Briefe zu schreiben, und zwar öffentliche, die an einen unbekannten Adressaten gerichtet sind, ist in letzter Zeit wieder in Mode gekommen (ein Blick in die letzten Ausgaben der ZEIT genügt) ich möchte mich dieser Mode anschließen mit diesem Brief an den 21jährigen Studenten, dessen Brief an seine Eltern in der ZEIT Nr. 30 unter der Rubrik „Alternatives Leben“ abgedruckt wurde.

Dein Brief hat mich beim ersten Lesen gleichermaßen gereizt und interessiert: Es hat mich geärgert, daß Du das Hinschmeißen Deines Studiums mit einer gekonnten „Begründung“ garniert und Dich zum „drop-out“ stilisiert hast. Vielleicht, weil Du damit einen wunden Punkt bei mir, ebenfalls Student, der mittlerweile leichte Schwierigkeiten mit der Motivation seines Studiums hat, getroffen hast.

Mit dem Satz „Leben nach Feierabend? Nein Danke!“ hast Du zunächst einmal eine Abwehrreaktion bei mir ausgelöst: Mit welchem Recht urteilst Du Tausende ab, denen nichts anderes übrigbleibt, als ein „Leben nach Feierabend“ zu führen? Mit welchem Recht zählst Du Dich zum kleinen Kreis derer, die noch Ideale haben und „etwas merken“, gehst auf einen Trip durch Landkommunen per Fahrrad, das andere für Dich gebaut haben; die „die Perversität des Sich-Verkaufens“, die Sklaverei-Arbeit auf sich genommen haben? Ist Deine Basis „Arbeitskraft gegen Kost und Logis“ eigentlich etwas so prinzipiell anderes als das, was ein Fließbandarbeiter bei VW tut? Und wieso sind eine Erziehung und Gesellschaft „Müll“, die es Dir jetzt ermöglichen, Dich doch relativ frei zu entscheiden, Landkommunen (sind diese kein Teil der Gesellschaft?) zu besuchen? Soweit mein Ärger.

Dann habe ich jedoch bemerkt, daß uns doch zwei Probleme gleichermaßen betreffen: die Unlust am Studium und die gedankliche Auseinandersetzung mit dem Phänomen „Arbeit“, die in Deinem Brief einen zentralen Rang einnimmt. Wir sind allerdings diese Probleme auf zwei verschiedenen Wegen angegangen: ich von unserer so bestehenden, arbeitsteiligen Gesellschaft her, für die „Arbeit“ ein zentraler Begriff ist. Ich habe mich unbesehen mit der vorgefundenen Organisationsform arrangiert und Arbeit, wie viele sie verrichten müssen (das, was Du ein „normales Beschäftigungsverhältnis“ nennst), für mich sogar zu einer Art Leitbild gemacht. Mein Studium habe ich nach und nach auch mehr als „Arbeit“ in diesem Sinne angesehen und so versucht, die Kluft, die mich als Student von den wirklich produktiv Tätigen trennt, gedanklich ein wenig zu überbrücken. Diese „Eselsbrücke“ hilft mir sogar, mein Studium nicht aufzugeben in einer Phase, wo der anfängliche Wissensdurst gestillt ist und ich noch kein klares Berufsbild vor Augen habe.

Du hingegen findest Dich nicht mit der bestehenden Organisationsform ab, brichst konsequenterweise Dein Studium ab und gehst auf die Suche nach Alternativen.

Beim tieferen Bohren bin ich dann darauf gekommen, daß das Problem letzten Endes doch ein politisches ist: Akzeptiert man die bestehende Ordnung, muß man, so wie ich, Unzufriedenheit und auch Ungerechtigkeit bei der Verteilung der zu verrichtenden Arbeit in Kauf nehmen. Aber vielleicht gibt es ja tatsächlich Möglichkeiten, unsere Arbeitswelt so zu organisieren, daß für jeden einzelnen mehr Sinn sichtbar wird und die „Perversität des Sich-Verkaufens“ wenigstens teilweise aufgehoben wird.

Dein Brief hat mich letztlich angestoßen, jetzt selber auf die Suche zu gehen – gestoßen bin ich bislang auf die Bücher „Die nachindustrielle Gesellschaft“ von Daniel Bell (rororo 7238) und „Wirtschaftsdemokratie und Humanisierung der Arbeit“ von Dr. F. Vilmar (Berliner Politologe). Besonders letzterer hat mich überzeugt – seinen Ansätzen zur Problemlösung stimme ich voll zu. Er geht auch davon aus, daß wir eine grundlegend falsche Arbeitsorganisation haben (vorwiegend Fremdbestimmung, die die Möglichkeit verschließt, gleichzeitig „Mensch zu bleiben“) und gibt Konsequenzen für die Politik an: „Durchsetzung eines liberalen und humanen Sozialismus“, zu dem aber noch Wesentliches hinzukommen muß: größere Bereitschaft von allen (auch den bisher privilegierten) Gesellschaftsgliedern, auch solche Arbeiten zu übernehmen, die untergeordnet und unangenehm sind. Bei allem bleibt er auf dem parlamentarischen Boden, an dem Du wahrscheinlich mittlerweile zweifelst.