altersgenossen; er hatte es stets aufs neue zu konstruieren, Diesem Umstand schreibt der heutige Professor für Computer-Wissenschaft am Massachusetts Institute of Technology eine frühe Sensibilisierung für Sprache zu.

„Es ist schwer zu sagen, welche der Gefahren, die uns drohen, die schlimmste ist“, befindet Weizenbaum, „an Auswahl mangelt es ja nicht. Für mich ist die teuflischste Bedrohung eine, die Orwell beschrieben hat. Ich meine nicht big brother, der schon teuflisch genug ist, ich meine die Korruption der Sprache.“ Ein Beispiel dafür sprang dem Gelehrten vor ein paar Tagen unmittelbar nach seiner Ankunft in Berlin, wo er ein Semester lang Gastprofessor sein wird, ins Ohr: „Entsorgung – haben Sie sich einmal Gedanken darüber gemacht, was dieses Wort unterschwellig suggeriert? Befreiung von Sorge.“ Solche linguistischeHintertücken entdeckt er auf Schritt und Tritt; sie beunruhigen ihn, weil sie Narkotika sind, mit denen Meinungsmacher und Politiker immer subtiler umzugehen verstehen – immer gefährlichen

Der sprachempfindliche Joseph Weizenbaum ist nicht Dichter geworden. Er hat Mathematik studiert, die Sprache der Abstraktion. „In die Computerwissenschaft bin ich hineingefallen“, erklärt er, „als Student geriet ich in eine Gruppe, die einen Computer baute.“ Für den jungen Doktor Weizenbaum war die Maschine eine linguistische Herausforderung. Er entwickelte eine Sprache, die das Kommunizieren mit dem Apparat wesentlich vereinfachte – und wurde damit berühmt.

Populär machte den Pionier der Computersprachen schließlich sein Programm „Eliza“. Er hatte dem Computer damit die Fähigkeit verliehen, sich der Umgangssprache so geschickt zu bedienen, daß jemand, der sich – per Fernschreiber der Maschine unterhielt, für lange Zeit glauben konnte, am anderen Ende der Leitung befinde sich ein denkender Mensch. Zur Demonstration hatte Weizenbaum den Computer einen Psychiater spielen lassen, der sich im „Patientengespräch“ als so „echt“ erwies, daß Seelenärzte allen Ernstes bei ihm anfragten, ob sie das Programm in ihrer Praxis als Psychotherapeuten einsetzen könnten...

Anfangs fand Joseph Weizenbaum solche Fehleinschätzungen des Computers eher belustigend. Doch allmählich erkannte er darin ein beängstigendes Symptom, zumal nicht nur Laien den kybernetischen Geräten intellektuelle Fähigkeiten zutrauten, sondern auch zunehmend Informatiker keine Grenzen für die Maschinenintelligenz mehr sehen mochten.

Bei der Ausarbeitung seines Festvortrags zur Eröffnung des Informatik-Instituts der Universität Hamburg vor acht Jahren (abgedruckt in der ZEIT 3/72) wurde ihm klar: Es war notwendig geworden, vor den technologischen Metaphern zu warnen. Sie fressen sich ins Bewußtsein ein und verformen schließlich die moralischen und gesellschaftlichen Urteile so, wie die Metaphern der Religionen und der Wissenschaften weitgehend unsere Vorstellungen von Gut und Böse und unser intellektuelles Weltbild bestimmt haben.

In seinem Buch „Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft“ (Suhrkamp) ruft er leidenschaftlich zur Abkehr von der Mystifizierung von Natur- und Ingenieurwissenschaften auf, zur Besinnung auf den rationalen Einsatz von Technik.

Ist Joseph Weizenbaum – „meine Transformation wurde wesentlich von Alexander Mitscherlich gefördert“ – vom Saulus zum Paulus geworden? Nein, nach wie vor trägt er als Wissenschaftler zur Fortentwicklung der Datenverarbeitung bei. Aber für ihn ist der Computer „das wichtigste Symbol für die allgemeine Abstrahierung des Lebens“, und als solches vermittelt er ihm Erkenntnisse weit über die Technik hinaus, Erkenntnisse über das Verstehen und die Grenzen von gegenseitigem Verständnis. Mit seinem Eliza-Programm hatte er nachweisen können, „daß es keinen absoluten Test dafür gibt, ob man verstanden wird; und so ist auch das völlige Verstanden-Werden zwischen Menschen unmöglich. Das aber ist wichtig. Denn hieraus resultiert zum Beispiel die Frustration des Künstlers und ganz allgemein die menschliche Individualität und Identität.“ Thomas v. Randow