Ausstellung in Bochum: Kunst aus Auschwitz

Von Raimund Hoghe

Bilder aus Auschwitz. Erste Begegnung. Ich reagiere mit Scham, Wut, Sprachlosigkeit. Sehe unmenschliche Situationen. Lese Bildtitel. „Nicht mehr lohnend für ärztliche Behandlung.“ „Allee der Prügelnden.“ „Der Appell dauerte sehr lange, die Füße taten mir weh.“ „Block 11 – herausgerufen zum Erschießen.“ „Erledigt.“ Und immer wieder Gesichter. Porträts einzelner, Namenloser oft, Numerierter. 75082. 43844. 190210. In den Zeichnungen werden die Nummern wieder zu Namen. Zygmunt Ladkowski. Danilo Pizzignacco. Albert Frecke.

Menschen in entmenschlichter Zeit. Zum Beispiel Czeslaw Jaszczynski, genannt Bumbo. Der im Konzentrationslager inhaftierte Liliputaner Bumbo, eingesetzt als Pförtner am Hauptlagertor, unterstützte die Widerstandsbewegung bei der Übergabe von Nachrichten. Der Mann mit dem ernsten und erstaunten Kindergesicht tat es, indem er die SS-Leute durch Clownerien ablenkte. 1941 wurde dieser Bumbo von Leon Turalski gezeichnet, illegal, auf einem 14 mal 9 Zentimeter kleinen Blatt. Sein Porträt: Teil der Ausstellung „überleben und widerstehen – Zeichnungen von Häftlingen des Konzentrationslagers Auschwitz 1940–1946“, einer Ausstellung der Deutsch-Polnischen Gesellschaft, die nicht nur Demütigung und Vernichtung menschlichen Lebens dokumentiert, sondern mit mehr als einhundertdreißig Arbeiten auch etwas anderes belegt: den Versuch, Widerstand zu leisten, menschliche Würde zu behalten in einer Menschen entwürdigenden Welt.

„Die Konzentrationslager hatten außer ihrer Funktion, die als Feinde oder unbrauchbar geltenden Menschen zu vernichten, auch das Ziel, den psychischen Verfall der Häftlinge durch die Verletzung jeglicher Menschenwürde zu bewirken“, stellt Kazimierz Smolen, Direktor des seitlichen – Museums Oswiecim-Brzezinka (Auschwitz-Birkenau), im Ausstellungskatalog fest. Doch auch in dem auf die Vergewaltigung und Zerschlagung jahrhundertealter Errungenschaften des Zusammenlebens in der zivilisierten Gesellschaft angelegten System habe sich unter den Häftlingen eine Gegenkultur entwickelt. Seit Errichtung des Vernichtungslagers waren (so Smolen) „Verhaltensweisen der Häftlinge zu beobachten, deren Ziel das Umgehen von Befehlen, das Sichentziehen, Sichverweigern war. Jeder kleine Teilerfolg gegenüber der scheinbar durch nichts antastbaren Macht der SS war für die Häftlinge Quelle psychischer Kraft. In diesem Zusammenhang bildete sich auch das kulturelle Leben der Häftlinge heraus“.

So kursierten in von ihnen organisierten geheimen Zirkeln Bücher, deren Besitz im Lager verboten und mit schweren Strafen belegt war. Eigene Texte wurden geschrieben und in kleinen Ensembles vorgetragen. In den Schlafsälen erzählte man einander den Inhalt von Theaterstücken und Filmen, rekonstruierte und kommentierte geschichtliche Ereignisse, tauschte Nachrichten aus, beschrieb fremde Kulturen, Reisen, erinnerte eigene Geschichte, Vergangenheit. Zeichnungen, Gemälde, Skulpturen entstanden.

Zeichnungen als Zeichen des Widerstandes. Zeichnen als Möglichkeit zu überstehen, zu widerstehen. Die meisten der jetzt ausgestellten Arbeiten wurden illegal realisiert. Darstellungen des Lagerlebens waren untersagt. Trotzdem wurden sie gemacht. Die Gezeichneten zeichneten: Folter- und Sterbeszenen, geschlagene, bis aufs Skelett abgemagerte Figuren. Einige dieser Blätter gelangten über Kontakte der Arbeitskolonnen zur polnischen Zivilbevölkerung nach draußen. Manche Maler verbargen die verbotenen Bilder unter der Häftlingskleidung. Zum Beispiel Marian Ruzamski. Bei der Evakuierung des Lagers Auschwitz nach Bergen-Belsen trug er, zusammengerollt und unter dem Hemd versteckt, etwa hundert Porträts mit sich.

Materialien für die illegalen KZ-Arbeiten, Bleistifte, Kohle, Papier, wurden oft über die Malerwerkstatt beschafft. 1941 war diese sogenannte „Museums-Stube“ eingerichtet worden. Den Anstoß hatte ein Besuch des Lagerleiters Höss in der Tischlerei gegeben. Dem Pferdeliebhaber Höss war hier eine Pferdezeichnung des inhaftierten Franziszek Targosz aufgefallen. Targosz später: „Nachdem Höss die Bleistiftskizzen ‚Pferdegruppen‘ unterbreitet worden waren, führte eine zaghaft formulierte Frage dazu, bei Höss den Gedanken an eine Zeichnungs- und Bildersammlung, die durch Häftlinge angefertigt werden sollte, zu wecken.“

Ähnlich wie das aus Häftlingen gebildete Lagerorchester sprengte auch die Malerwerkstatt den von der SS gesetzten Rahmen. Die „Museums-Stube“ wurde Treffpunkt und eine Art Asyl für die im KZ lebenden Künstler, die hier gewissen Schutz fanden und auch die Möglichkeit, ihre Arbeit fortzusetzen. Das allerdings nur illegal.

