/ Von Hans C. Blumenberg

Eine Komödie? Auch eine Komödie.

Halten wir uns einen Moment lang an eine Figur, die P. J. Lurz heißt und in Rainer Werner Fassbinders „Komödie in 6 Teilen um Gesellschaftsspiele voll Spannung, Erregung und Logik, Grausamkeit und Wahnsinn“ eine nicht unbedeutende Rolle spielt. P. J. Lurz, ausgestattet mit der Pokermiene und den lässigen Bewegungen des Darstellers Eddie Constantine, ist ein Mann mit vielen Interessen. Er handelt, von einem supermodernen Büro in der Berliner City aus, mit den allerneuesten Datenverarbeitungsmaschinen: ein Unternehmer. Er unterstützt, natürlich heimlich, eine Gruppe von Terroristen, auf daß, durch deren auffälliges Wirken, bei den Herren in Bonn ein rasendes Verlangen nach seinen auch und gerade zu Zwecken der Fahndung nützlichen Computern entstehen möge: ein Verschwörer. Er liebt, offensichtlich mehr als seinen Kommerz, die kompliziertesten Filme, betrachtet Robert Bressons „Der Teufel, möglicherweise“ auf seinem Videorecorder und belehrt einen Polizeikommissar über die Qualität von Andrej Tarkowskis sowjetischem Sciencefiction-Essay „Solaris“ („der beste Film, den ich je gesehen habe“): ein Ästhet.

Einen wie P. J. Lurz – der IBM-Machiavellist mit dem exquisiten Kinogeschmack des Filmemachers Fassbinder – gibt es in der Wirklichkeit nicht. P. J. Lurz ist eine Kunstfigur, konstruiert aus extremen Widersprüchen. Existieren kann ein solches Monstrum nur in einer Komödie, die sich um die Gesetze der Wahrscheinlichkeit nicht schert: in einer absurden Farce. Auf eine solche bewegt sich „Die dritte Generation“ langsam zu, bis zu jenem Moment, da P. J. Lurz am Karnevals-Dienstag des Jahres 1979 von einer fröhlich bunt kostümierten Terroristenschar mit vorgehaltenen Spielzeugpistolen aus seinem Dienstwagen „entführt“ wird: Das Schleyer-Drama, nachgestellt als morbider Mummenschanz.

Ist das nun geschmacklos? Eine Farce kann keine Sonntagspredigt sein, und Fassbinder wagt sich weit genug aus unserer Wirklichkeit heraus, um den naheliegenden Fallen irgendeiner „Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen“ zu entgehen. Nichts interessiert ihn weniger als die Messer in den Köpfen von Katharina Blum und Christa Klages und sonstige Anstrengungen, deutsche Gegenwart mit den Mitteln eines seriösen Realismus so zu „bewältigen“, daß in den Köpfen der Zuschauer kaum mehr entsteht als das Editorial einer progressiven „Bild“-Zeitung in Braille-Schrift. P. J. Lurz weiß: „Film ist Lüge, 25mal in der Sekunde.“ Fassbinder lügt riskant, immer knapp an der Wahrheit vorbei. Aus den absonderlichsten Erfindungen und versprengten Resten erkennbarer Realität entsteht die Wahrheit des Kinos und die Wahrheit der Komödie.

Terroristen? Jene Herrschaften, die in der „Dritten Generation“ so genannt werden, gleichen eher dem Personal eines Stückes von Botho Strauss: spätbürgerliche Flaneurs und Schwadroneure, kulturgeile „Schaubühnen“-Abonnenten, die über die Sensibilität der letzten Botho-Strauss-Inszenierung so gedankenlos hingerissen parlieren wie überiden Gelegenheitskauf einer schicken Bluse. Man spielt Monopoly, legt sich Personalausweise mit Namen wie Oskar Matzerath und Louis Ferdinand Céline zu und hantiert mit Schußwaffen wie mit den Accessoires einer mittelprächtigen Salon-Komödie. Beim Überfall auf das Einwohnermeldeamt, der so aussieht, als hätten ihn Abbott und Costello in einem ihrer weniger lichten Momente inszeniert, macht sich schon mal einer in die Hose. Eine freudlose Groteske: Die Verfolgung und Ermordung von Elisabeth van Dyck und Willy Peter Stoll, dargestellt von Margit Carstensen und Udo Kier. Wenn einem bei dieser Vorstellung übel wird, dürfte das Fassbinder nur recht sein.