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Der Reichstagsbrand von 1933, ursprünglich ein Symbol der Nazidiktatur, ist zum Gegenstand haßerfüllter Kontroversen unter den Historikern geworden. Angeheizt wird der Streit seit zehn Jahren von dem mysteriösen Generalsekretär eines "Luxemburger Komitees". Sein Name: Edouard Calic. Er inszeniert eine Forschungsposse mit erstklassiger Besetzung: Politiker, Professoren und Publizisten spielen mit – ob sie wollen oder nicht. Niemand weiß, was den Mann bewegt: Fanatismus, Geltungsdrang, politische Überzeugung?

Calic verwirrt die Öffentlichkeit mit fabelhaften Geschichten. Fälschungen und Intrigen drohen den guten Ruf der deutschen Geschichtsforschung zu ruinieren. In das Gewirr von Desinformation wird die ZEIT in dieser und den nächsten Folgen eine Schneise schlagen

Kabalen um den Reichstagsbrand

Eine unvermeidliche Enthüllung Teil I einer ZEIT-Serie

Von Karl-Heinz Janßen

Kein Ereignis des Dritten Reiches hat die Phantasie der Deutschen – zumal der Zeitgenossen – über die Jahrzehnte hinweg so beschäftigt wie der Reichstagsbrand am Abend des 27. Februar 1933.

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Die lohende Flamme über der Kuppel des Parlamentsgebäudes am Königsplatz in Berlin hatte von Anbeginn eine Signalwirkung, der sich weder Freund noch Feind der Nationalsozialisten entziehen konnten. Dieser Großbrand wurde zum Symbol für die Nazi-Diktatur, ein Wegweiser für alle Verbrechen, die in ihrem Namen begangen werden sollten.

Die bürgerlich-nationalsozialistische Koalitionsregierung unter dem Reichskanzler Adolf Hitler benutzte den Brand als Vorwand, über ganz Deutschland den Ausnahmezustand zu verhängen: Alle wichtigen Grundrechte wurden "bis auf weiteres" außer Kraft gesetzt. Tatsächlich währte die berüchtigte "Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutze von Volk und Staat" vom 28. Februar 1933 zwölf Jahre – bis zum Ende des Dritten Reiches.

Der Streit um die Schuld am Reichstagsbrand dauert bis auf den heutigen Tag.

Im Südumgang des brennenden Gebäudes hatten Polizisten und der Hausmeister den Brandstifter auf frischer Tat ertappt: einen kräftigen Burschen mit wirren Haaren und schweißnassem, halbnacktem Oberkörper. Er hatte seine eigenen Kleider verbrannt und in einem rasenden Lauf durch den Reichstag überall kleine Brände gelegt. Auf die zornige Frage, warum er "das" getan habe, antwortete er nur: "Protest! Protest!"

Sein holländischer Paß wies ihn aus als den 24jährigen Marinus van der Lübbe. Dieser Maurergeselle und Tippelbruder, politisch ein Anarchist und Rätekommunist, der sich keiner Parteidisziplin unterwarf, gab in seinen Vernehmungen der Polizei ein überzeugendes Motiv an: Er habe gegen die neue Regierung Deutschlands protestieren wollen, weil sie die Arbeiterklasse unterdrücke und einen Krieg in Europa heraufbeschwören würde. Sein Fanal sollte noch vor der Reichstagswahl am 5. März die Arbeiter "zum Kampf für die Freiheit" aufrütteln.

In der spannungsgeladenen Atmosphäre des Wahlkampfes, vier Wochen nach der Machtübernahme durch Hitler, erwartete das Bürgertum der sterbenden Weimarer Republik täglich den "Aufstand der Roten". Hitler und sein Parteifreund, der Reichstagspräsident und preußische Polizeiminister Hermann Göring, erklärten bereits an der nächtlichen Brandstätte die Kommunisten für schuldig. Noch vor dem Morgengrauen eröffnete das Regime die Hetzjagd auf kommunistische Funktionäre, aber auch auf Sozialdemokraten und Linksintellektuelle, die in den nächsten Stunden und Tagen zu Tausenden in die Gefängnisse eingeliefert wurden.

Zusammen mit dem Tatverdächtigen van der Lübbe wurden der Fraktionschef der Kommunisten im Reichstag, Ernst Torgler, sowie drei bulgarische Kommunisten, unter ihnen Georgi Dimitroff, Leiter des Westeuropäischen Büros der Komintern (Kommunistische Internationale), wegen Hochverrats und aufrührerischer Brandstiftung angeklagt.

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Doch die Nationalsozialisten erlebten mit dem Leipziger Reichstagsbrandprozeß ein ungeahntes Debakel: Das Reichsgericht mußte am 23. Dezember 1933. die vier Kommunisten "mangels Beweises" freisprechen; nur der geständige Holländer wurde zum Tode verurteilt. Er starb am 10. Januar 1934 unter dem Fallbeil im Gefängnis von Leipzig.

Die Gerüchte über eventuelle Mittäter wollten dennoch nicht verstummen. Zwar hatte schon die Kriminalpolizei in der Voruntersuchung festgestellt: "Die Frage, ob van der Lübbe die Tat allein ausgeführt hat, dürfte bedenkenlos zu bejahen sein"; auch hatte sich der Brandstifter vor Gericht zu seiner Tat bekannt ("Ich bin allein auf eigene Veranlassung aus Holland gekommen und habe mit niemand über die Sache gesprochen. Ich habe alles allein gemachte"). Doch das Gericht und die drei Brandsachverständigen glaubten ihm nicht, da ihrer Meinung nach niemand mit ein paar Kohleanzündern und einigen Stoffetzen in so kurzer Zeit einen Großbrand entfachen könne. Es müsse also der Plenarsaal vorher präpariert gewesen sein.

Hermann Göring hatte sogleich nach dem Brand die Behauptung in die Welt gesetzt, ein Trupp von etwa sieben bis zehn Brandstiftern habe durch einen unterirdischen Heizungsgang zentnerweise Brandmaterial in das Reichstagsgebäude geschleppt.

Die unbewiesene These schlug wie ein Bumerang auf ihn zurück: Die Kommunisten, die es wirklich nicht gewesen waren, schoben nun ihrerseits Göring und einigen SA-Führern die Brandstiftung in die Schuhe. Der Kominternfunktionär Willi Münzenberg und andere kommunistische Emigranten aus Deutschland organisierten in Paris eine Propagandazentrale, um die Weltpresse mit "Braun- und Weißbüchern" über das vermeintliche Verbrechen der Nazis zu versorgen. Die Propagandisten scheuten auch vor raffinierten Fälschungen nicht zurück, um ihre

Hypothese zu stützen.

Von Münzenberg stammte auch der "geniale Einfall" (Arthur Koestler), in London einen "Gegenprozeß" zu veranstalten; dort soll Übrigens Münzenbergs Mitarbeiter, der spätere hohe SED-Funktionär Albert Norden, mit verhülltem Kopf als "aus Deutschland stammender SA-Führer" in den Zeugenstand getreten sein.

Der Kern der "Gegenanklage": Ein SA-Rollkommando habe im höchsten Auftrag den Reichstag angesteckt, um die Verhaftungswelle in Gang, zu setzen. Als dann Hitler nach dem sogenannten Röhmputsch 1934 eine Reihe von SA-Führern und bürgerlichen Oppositionellen kurzerhand ermorden ließ, fand die Münzenbergsche Behauptung, hier seien die Mitwisser des Reichstagsbrandes beseitigt worden, viel Anklang.

