Die letzten Veteranen der „Brigade Slaska“ erinnern sich an den deutschen Überfall

Von Ulrich Völklein

Gleiwitz, Ende August

In den späten Abendstunden des 31. August 1939 verbreitete das amtliche Deutsche Nachrichtenbüro: „Etwa um 20 Uhr wurde der Sender Gleiwitz durch einen polnischen Überfall besetzt. Die Polen drangen mit Gewalt in den Sender ein. Es gelang ihnen, einen polnischen Aufruf in polnischer und zum Teil in deutscher Sprache zu verlesen. Sie wurden aber schon nach wenigen Minuten von der Polizei überwältigt, die von Gleiwitzer Rundfunkhörern alarmiert worden war. Die Polizei mußte von der Waffe Gebrauch machen, wobei es auf Seiten der Eindringlinge einen Toten gegeben hat.“ Eine von vielen Meldungen, die in den Wochen vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges von angeblichen polnischen Übergriffen und Greueltaten berichteten und zu besonderer Bedeutung erst im nachhinein gekommen ist: Sie war der letzte und lauteste propagandistische Paukenschlag, wenige Stunden bevor die ersten Schüsse fielen.

Bei dieser Nachricht stimmte, wie so häufig im Dritten Reich, nichts außer der Ortsangabe: Sender Gleiwitz. Der Überfall war das von langer Hand geplante Werk eines Kommandos vom Sicherheitsdienst (SD) der SS; den Aufruf in polnischer Sprache verlas ein Volksdeutscher in das Gewittermikrophon des Senders; die Polizei kam, als sie kommen sollte, und machte von der Waffe eher symbolischen Gebrauch, und der Tote schließlich gehörte keineswegs zu den Eindringlingen. Der Tote war der Deutsche Franz Honiok aus Hohenlieben, ein 41jähriger Vertreter für Landmaschinen, der beim oberschlesischen Aufstand 1921 mit Polen sympathisiert hatte und dafür nun mit seinem Leben büßen mußte: Die Gestapo hatte ihn einen Tag vor dem Überfall festgenommen; die Leiche des stadtbekannten „Polenfreunds“ wurde nach dem „Überfall“ am Sendereingang abgelegt, um den verbrecherischen Coup glaubwürdiger werden zu lassen.

Vierzig Jahre später: In Gleiwitz, der polnischen Industrie- und Bergarbeiterstadt, die heute Gliwice heißt, treffen sich polnische Veteranen, Soldaten der früheren Armee, die den Kriegsausbruch und die Wochen davor unweit Gleiwitz jenseits der alten polnischen Grenze in ihren Bereitstellungsräumen erlebt haben. Dies ist kein offizielles Treffen, und es sind auch nur wenige, die hierher gekommen sind: Nicht viele der Kameraden haben den Krieg und vor allem die Verfolgung in der Besatzungszeit überlebt. Ganze 27 Männer sind von der „Brigade Slaska“, ihrer alten Truppe, noch am Leben – 27 von mehr als 500 Soldaten.

Das Kommando hat ein ehemaliger Major übernommen, Jerczy Szliba aus Konice – der einzige überlebende Offizier. „Ein Hoch unserer Kameradschaft“, ruft der weißhaarige Mann auf dem Bahnhofsvorplatz von Gleiwitz und stößt den dünnen Arm mit geballter Faust in die Luft: Sammeln. Die Truppe formiert sich: Männer mit Stöcken und einer im Rollstuhl. Janusz Barzak ist blind und wird von seiner Frau geführt. Der Marsch geht in ein Gartenlokal am Kanal. Das Mittagessen ist vorbereitet, und es soll ein Festmahl werden: Karpfen in brauner Sauce, die ein bißchen nach Dunkelbier und ein bißchen nach Weihnachtsplätzchen schmeckt.