Normale Autoren veröffentlichen normale Bücher und freuen sich, samt ihren Verlagen, wenn möglichst bald möglichst sinnvolle, eingängige Reaktionen und Rezensionen herauskommen. Bei prominenten Autoren ist das anders. Die bieten nicht bloß Bücher zum Lesen, sondern vielmehr Startschüsse zum ,Rezensieren“. Wenn Frisch, Grass oder Walser etwas Neues vorlegen, erwarten viele Literaturbeflissene sofortigen Rezensenten-Wettlauf mit Zielphoto. Das Ergebnis dieser Termin-Manipulation ist immer gleich: Prominentes wird schlagartig zur Besichtigung freigegeben, vor dem Start hat nervöse Stille geherrscht, dann tönt es aus jeder Ecke, aus jedem Feuilleton. An diesem wohl unvermeidlichen, aber darum ja nicht unbedingt würdigen kritischen Kurzstrecken-Gehaste, diesem selbstbewußten Schauturnen kritischer Geister wollte ich mich (diesmal) nicht beteiligen.

Joachim Kaiser in der Süddeutschen Zeitung“ 44 vom 25./26. August. Was Kaiser verschweigt: beim vorletzten Rezensenten-Wettlauf (Objekt: Martin Walsers Roman „Seelenarbeit“) erreichte er mit weitem Abstand als erster das Ziel. Seine Kritik erschien Tage vor dem Buch.

Play Boy

„Dafür hat dieser Mann Lust – große Lust! sich auszuprobieren, mit allem, was er hat und kann“: Wenn solche Sätze in einem bekannten Herrenmagazin stehen, neben viel rosigem, frischgewaschenem Mädchenfleisch, kommt man vielleicht auf falsche Gedanken. Doch gemach: Der Mann, der Lust hat (natürlich nur auf seine Arbeit), ist Boy Gobert, und er gewährte jetzt auch der Zeitschrift Playboy (vertreten durch ihren „Autor“ Raimund le Viseur) ein langes Interview, in dem, neben vernünftigen und höchst fragwürdigen Sätzen (so wiederholt Gobert aufs neue die Lebende vom „gesunden Thalia Theater“ und vom „kranken Schauspielhaus“) auch dieses Bekenntnis erklingt: „Ich will Spaß am Theater haben. Das ist ein Beruf, der sich von so vielen anderen Berufen, die nicht spaßig sind, unterscheidet. Hier kann man seinen Beruf leben. Das kann toll sein, das kann schmerzlich sein, aber das will ich. Mit dieser Lust am Theater macht man den Menschen Lust.“ In ganzseitigen Anzeigen in seriösen Tageszeitungen wies derPlayboy am Montag auf sein Gobert-Gespräch hin. Doch weil die Magazinmacher der Macht der Intendantenprosa dann doch nicht ganz vertrauten, garnierten sie in ihrem Inserat Goberts Sätze mit Lyrik für den lustbetonten leitenden Angestellten: „Ein Sprung in den Lichtkegel, viel braune Haut, ein neues Gesicht, überschäumende Freude. Das ganze verpackt in einen himmelblauen Glitzerfummel und so neckisch verknotet, daß man am liebsten auch gleich aufspringen möchte – das ist das Titelbild des neuen Playboy mit dem Boy-Gobert-Interview.“

Steirische Stille

Die (Künstler-)Gruppe 77 läßt uns wissen: „Schwerpunkt-Programm des heurigen steirischen Herbstes ist ‚Kunst und Öffentlichkeit‘, wofür seit Ende des letzten Jahres eine Vielzahl Öffentlichkeit erzeugender und provozierender. Veranstaltungen entwickelt wurde. Die Gruppe 77, zu einem eigenständigen Beitrag eingeladen, hat sich zu einer ,Aktion Stille entschlossen, weil sie das Element der Stille als nicht von (Laut-) Zeichen gekennzeichneter Information innerhalb der Kunst und Kunstrezention für wichtig hält Und zwar innerhalb der Spanne von Meditation bis zu jener nicht missionarisch zu verstehenden Bedeutung der Stille innerhalb des von (Laut-) Zeichen überlasteten allgemeinen Kommunikations- und Informationswesens. Ein Teil dieser ‚Alnion Stille‘ wird sein, daß in Zeitungen merkbare Flächen unbedruckt bleiben mit dem Hinweis, Aktion Stille der Gruppe ’77/Graz‘. Einige österreichische Zeitungen haben dies schon zugesagt, wie auch das Fernsehen und der Rundfunk je eine Minute ‚Stille‘ halten werden. Im Moment werden Gespräche über einen ‚Club2‘ in FS 2 geführt, die diese Problematik verbreitern helfen sollen.“ Wir stimmen still zu.