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Nach dem Krieg setzten sich schließlich die (unbewiesenen) "Braunbuch"-Thesen auch in den Geschichtsbüchern fest. Zuzutrauen war das Verbrechen den Nazis allemal. 1957 schrieb der Zeithistoriker Walther Hof er – damals Geschichtsprofessor an der Freien Universität Berlin – in einem Taschenbuch-Bestseller, es sei "geschichtlich erwiesen, daß es Nationalsozialisten waren, die den Brand organisierten".

Doch zwei Jahre später verkündete der Spiegel eine sensationelle Neuigkeit – es waren weder die Nazis noch die Kommunisten: Der Reichstagsbrand sei wirklich, nur von dem jungen holländischen Linksradikalen van der Lübbe gelegt worden. Herausgefunden hatte dies ein Außenseiter der historischen Zunft: der damalige niedersächsische Oberregierungsrat und Freizeithistoriker Fritz Tobias.

Ein Jahr danach wurde die neue These in einer ZEIT-Serie von Hans Bernd Gisevius angefochten. Der einstige Gestapobeamte und spätere Kronzeuge der Anklage im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozeß wollte dem armen van der Lübbe den Lorbeer, den Fritz Tobias ihm posthum gewunden hatte, wieder entreißen. Er präsentierte sogar einen überlebenden ehemaligen SA-Führer als einen der vermeintlichen Hauptbrandstifter; Tobias prophezeite darauf Gisevius (und der ZEIT) eine "Riesenblamage" – und in der Tat ließen sich die Anschuldigungen gegen den einstigen SA-Führer später vor Gericht nicht beweisen.

Die Belege für seine aufsehenerregende Artikelserie lieferte Tobias 1962 in einem 700-Seiten-Buch nach. Englische Professoren waren die ersten, die seine Argumentation plausibel fanden: ein Doyen der britischen Geschichtswissenschaft, Alan Bullock ("Adolf Hitler – A Study in Tyranny"), der die Münzenberg-These unbesehen in seine Hitler-Biographie übernommen hatte, schrieb dem Reichstagsbrand-Forscher in Hannover, er werde dessen Buch an sichtbarer Stelle in seiner Bibliothek aufbewahren, "als Ermahnung, den wichtigsten Forschungsgrundsatz nicht zu vergessen – nichts zu übernehmen, was man nicht selber überprüft hat".

Die deutschen Fachhistoriker hingegen reagierten skeptisch auf die verblüffenden Entdeckungen von Fritz Tobias. Das Institut für Zeitgeschichte in München gab ein Gutachten in Auftrag, offenkundig in der Erwartung, man werde die so unzeitgemäße, die Nazis freisprechende These des hannoverschen Amateurhistorikers widerlegen. Doch als 1964 der Berufshistoriker Hans Mommsen in den "Vierteljahresheften für Zeitgeschichte" sein diesbezügliches Untersuchungsergebnis vorlegte, waren Fachwelt und Öffentlichkeit gleichermaßen überrascht: Mommsen fand, daß Tobias recht habe. Professor Hans Rothfels, Herausgeber der Zeitschrift, erteilte seinen Segen dazu: Die kritische Überprüfung der Thesen von Tobias ergebe "eindeutig, daß keinerlei haltbares Indiz weder für kommunistische noch für im nationalsozialistische Initialzündung oder Mittäterschaft vorliegt". Damit schien der Fall ad acta gelegt. Die deutschen Geschichtsbücher wurden umgeschrieben.

Mann mit schillernder Vergangenheit

Doch Einzeltäter haben es schwer; die Menschen glauben viel lieber an finstere Verschwörungen: Fünf Millionen Dollar hat es sich zum Beispiel ein Unterausschuß des amerikanischen Kongresses im letzten Jahr kosten lassen, um zu ermitteln, ob Präsident Kennedy und der Bürgerrechtler Martin Luther, King vielleicht doch einem Komplott zum Opfer fielen.

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Mitte der sechziger Jahre bestieg ein-neuer Reichstagsbrand-Forscher die Bühne, der sich ebenfalls nicht die Überzeugung nehmen lassen wollte, daß die Nazis selber den Reichstag angesteckt hätten. Er beherrschte fortan die Szene.

Sein Name: Edouard Calic alias Edoardo Chialich, Jahrgang 1910, italienischer Staatsbürger kroatischer Herkunft, ein Mann mit schillernder Vergangenheit. Anfang des Krieges lebte er als jugoslawischer, Ende der fünfziger Jahre als französischer Korrespondent in Berlin; dazwischen liegen drei Jahre im KZ Sachsenhausen und zwölf Jahre als Schriftsteller in Paris. Dank der Generosität Westberliner Behörden war sein Wiedergutmachungsantrag 1961 trotz Beweisnot auffallend rasch erledigt worden, und Berliner Professoren der Freien Universität hatten Calic 1963 "etwas außerhalb der Normalität" (so die Zeitschrift Publik) per Promotions-Ersatzbescheinigung einen Doktortitel verliehen.

Seit nunmehr elf Jahren ist Calic Generalsekretär des von ihm organisierten "Internationalen Komitees zur wissenschaftlichen Erforschung der Ursachen und Folgen des Zweiten Weltkrieges" in Luxemburg. Dieses Komitee, das sich eigens eine interdisziplinäre "Reichstagsbrandkommission" zulegte (mit dem Schweizer Professor Hofer an der Spitze), hat viel Zeit, Geld und publizistische Aktivität aufgewandt, um die Alleintäterschaftsthese von Fritz Tobias (heute pensionierter Ministerialrat in Hannover) und Hans Mommsen (heute Professor für Neuere Geschichte in Bochum) umzustoßen.

Calic nen die beiden mit Vorliebe "Verfechter der NS-Unschuldslegende", verdächtigt sie samt ihren Anhängern als "geheime oder offene Verbündete der NS-Kriminalkommissare" und bringt sie in die Nähe von "NS-Verbrechern".

Calic wittert überhaupt hinter dem Ganzen eine "Verschwörung": "So sind nun Politiker und Massenmedien aufgerufen, sich des gefährlichen Komplexes anzunehmen."

Sie sind es in der Tat; denn der heute 68jährige Generalsekretär Calic ist die zentrale Figur eines Stückes, das alle Merkmale eines politischen und wissenschaftlichen Skandals aufweist. Hochangesehene deutsche und ausländische Politiker, Publizisten, und Professoren haben sich durch ihn verleiten lassen, Haupt- und Nebenrollen zu übernehmen, sei es aus Ahnungslosigkeit, Leichtgläubigkeit oder aus Voreingenommenheit:

  • die Sozialdemokraten Willy Brandt, Herbert Wehner, Egon Bahr, Arno Scholz (†);
  • der ehemalige luxemburgische Außenminister und Parlamentspräsident Pierre Grégoire;
  • der Berner Historiker Walther Hofer, Mitglied des Europarats und Schweizer Nationalrat;
  • die Professoren Golo Mann, Eugen Kogon, Dietrich Bracher, Ernst Fraenkel (†), Emil Dovifat (†) und andere;
  • der Frankfurter Rechtsanwalt Robert Kempner, ehemaliger Ankläger in den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen.