Offiziell wurde von ihnen anderes verlangt. Zum Beispiel Lithographien für ein „Bilderbuch“ über den Umgang mit Häftlingen-oder Porträts von Zigeunern, die der SS-Arzt Mengele für seine „Rassenstudien“ verwenden wollte.

„Hergestellt im Auftrag der SS“, ist eine Abteilung der Ausstellung überschrieben. Gefragt waren Ölbilder mit unverfänglichen Sujets, Darstellungen von Aufbauarbeiten auch, die die im Lager geleistete Vernichtungsarbeit verbergen sollten. Eines dieser Ölgemälde zeigt den „Bau einer Werkhalle“. Von diesem Bau ist am 14. Juni 1943 auch in einem aus dem Lager geschmuggelten Kassiber die Rede. hier neben unseren Blocks auf dem Lagergelände wird eine riesige Werkhalle für die Firma Krupp gebaut. Es werden schon die Maschinen montiert. Ich meine, daß in einem Monat Zeit ist, daß die Vögel das Ziel anfliegen. Was uns angeht, so haltet Euch nicht zurück, nochmals können wir mit unserem Blut unseren Willen dokumentieren, daß es uns um die Vernichtung des Feindes geht. Haltet Euch nicht zurück, weil wir hier wohnen. Die Firma Krupp muß man zerstören und dem Erdboden gleichmachen.“

Kunst aus Auschwitz: nicht zu trennen von dem, was in Auschwitz Leben hieß, nicht zu trennen von dem täglich erfahrenen Tod, der Ermordung von insgesamt etwa vier Millionen Menschen. „Einige Angaben über Auschwitz“ dann auch im Katalog. „Die geschlossenen Waggons mit den Verhafteten fuhren bis in das Lager Birkenau (oder Auschwitz II), 3 km von dem Stammlager Auschwitz I entfernt. Hier führten die SS-Ärzte an der sogenannten Rampe die „Selektionen“ durch, das heißt, sie wählten die Arbeitsfähigen aus, jeweils zwischen 15 und 30 Prozent der Ankommenden. Die übrigen mußten sich entkleiden, um angeblich zu duschen und wurden in den 210 qm großen Kammern, von denen es vier gab und in die je 2000 Personen gepreßt wurden, mit dem Gas Zyklon B erstickt. Von Häftlingen der Sonderkommandos wurden den Toten die Goldzähne ausgebrochen und die Haare abgeschnitten. Sie wurden in Krematorien oder tiefen Gruben verbrannt. Die Asche wurde von Lastwagen aus in die nahe gelegene Weichsel und in umliegende Seen geschüttet. Kleidung, Gepäck, Wertsachen der Ermordeten wurden sortiert und dem Wirtschafts-Verwaltungs-Hauptamt zur Verfügung gestellt. Es sind täglich fast 20 Waggons abgegangen.“

Die mörderische Realität von Auschwitz macht es einem schwer, über Bilder zu sprechen, angesichts der Millionen Opfer einzelne zu sehen. Die aus der 2000 Bilder umfassende Sammlung des Auschwitz-Museums ausgewählten Zeichnungen von KZ-Häftlingen ermöglichen den Blick auf einzelne und: auf eine Nation, die sich ihnen stellen muß. „Die Auschwitz-Bilder zeigen das Gegenteil von dem, was im Gerichtssaal sichtbar wird: Im Gerichtssaal sind die Täter einzelne, und die Opfer sind Legion.

„In den Bildern aus Auschwitz sind die Opfer einzelne Menschen und die Täter Nation“, so Martin Walser im Katalog zur Ausstellung, in der dann auch gerade die Porträts betroffen machen. Zum Beispiel das von Peter Edel, der als etwa 20jähriger ins Vernichtungslager kam. Sein Selbstbildnis zeigt zwei Männer. Vorn einen alten, verbitterten, gebrochenen Mann in Häftlingskleidung. Dahinter einen jungen im Straßenanzug, mit lächelndem Gesicht, klaren offenen Augen. „Wer ist das? / Du! / Ich? / Ja!“, notierte Peter Edel an den Rand des Selbstporträts, gezeichnet 1944 in Auschwitz.

„Ich möchte immer lieber wegschauen von diesen Bildern. Ich muß mich zwingen hinzuschauen. Und ich weiß, wie ich mich zwingen muß. Wenn ich mich eine Zeitlang nicht gezwungen habe hinzuschauen, merke ich, wie ich verwildere. Und wenn ich mich zwinge hinzuschauen, merke ich, daß ich es um meiner Zurechnungsfähigkeit, willen tue“, schreibt Martin Walser am Ende seines Katalogtextes „Auschwitz und kein Ende“, und: „Es genügt ein Blick auf ein Auschwitz-Bild, und jeder gesteht sich wenigstens ein: Wir sind nicht fertig damit. Egal, was du damit machst, du kannst es nicht delegieren. Du kannst nicht bewältigen lassen. Die Gewalt, die in diesen Bildern erscheint, ging von dir aus, jetzt kehrt sie zurück, zu dir. Es genügt nicht, seine Eltern und Großeltern zu fragen: wie war das und das. Frag doch dich, wie es ist.“ (Museum Bochum Haus Kemnade bis 14. Oktober, anschließend in Frankfurt, Düsseldorf, Hannover, Erlangen, Kassel, München, Katalog 5 Mark.)