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Am Rande mitbetroffen sind auch

  • das Auswärtige Amt,
  • das Bundespresseamt,
  • die Bundeszentrale für Politische Bildung,
  • das Kulturamt der Stadt Oberhausen.

Diese Institutionen halfen, Calics Forschungen und Werbeveranstaltungen zu finanzieren.

Man kann über diesen Fall schon deswegen nicht länger schweigen, weil im Laufe der letzten drei Jahre gegen den Generalsekretär Prof. Dr. Calic ehrenrührige Vorwürfe erhoben worden sind, verbreitet durch offene Briefe, deren Inhalt vielen Redaktionen und Institutionen, auch Politikern und Gelehrten in der Bundesrepublik bekannt ist. Den einen Brief richtete Ministerialrat a. D. Fritz Tobias an den sowjetischen Journalisten Lew Besymenski, den anderen die Münchner Publizistin Melitta Wiedemann an Professor Hofer.

Ehrenrührige Vorwürfe

Beide Briefschreiber wählten einen scharfer. Ton, in der unverhüllten Absicht, Calic zu gerichtlichen Schritten zu zwingen.

Der farbige Lebenslauf der Briefschreiberin Melitta Wiedemann – einer ewigen Idealistin, 1900 in Petersburg geboren, 1931 aus der NSDAP ausgetreten, im Krieg mit der SS gegen Himmler und Hitler konspirierend, heute bei den "Grünen" – machte es Calic leicht, sie als "frühere SS-Propagandistin" abzutun, ohne auf den Inhalt ihrer Anschuldigungen einzugehen. Tobias und Wiedemann – so klagt Generalsekretär Calic – wollten ihn "denunzieren, er betreibe als Agent des Weltkommunismus eine Desinformationskampagne größten Stils".

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Auf die Frage der ZEIT, warum er sich gegen die massiven Vorwürfe von Tobias und Wiedemann nicht zur Wehr setze, erwiderte Calic: "Wenn die ZEIT mir Geld gibt, gehe ich vor Gericht!"

Im Namen des Luxemburger Komitees versicherte dessen Ehrenpräsident Grégoire, Generalsekretär Calic habe eine Unterlassungsklage anstrengen oder eine Strafanzeige erstatten wollen. Doch seine Freunde im Komitee hätten Calic überzeugt, daß Prozesse nur von der Sachfrage ablenkten, nämlich vom Thema "Reichstagsbrand".

Im Gegensatz dazu, behauptet Calic, gerade seine Freunde im Komitee hätten ihn zu gerichtlichem Vorgehen gedrängt; er habe sie jedoch davon abgebracht. "Ich selbst habe immer wieder versichert, daß ich nicht klage, weil ich Geschichte schreibe, und wenn man Geschichte schreibt, können solche Prozesse zur Klärung von Ereignissen gar nichts beitragen."

Da aber niemand die deutsche Geschichtswissenschaft, die Geschichtslehrer und das Publikum im letzten Jahrzehnt in solche Verwirrung gestürzt hat wie Calic – anfänglich sogar mit tatkräftiger Unterstützung der Bundesregierung – besteht ein legitimes Interesse daran, sich etwas genauer über Herkunft, Karriere und Standort dieses rührigen Managers der Zeitgeschichte zu orientieren. Calic, der einzig der Wahrheit verpflichtet sein will, muß sich fragen lassen, wie er es denn selber mit der Wahrheit im allgemeinen und mit der historischen Wahrheit im besonderen zu halten pflege.

Sein wissenschaftliches Debüt in der Bundesrepublik gab Edouard Calic vor einem guten Jahrzehnt auf der Frankfurter Buchmesse 1968: Der respektable Societäts-Verlag veröffentlichte eine von ihm herausgegebene, sensationelle historische Dokumentation, zu der kein Geringerer als Golo Mann das Vorwort geschrieben hatte: "Ohne Maske. Hitler-Breiting-Geheimgespräche 1931". Hinter diesem Titel verbirgt sich eines der unglaublichsten Kapitel in der Geschichte der westdeutschen Historiographie.

Der Frankfurter Verlag hatte das Buchprojekt ohne Arg angenommen, weil ihm der damalige Bundesaußenminister Willy Brandt über das Bundespresseamt den Herausgeber Calic "wärmstens empfohlen" hatte.

Die beiden Stenogramme der "Geheimgespräche" – die Originale liegen angeblich in einem Banksafe der DDR, weder Golo Mann noch der Verlag haben sie je gesehen – soll der Chefredakteur der bürgerlichen Leipziger Neuesten Nachrichten, Richard Breiting, im Mai und Juni 1931 angefertigt haben, als er mit dem nationalsozialistischen Parteiführer Adolf Hitler im Braunen Haus zu München ein Gespräch führte: zwei Jahre vor Hitlers Machtergreifung.

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Kein Deutscher wurde stutzig

Breiting gehörte der Deutschen Volkspartei Gustav Stresemanns an. Er soll aber auch über einen guten Draht zum deutschnationalen Parteivorsitzenden Alfred Hugenberg verfügt haben und mit Oberbürgermeister Carl Goerdeler, der später die Widerstandsbewegung gegen Hitler anführte, befreundet gewesen sein. Folgt man dem Buch "Ohne Maske", dann hat Hitler dem ihm unbekannten Breiting, also einem der verachteten Großbürger und Demokraten, seltsamerweise seine geheimsten innen- und außenpolitischen Ziele und Absichten anvertraut – und auch gleich noch einen "Fahrplan" für die nächsten zehn Jahre mitgeliefert.

Die Kritiker in der deutschen Presse widmeten dem Buch ausführliche, zum Teil enthusiastische Rezensionen, zum Beispiel Sebastian Haffner auf einer ganzen ZEIT-Seite ("ein historisches Dokument ersten Ranges"). Keiner der Rezensenten wurde stutzig. Es fand sich in dem Buch vieles wieder, was schon aus Hitlers "Mein Kampf" und seinem "Zweiten Buch", aus seinen Reden 1926 vor dem Hamburger "Nationalclub von 1919" und 1932 vor dem Düsseldorfer Industrieclub sowie aus den Erinnerungen des Danziger Senatspräsidenten Rauschning bekannt war. Also galt die Echtheit als ausgemacht.

Der Name des Herausgebers Calic sagte den Rezensenten wenig oder, nichts. Mag sein, daß allein das Vorwort des berühmten Gelehrten Vom Kilchberg, Golo Mann, bewirkt hat, daß ihr kritischer Sinn sie im Stich ließ. Golo Mann war von Calic zu dem Vorwort – solange gedrängt worden, bis er nachgab. Alle, die jemals dem temperamentvollen Generalsekretär gegenübergesessen haben – es sind deren viele in deutschen Amts-, Gelehrten- und Redaktionsstuben –, werden sich nicht darüber wundern, wie leicht es Calic fällt, mit dem ihm eigenen Charme, mit seiner Beredsamtkeit und Besessenheit prominente Zeitgenossen für freundliche Dienste zu gewinnen. Überdies hatte Golo Mann bereits im Januar 1968 zusammen mit Willy Brandt und dem luxemburgischen Außenminister Pierre Grégoire jenes Luxemburger (Reichstagsbrand-)Komitee aus der Taufe gehoben, in dem Calic als Generalsekretär eine Schlüsselstellung besetzte.

Sie alle verband die Solidarität der Antifaschisten.

Calic hat später öffentlich kundgetan, auch Golo Mann "habe sich von der Authentie der Dokumente überzeugen können". Der Professor hatte aber nicht einmal ein Manuskript zu sehen bekommen. Zwar glaubt Golo Mann auch heute noch, ein großer Teil der Gespräche müsse authentisch sein, aber beim ersten Lesen stieß er auf Stellen, die offensichtlich später in die "Stenogramme" eingefügt worden waren, so daß er sogar erwog, sein Vorwort zurückzuziehen. Hitler-Biograph Joachim Fest, ein Mann, der seine Worte sorgsam zu wählen pflegt, darf heute unangefochten schreiben: "Gegen die Glaubwürdigkeit des Buches sind erhebliche Zweifel am Platze" (was ihn freilich nicht hinderte, daraus zu zitieren).

Nicht ein deutscher, sondern ein penibler, hochangesehener britischer Zeithistoriker, Hugh Trevor-Roper, war der erste, dem, beim Lesen der englischen Ausgabe, das Ganze seltsam vorkam. Am 7. März 1971 gab er in der Sunday Times einen Warnschuß ab: "Herr Calic, ein französischer Journalist, ist kein Herausgeber, der mich, mit Vertrauen erfüllt." Trevor-Roper war aufgefallen, daß Hitler über geradezu hellseherische Fähigkeiten verfügt haben muß, da er bereits 1931, in dem Gespräch mit Breiting, die Namen von ausländischen Staatsmännern, die erst nach 1933 mächtig wurden, nur so aus dem Ärmel schüttelte: Roosevelt, Léon Blum, Churchill, Kardinal Pacelli (der spätere Papst Pius XII.) – alle waren ihm schon geläufig. Mit nachtwandlerischer Sicherheit konnte Hitler ebenso jene Offiziere benennen, die im Dritten Reich einmal die obersten Kommandostellen der Wehrmacht besetzten sollten – obschon sie zu dieser Zeit (1931) noch als Regiments- oder Divisionskommandeure oder in Stäben tätig waren: Rundstedt, Reichenau, Beck, Blomberg, Fritsch.

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Lauter Ungereimtheiten

Ein Jahr später stieß der Spiegel nach: Calics Kontrahenten Tobias und Mommsen hatten noch mehr Ungereimtheiten, Anachronismen, falsche Zahlen und sachliche Fehler in dem Buch "Ohne Maske" entdeckt. Breiting las (vor dem Gespräch mit Hitler) in der Vorhalle des Braunen Hauses auf der Ehrentafel die Namen der 13 an der Feldherrnhalle gefallenen Putschisten – es waren aber 16; Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß teilte den Besuchern mit, die Namen der 300 Toten (aus den Saal- und Straßenschlachten der letzten Jahre) würden nachgetragen (auch Hitler spricht von diesen dreihundert Opfern) – die offizielle Liste der Partei weist aber bis zum Sommer 1931 erst 155 Tote aus. Heß zeigt Breiting den neuen "Senatorensaal", dessen Prunk der Journalist ausführlich beschreibt – er kann ihn aber gar nicht gesehen haben, weil der Saal erst ein Jahr später vollendet worden ist. Hitler empfängt seine Gäste hinter "einem riesigen Diplomatentisch" – Photos zeigen ihn an einem eher bescheidenen Schreibtisch.

Breiting bringt es in dem Buch auch fertig, sich selber in einem Stenogramm, das doch nur für eigene Zwecke bestimmt ist, als "Reichstagsstenograph" auszugeben, der er niemals gewesen ist – er hatte früher lediglich als Reporter seiner Zeitung aus dem Reichstag berichtet.

Franz von Papen, der 1932 unverhofft zum Reichskanzler bestellt wurde, gilt für Hitler bereits 1931 als einer der bedeutendsten Politiker der Weimarer Republik – in jenen Tagen saß Papen aber noch als völlig bedeutungsloser, unbekannter Zentrumsabgeordneter im Preußischen Landtag. Der ehemalige Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht taucht in Hitlers Ausführungen noch als offizieller deutscher Vertreter bei den Reparationsverhandlungen auf – er war aber von diesem Amt schon ein Jahr vorher zurückgetreten. Den rheinischen Bankier von Schröder rechnete Hitler zu den Großindustriellen.

Aus vorbereiteten Papieren, aus denen Breiting sich hernach die Zahlen abschreiben darf, liest Hitler für Mitte 1931 eine Schätzziffer von 5,5 bis 6 Millionen Arbeitslosen heraus – zur Zeit des Gesprächs aber sank die Zahl der unbeschäftigten Deutschen gerade auf 3,9 Millionen. Die Sechs-Millionen-Grenze wurde erst im folgenden Jahr überschritten.

All dies bestätigte den Verdacht, daß die "Stenogramme" nach der Machtergreifung Hitlers im Januar 1933 zumindest frisiert und wesentlich ergänzt worden waren. Nur hatte der Verfasser oder der Redakteur einen Grundsatz mißachtet, den der Zeithistoriker Helmut Heiber einmal so formuliert hat: "Geschichtsfälschung, die von Bestand sein soll, ist eine umständliche und Sorgfalt erfordernde Arbeit."

Das stärkste Argument gegen die Echtheit der Stenogramme aber waren die Aussagen eines Zeugen, der 1931 an dem Gespräch im Braunen Haus teilgenommen hatte. Dr. Alfred Detig, seinerzeit Münchner Korrespondent des Leipziger Blattes, gab zu Protokoll:

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"Die erste Unterredung ist in weitem Umfang frei erfunden; das zweite Gespräch hat nie stattgefunden. Die Stenogramme können keinesfalls aus dem Jahre 1931 stammen. Es sind politische Dokumente, zusammengestellt mit dem Ziel, vor Hitler zu warnen." Und: "Breiting hat während des Zusammenseins kein Stenogramm angefertigt."

Überdies läßt sich nachweisen, daß Breiting nicht am 4. Mai 1931, wie es in Calics Buch steht, mit Hitler sprach, sondern erst im Frühherbst desselben Jahres. Der in Westberlin lebende Enkel Breitings, Ekkehard Schneider-Breiting, der sich mit seinem Vater, einem Rechtsanwalt in Leipzig, die Nachlaßverwaltung teilt, räumte von sich aus ein, seine Familie wisse nicht, ob der Großvater den Stenogrammen etwas hinzugefügt habe. Nichtsdestoweniger strengte der Enkel nach dem Erscheinen des Artikels einen Beleidigungsprozeß gegen den verantwortlichen Spiegel-Redakteur und dessen Informanten an; seine Klage wurde vom Amtsgericht Hamburg als unzulässig abgewiesen.

Calic zeigte sich durch die peinlichen Enthüllungen keineswegs bedrückt, im Gegenteil, er drehte den Spieß um. Für ihn fügten sich die Vorwürfe der Historiker zu einer Intrige zusammen – inszeniert zu dem Zweck, die Forschungsarbeit des "Luxemburger Komitees" zu diskreditieren. Blamiert hätten sich lediglich der Spiegel samt den Forschern Tobias und Mommsen, die abermals auf Nazis hereingefallen seien: der Gesprächsteilnehmer Detig sei, nach Aussagen der Familie Breiting, ein "Gestapospitzel" gewesen (eine unhaltbare Behauptung, hat doch Breitings Witwe noch 1947 Detig bestätigt, ihr Mann habe "unbegrenztes Vertrauen" in ihn gehabt – übrigens ist Detig selber schwersten Verfolgungen durch die Gestapo ausgesetzt gewesen).

Unverzeihliche Fehler

Auch der renommierte Schweizer Historiker Walther Hofer, der sich mit Calic im Luxemburger Komitee zusammengetan hat, um die Schuld der Nazis am Reichstagsbrand zu beweisen, gab noch 1976 in der Zeitschrift des Verbandes der Geschichtslehrer Deutschlands unbekümmert zu Protokoll, der Quellenwert der Hitler-Breiting-Gespräche sei durch die Spiegel-Kritik "keineswegs widerlegt" worden. Den Beweis blieb er freilich schuldig.

Kein Wort verlor Hofer darüber, daß sein Freund Calic als Herausgeber selbstverständliche Erfordernisse wissenschaftlicher Editionstechnik außer acht gelassen hat, die selbst dann, wenn die Dokumente über allen Zweifel erhaben wären, unverzeihlich sind: Nachträgliche Randbemerkungen Breitings wurden einfach in den Text des Stenogramms eingegliedert, ohne daß der Leser dies erkennen könnte; Breitings Fragen an Hitler sind offensichtlich später hinzugefügt worden; Abkürzungen im Stenogramm wurden ohne Hinweis ausgeschrieben.

Der ahnungslose Leser der Gespräche muß annehmen, Breiting sei ein phänomenaler Stenograph gewesen, schaffte er es doch, zwei oder drei Stunden lang ununterbrochen mit gleichbleibender Konzentration ein von ihm selbst geführtes Gespräch zu protokollieren, eigene Fragen, die sich unmittelbar aus der Unterhaltung ergaben, gleich mitzustenographieren (doch wohl während er sie aussprach), und beim Stenographieren auch noch seine optischen Eindrücke festzuhalten: Er notiert jeden Blick Hitlers zur Decke, jede Änderung seiner Tonlage, bemerkt, wenn ihm der Schaum vor den Mund tritt und wann er ihn wieder abwischt.

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Wer war "Marschall Ludendorff"?

Für die vielen Ungereimtheiten des Buches hat sich Herausgeber Calic später entschuldigt: Er habe nicht die Zeit gehabt, "auf jedes Detail einzugehen"; auch er sei "damals auf gewisse Unklarheiten im Text gestoßen", die ihm "allerdings nicht so kapital erschienen, so daß ich auf eine nähere Einfassung verzichtete".

Calic fand allerdings die Zeit, ein 67 Seiten langes Nachwort, außerdem noch rund 150 ausführliche Anmerkungen zu schreiben. Aber auch sie stellen ihm als Historiker, der er doch sein mochte, ein Armutszeugnis aus. In seinen Kommentaren versäumt er, jene Aussagen seines Hitler zu korrigieren, die von schlimmen Fehlern nur so wimmeln. Von der "Schwarzen Reichswehr", mit der die Nationalsozialisten schon Anfang der zwanziger Jahre Fühlung hielten, hat dieser "Hitler" nie etwas gehört – er spricht konstant vom "Schwarzen Heer" (und so verdächtigerweise auch sein späterer Kommentator Calic); der Gefreite des Weltkrieges, der vier Jahre lang an der Westfront gekämpft hat, befördert Ludendorff (mit dem er 1923 zur Feldherrnhalle marschiert ist!) vom General zum Marschall und läßt statt des Marschalls Pétain den Marschall Foch bei Verdun siegen. An die Spitze Preußens setzt er einen Kanzler, den Geist von Potsdam erweitert er zum Geist von Potsdam und Königsberg, das Konkordat verfremdet er zum Statut, aus der wilhelminischen Flottenpolitik macht er eine Ozeanpolitik, und vom Ersten Weltkrieg redet er bereits, als der Zweite noch gar nicht begonnen hat.

Wenn nicht Hitler, wer war’s dann? Ein junger Bochumer Historiker, Gustav-Herrmann Seebold, der die Calicsche Dokumentation zum Gegenstand seiner Magisterarbeit erwählte, stieß 1975 auf weitere Merkwürdigkeiten. Nach seinen Berechnungen muß Hitler bei dem zweiten Interview mit Breiting fast doppelt so schnell gesprochen haben wie beim ersten Drei-Stunden-Interview, sonst könnte die angegebene Gesprächsdauer von 165 Minuten nicht zutreffen.

Seebold kam zu folgenden Schlüssen: Offensichtlich hat Breiting erst nach Hitlers Machtergreifung eine Art Gedächtnisprotokoll aufbereitet, das Hitler diskreditieren sollte, also ein Dokument frühen bürgerlichen Widerstandes; diese Arbeit ist nach dem Zweiten Weltkrieg zum zweitenmal redigiert worden: "Hierdurch sollten den Ausführungen Breitings eine Zeithistorische Brisanz und der Charakter einer wertvollen ‚Quelle‘ für die ‚Kampfzeit‘ der NSDAP verliehen werden." Bei dieser Fälschungsstufe gerate Herausgeber Calic "in den Verdacht, zum Zwecke der Aktualisierung tatsächlich vorhandenes Material ‚aufpoliert‘ zu haben".

Der Inhalt des zweiten Stenogramms spricht in der Tat für die Annahme, es sei – gänzlich oder zu großen Teilen – erst nach 1945 erfunden worden in Kenntnis aller außenpolitischen und militärischen Handlungen und Absichten Hitlers. Denn dieser Hitler macht seinem Zeitgenossen, dem großen Hellseher Hannssen, alle Ehre: Bis in die Einzelheiten und zuweilen auf das Jahr genau weiß er anzugeben, was er bis zu seinem 52. Geburtstag im Frühjahr 1941, also vor dem Überfall auf die Sowjetunion, alles unternehmen werde. Er prophezeit sogar Taten, die er später nur vollbringen konnte, weil zufällig die außenpolitischen Umstände günstig waren oder unvorhersehbare Fehler der anderen ihm Gelegenheiten zuspielten oder Görings Geheimdienst, das "Forschungsamt", ihm Einblick in den diplomatischen Fernsprechverkehr seiner Gegner verschaffte oder strategische Notwendigkeiten ihn zu ungewollten Handlungen zwangen.

Einsicht in Dokumente verweigert

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Der junge Historiker Seebold ist überzeugt, daß im vorliegenden Falle eine "Quellenfälschung ... nicht in Abrede gestellt werden kann". Calic hat sich gegenüber der ZEIT zu den Vorwürfen des Magisters geäußert. Er bezweifelt die "Wissenschaftlichkeit" dieses Historikers, denn der habe ja "die von ihm begutachteten Dokumente je weder gesehen, geschweige denn in der Hand gehabt". In der Tat hatte die Familie Breiting die Einsicht in die Originale verweigert. (Bereits 1973 hatte Fritz Tobias dem Anwalt der Familie – vergebens – vorgeschlagen, man solle doch die Originale von einer unabhängigen wissenschaftlichen Institution objektiv untersuchen lassen.)

Da Seebold seinerzeit Assistent bei Professor Hans Mommsen war, dem Widersacher Calics in der Reichstagsbrand-Diskussion, gilt es für Calic als ausgemacht, "daß nun der Assistent durch Ablenkungsmanöver zur Deckung und Ehrenrettung seines Professors bemüht wurde. Aber die Berufssituation wird Herrn Seebold keine andere Wahl gelassen haben. Welcher Assistent tut nicht sehr viel für seinen Herrn?"

Auch der mit Calic eng zusammenarbeitende Berner Zeithistoriker Walther Hofer hat die Bochumer Magisterarbeit wie ein Nichts behandelt. Ohne ihren Inhalt überhaupt zur Kenntnis zu nehmen, versicherte er noch Ende 1978, die Einwände gegen Calics Publikation seien "in keiner Weise" stichhaltig.

Weder der Spiegel noch die Historiker Trevor-Roper, Mommsen und Seebold haben ihr Augenmerk auf eine Eigentümlichkeit der Stenogramme gerichtet, die den Manipulationsverdacht allerdings erheblich verstärkt: auf das absonderliche Deutsch, das Hitler – von wem? – in den Mund gelegt wird. Hitler war gewiß kein Stilist von hohen Graden – ein Vergleich seiner Schriften mit der strengen Diktion eines Napoleon oder dem literarischen Glanz der Briefe Bismarcks fiele für ihn verheerend aus; auch hat Hitler nie eine Universität besucht. Doch unbestritten hat er enorm viel gelesen. Und wenn er eines beherrschte, so war es der Bildungs- und Zitatenschatz des deutschen Spießbürgers (nicht zuletzt darauf beruhte sein Erfolg als Redner und Autor). So muß es befremden, wenn der "Hitler" in dem von Calic herausgegebenen Werk volkstümliche klassische Zitate falsch wiedergibt: Rußland ist nicht mehr der "Koloß auf tönernen Füßen", sondern ein "Koloß auf Holzbeinen"; und nicht mehr der berühmte "Mohr", sondern der "Neger" hat seine Schuldigkeit getan und kann gehen.

Will "Hitler" Don Quichotes Kampf gegen Windmühlen zitieren, fällt ihm die groteskgestelzte Wendung ein: "Wir wollen keine Windmühlenflügel bekämpfen wie der Held von Cervantes," Auch kennt er nicht die "Reiter", sondern nur die "Ritter der Apokalypse".

Noch mehr stutzt man, wenn Herausgeber Calic, der sich als Kroate auf seine Zugehörigkeit zum "deutschen Sprach- und Kulturkreis" etwas zugute hält, in seinem Nachwort prompt den (sic!) "apokalyptischen Reiter" mit Dürers "Ritter, Tod und Teufel" verwechselt.

Sein "Hitler" beherrscht noch nicht einmal den Jargon der eigenen Partei, auch sind ihm die allgemein üblichen politischen Begriffe aus der Weimarer Zeit nicht geläufig. So werden aus Weisungen "Direktiven", aus Ständekammern "Korporationsinstitutionen", aus Ministergehältern "Ministertantiemen" aus Reichstagsausschüssen Reichstagsgremien aus Nachrichtendiensten "Informationsdienste", und der Teufel weiß, was "Führerkommandostellen" sein sollen. Nicht nur Calics Hitler, auch sein Interviewer Breiting vollbringt eine sprachschöpferische Glanzleistung: statt Militärputsch sagt er Militärstreich. Vielleicht kann uns der Kroate Calic verraten, ob Breiting früher einmal seinen Urlaub in Dalmatien verbracht hatte, wo er das Wort vojni udar = (wörtlich) Militärstreich aufgeschnappt haben könnte.

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Und was kann Hitler mit der Ankündigung gemeint haben, er wolle den Beamten "größere Diskretionsrechte" einräumen? Hier spricht Hitler unzweideutig wie – Calic, hat doch Calic 1959 in einem Schreiben an deutsche Behörden gleichfalls an das "Diskretionsrecht" der zuständigen Beamten appelliert, die damit gewiß nichts anzufangen wußten. Diesen Begriff gibt es weder in der deutschen noch in der österreichischen Rechts- und Verwaltungssprache wohl aber im Serbokroatischen, der Muttersprache Calics: "diskreeihno pravo", zu deutsch etwa "Ermessensspielraum". Erst neuerdings hat Calic zugegeben, daß dieser Ausdruck tatsächlich nicht von Hitler stammt: "In diesem Passus wurde, als Ersatz für ein kaum leserliches Wort, der Ausdruck Diskretionsrecht eingesetzt" (von wem, verschweigt er höflich). Calic hat die Stirn, in seinem neuesten Buch zu behaupten, Nachlaßverwalter und Herausgeber hätten stets darauf hingewiesen, daß die Stenogramme "nur schwer leserlich" gewesen seien – kein Wort davon im ersten, von ihm edierten Buch!

Da fragt sich nur, wieso dem "Hitler-Stenographen" Ludwig Krieger, der im Auftrage der Familie Breiting alle Ungenauigkeiten, die sich "gelegentlich ... in den Text eingeschlichen hatten", bereinigt haben soll, gerade diese Stelle nicht aufgefallen ist. Und nicht nur diese. Denn von der gleichen Art gibt es eine erdrückende Menge. Meint Calics Hitler zum Beispiel, sein "Braunes Haus" in München sei wie ein Glashaus, gebraucht er die Wendung "Für Sie soll dieses Haus ein Gebäude aus Kristall sein!" Wiederum spricht hier der Österreicher Hitler genauso wie der Jugoslawe Calic, der noch im Februar dieses Jahres über sein Luxemburger Komitee mündlich wie schriftlich Gleiches von sich gab: "Unser Haus ist ein Haus aus Kristall" (im Serbokroatischen "kuća od kristala"). Bleiben wir auf dieser Spur, so werden andere ungewöhnliche Worte dieses Hitler gleich viel verständlicher: Statt Seeherrschaft sagt er "Domination der Meere" (dominaeija morima), statt Vormacht "Übermacht" (glavna sila).

Der von Calic edierte Hitler zeichnet sich aber nicht nur durch unverständliches Deutsch aus, sondern auch durch Sprichwörter, die man im Deutschen noch nie gehört hat, zum Beispiel "Der Stock hat zwei Seiten" (was schon physikalisch ein Unding ist). Dieser Satz kann nur die verkorkste Wiedergabe eines Sprichworts sein, das in ganz Jugoslawien, von Istrien bis Montenegro, verbreitet ist: Batina ima dva kraja, zu deutsch: Der Schlagstock hat zwei Enden. Hitler, diesem Tausendsassa, gelingt es sogar, zwei südslawische Sprichwörter zu vereinen: "Der Schlange wird auf den Kopf getreten, nicht auf den Schwanz" (Statt zmiji za vrat = Der Schlange auf den Hals treten, und Statt zmiji na rep = Der Schlange auf den Schwanz treten). Mit der deutschen Sprache steht dieser Hitler dermaßen auf Kriegsfuß, daß nach Lektüre des Buches nur eine Schlußfolgerung bleibt: Die großen Reden, mit denen Hitler die Massen zusammentrommelte, kann unmöglich er selber verfaßt haben, sonst hätte er statt Jubel nur Heiterkeit oder Kopfschütteln geerntet. Hier eine Kostprobe des von Calic überlieferten krausen Hitler-Deutsch: abspenstige (statt widerspenstige) Volksteile, Bischofserlaß statt Hirtenbrief, Umkreisung statt Einkreisung, Realitätspolitik statt Realpolitik, Vereiniger statt Einiger, Hinterer Orient statt Ferner Osten, göttliches Schöpfen statt göttliches Schaffen, Kanonenhändler statt Waffenhändler. Er will Ideale von den Sockeln stürzen, nicht Idole, und erfindet das Handwerk der Steinmetzerei. Er faselt von der "Vernichtung des Versailler Diktats" (wie sollte das wohl aussehen?), hält "die Flagge am anderen Ende der Allee hoch", also fernab der gemeinen Straße, und will auch nicht etwa den Garten oder Acker, sondern "unsern Hof mit Gemüse und Getreide bepflanzen", kurzum – diese Quelle eignet sich nur als humoristische Einlage bei Kneipabenden für Geschichtsstudenten.

Hätte nicht Hitler-Forscher Werner Maser die Ahnentafel Hitlers bis ins achtzehnte Jahrhundert zurückverfolgt und dabei immer nur österreichische Bauern angetroffen, wäre man nach Lektüre dieser "Dokumente" versucht zu glauben; Hitler sei gar nicht in Braunau am Inn, sondern in Calićevi dvori bei Pula oder sonstwo in Kroatien geboren worden und habe mühsam die Fremdsprache Deutsch lernen müssen, so daß ihm immer wieder unterläuft, unüberlegt Wörter aus der Muttersprache direkt ins Deutsche zu übersetzen: "Naturverbündeter" (saveznik prirode), "Glaubensgefühle" (verska osecanja), "Waffenübermacht" (oruiana nadmocnost). Schönstes Beispiel ist der "jüdische Zersetzungswurm" oder "Zerstörungswurm", den – so "Hitler" – einige Polizeibeamte der Weimarer Republik ausfindig gemacht haben sollen. Ein deutscher Politiker hätte vielleicht vom "Spaltpilz" gesprochen, doch den (wörtlich übersetzt) "Wurm, der Brüchigkeit hervorruft, zernagt", eben den "Zersetzungswurm", den gibt es nur im Serbokroatischen: crv razdora.

Nachdem der "Zersetzungswurm" sein Werk getan hat, fragt sich nur noch, wieso die außer Calic und der Familie Breiting an dieser Edition beteiligten "Gutachter" nichts gemerkt haben. Calic: "Zwei Experten haben die Stenogramme überprüft und sie korrekt gefunden." Breitings Enkel nennt sogar drei Experten: den Zeitungswissenschaftler Emil Dovifat, den Publizisten Joseph Wulff und den Parlamentsstenographen Ludwig Krieger. Als erster geprüft und übertragen hat die Stenogramme angeblich der seit dem Krieg mit Calic befreundete Nationalökonom Arnd Jessen, der in den fünfziger/sechziger Jahren als Professor an der Technischen Universität Berlin lehrte.

Calic behauptet, womöglich sei "schon damals" (also Anfang der dreißiger Jahre) vom Stenogramm des zweiten Gesprächs eine Abschrift angefertigt worden. Merkwürdigerweise ist sie aber nicht mehr aufzufinden, obschon doch Breitings Nachlaß vor dem Zugriff der Gestapo gerettet worden sein soll. Als Zeugin für die Echtheit der Dokumente benennt Calic eine ehemalige Sekretärin, "die das Stenogramm seinerzeit abgeschrieben hat" (also doch, aber welches von beiden?); außerdem beruft er sich auf eine "Ehrenerklärung" der Witwe Emmy Breiting.

Dovifat, Wulff, Krieger und Jessen können nicht mehr befragt werden; sie haben das Geheimnis der Breiting-Papiere mit ins Grab genommen. Halten wir uns an die Aussage des Breiting-Enkels Ekkehard Schneider-Breiting, so hat Arnd Jessen (sein Professor an der TU) die Bekanntschaft mit Calic vermittelt; unter Zeugen habe er, der Enkel, die Nachlaßpapiere an Calic übergeben.

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Dummerweise (auch für alle, die später einmal die Originale prüfen wollten) sollen die Stenogramme in der alten, nicht mehr gebräuchlichen Gabelsberger Kurzschrift niedergelegt worden sein. Arnd Jessen, als guter Stenograph bekannt, beherrschte sie noch, aber selbst ihm sei es nicht möglich gewesen, alles zu entziffern. Später soll sich Jessen mit Calic überworfen haben – angeblich wollte er "aus weltanschaulicher. Gründen" die Veröffentlichung der Stenogramme verhindern, da sie bei den Deutschen nur Schäden anrichteten.

Calic 1975 im vorwurfsvollen Ton an Schneider-Breiting: "Wir haben uns damals auf die Übertragungsfähigkeiten Ihres Professors verlassen, weil wir ihn für einen guten Stenographer. hielten." Doch daß die vorliegende Übertragung von ihm stammen soll, ist mehr als zweifelhaft.

Eine einfache Überlegung spricht gegen seine Urheberschaft: Arnd Jessen war Frontoffizier des Ersten Weltkrieges – er hätte niemals ein unleserliches Kürzel vor dem Namen Ludendorff als "Marschall" entziffert. Jeder Soldat in Schützengraben wußte, daß Ludendorff, der seit August 1916 die täglichen Heeresberichte unterzeichnete, der "Generalquartiermeister" war, Hindenburg aber der "Generalfeldmarschall" (salopp auch der "Feldmarschall"); die Bezeichnung "Marschall" blieb selbst noch im Zweiten Weltkrieg ausländischen Feldherrn vorbehalten.

Die Rolle des Oberregierungsrats a. D. Ludwig Krieger, der den stenographischen Dienst in Bundestag geleitet hatte, bleibt gleichfalls mysteriös. Krieger, der auch im Führerhauptquartier stenographiert hatte, wurde als Gutachter bestellt, doch viel zu spät, nämlich zwei Wochen vor der Frankfurter Buchmesse 1968. Dazu Schneider-Breiting: "Das Buch war bereits zum größten Teil gesetzt, und wir brachten in der letzten Minute einige Worte aus dem Gutachten vor Herrn Krieger in das Vorwort." Es wäre aber Zeit genug gewesen, denn Krieger hatte bereits im Januar 1968 "stichprobenweise" die Stenogramme geprüft.

Am 8. September 1968 hat der alte Herr Krieger zusammen mit dem jungen Schneider-Breiting die ihm gezeigten Originale (zwei Hefte und eh paar lose Blätter) auf ihre Echtheit (Hefte, Papier, Schrift) angesehen und sie "Seite für Seite" mit der Übertragung verglichen (anscheinend nur sehr flüchtig, denn sonst hätten sie Tage gebraucht). Calic zitiert aus Kriegers Gutachten vom selben Datum im Vorwort zu "Ohne Maske" folgenden Satz: "Die Übertragung stimmt mit den Originalen überein..." So steht es da, schwarz auf weiß; der Sorgfaltspflicht des Herausgebers scheint Genüge getan.

Was der Leser nicht ahnt: Dieser Satz findet sich nirgendwo in Kriegers Gutachten. Aus einem Drei-Punkte-Resümee des Gutachters gibt Calic den ersten und den dritten Punkt zutreffend wieder; den zweiten unterschlägt er und ersetzt ihn durch den Satz: "Der gesamte Nachlaß bestätigt, daß es sich um einen zusammenhängenden Fall handelt." Auch diese Aussage sucht man in Kriegers Gutachten vergebens, ohnehin hat ihm der "gesamte" Nachlaß Breitings gar nicht vorgelegen, wie sich aus dem Kontext ergibt.

Drei Wochen danach, am 27. September 1969, soll Krieger überraschenderweise ein zweites Gutachten nachgeliefert haben, mit etwa 50 Korrekturen, die für den Druck erst recht zu spät kamen. Er fand die Fehler und Ungenauigkeiten angeblich nach einem Vergleich zwischen den Originalen und dem ungebundenen Buchexemplar. Wie das? Krieger hatte doch schon drei Wochen zuvor das Manuskript überprüft. Warum hat er nicht seinen Gast Schneider-Breiting sofort auf die Fehler hingewiesen? Warum schweigt er darüber im ersten Gutachten? Und wie kann er am Ende dieses zweiten Gutachtens eben jenen Satz aus dem ersten wiederholen, den es, wie wir gesehen haben, dort gar nicht gibt?

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Dieser nachgereichten Korrekturliste (sie ist erst mehrere Jahre später überhaupt bekannt geworden) haften etliche Merkwürdigkeiten an. Derjenige, der die angeblich schwer lesbaren Stenogramme übertragen hat, also doch wohl Professor Arnd Jessen, soll "Kunsthistoriker" statt "Zeitkritiker", "Hinterer Orient" statt "Ferner Osten", "September" statt "November" gelesen haben.

Stenographen, die noch die "Gabelsberger" beherrschen, wissen sich auf diese Verwechslungen keinen Vers zu machen; die Zeichen sind zu verschieden. Vollends unbegreiflich ist der folgende, Krieger zugeschriebene Hinweis: Statt "des ersten Weltkrieges" (von dem Hitler ja 1931, acht Jahre vor dem Beginn des zweiten, schlechterdings nicht geredet haben konnte) habe es vermutlich heißen sollen: "des entsetzlichen Weltkrieges" – ein Stenograph würde aber für "ersten" die Ziffer 1 verwenden. Und wie ist eigentlich aus den Worten "Volkszeitung (auf Kurs der Kommunisten)" der wörtlich und sachlich andersgeartete Titel "kommunistische Volkszeitung" geworden?

Das sieht ganz nach einem Versuch aus, zu spät bemerkte sachliche Schnitzer, die weder Hitler noch Breiting unterlaufen wären, als Übertragungsfehler zu deklarieren. Nur die Originale könnten dieses Rätsel lösen helfen, doch sie schlummern unerreichbar in der DDR.

Der Gutachter Krieger hat, seinem Gutachten zufolge, Originalstenogramme gesehen. Demjenigen aber, der sie am besten auf ihre Echtheit hätte prüfen können, weil er beim Gespräch zwischen Hitler und Breiting dabei gewesen war, nämlich dem Journalisten Alfred Detig, hatten Calic und Schneider-Breiting die Originale gar nicht erst mitgebracht, als sie im Juli 1968 ungebeten in sein Haus kamen. Ihr Versprechen, sie ihm später vorzulegen, haben sie nicht eingehalten.

Nach all diesen erdrückenden Indizien läßt sich sagen: Das von Edouard Calic herausgegebene Buch "Ohne Maske" ist eine der unverfrorensten Geschichtsfälschungen dieses Jahrhunderts.

Die Frage "cui bono?", die sich ein quellenkritischer Forscher (oder Kriminalist) bei jedem Fälschungsverdacht stellen muß, hat schon der britische Professor Trevor-Roper beantwortet. Er wurde stutzig, als er in dem Buch auf eine Schmährede Hitlers gegen den Reichstag stieß, der – so Calics "Hitler" – "ein außerordentlich häßliches Gebäude" sei. In den Memoiren von Albert Speer, dem Architekten Hitlers, steht aber das Gegenteil: Der "Wallot-Bau" gefiel Hitler so sehr, daß er bei dem geplanten Umbau der Reichshauptstadt erhalten bleiben sollte – als Repräsentationshalle für gesellschaftliche Zwecke. Daneben sollte dann ein riesiger neuer Reichtag entstehen. In Calics Buch aber redet Hitler ganz anders über den Reichtag:

"Das Gebäude wie auch die Institution, die es beherbergt, sind eine Schande für das deutsche Volk. Sie müssen eines Tages verschwinden. Je früher man diese Schwatzbude verbrennt (1), desto früher wird das deutsche Volk von fremden Einflüssen befreit sein."

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Dieser letzte Passus, so fand Trevor-Roper, sah ganz und gar nach dem bewußten Versuch aus, einen dokumentarischen Beweis zu erbringen, mit dem sich die Tobias-These von der Alleintäterschaft van der Lubbes widerlegen ließ. In der Tat hat Calic, als er Weihnachten 1966 mit einem Interview für den Berliner Telegraf seine Kampagne gegen die "NS-Unschuldslegende" eröffnete, diesen Brandstifter-Satz aus dem angeblichen Stenogramm Breitings leitmotivisch an den Anfang gestellt – fast zwei Jahre vor der Buchpublikation.

Folgt man der Logik Trevor-Ropers, so dienten alle anderen angeblichen Prophezeiungen Hitlers in diesem Stenogramm einzig dem Zweck, auch die eine Ankündigung, auf die es Calic ankam, als echt erscheinen zu lassen, nämlich, in Calics Sprache, die vorweggenommene "Vernichtung des Parlamentsgebäudes". Geradezu komisch aber wirkt die Vorstellung, Hitler habe eine Schwatzbude (aus Stein!) "verbrennen" wollen. Man kann (im Deutschen) Strohpuppen, Bücher, ja sogar Menschen verbrennen, Gebäude aber werden "in Brand gesteckt", "angezündet", sie "brennen" oder "brennen ab", manchmal (wenn die Mauern einstürzen) auch "nieder".

Calic jedoch hat im Laufe der Jahre immer wieder behauptet, die Nazis hätten "den Reichstag verbrannt ihm unterläuft die Wendung vom "verbrannten Reichstag", ja, er weiß sogar einen Leserbrief aus Rostock zu Zitieren, indem es heißt: "Der ‚Telegraf‘ rennt offene Türen ein, wenn er schreibt, daß die Nazis den Reichstag verbrannt haben..." Einmal prägt er den Ausdruck, van der Lübbe habe das Haus "angebrannt".

Übertroffen werden diese Zeugnisse nur noch durch ein von Calic mitediertes Schriftstück, das der ehemalige Reichsminister und Freund Brünings, Gottfried Treviranus, kurz vor seinem Tode zum Reichstagsbrand verfaßt haben soll. Darin wird der Journalist Theodor Wolff, ein Meister der deutschen Sprache und des gepflegten Stils, mit folgendem Satz zitiert: "Aus diesen persönlichen Erfahrungen weiß ich, daß die Nazis den Reichstag verbrannt haben..." So sollte einmal ein Theodor-Wolff-Preisträger zu schreiben wagen!

Nächste Ausgabe

Eine fabelhafte Geschichte: Der Amateurforscher Calic trifft im KZ Sachsenhausen die Elite des deutschen Widerstandes. Er gerät in den Besitz eines Schlüsseldokuments zum Reichstagsbrand – sagt er.