Der junge Historiker Seebold ist überzeugt, daß im vorliegenden Falle eine "Quellenfälschung ... nicht in Abrede gestellt werden kann". Calic hat sich gegenüber der ZEIT zu den Vorwürfen des Magisters geäußert. Er bezweifelt die "Wissenschaftlichkeit" dieses Historikers, denn der habe ja "die von ihm begutachteten Dokumente je weder gesehen, geschweige denn in der Hand gehabt". In der Tat hatte die Familie Breiting die Einsicht in die Originale verweigert. (Bereits 1973 hatte Fritz Tobias dem Anwalt der Familie – vergebens – vorgeschlagen, man solle doch die Originale von einer unabhängigen wissenschaftlichen Institution objektiv untersuchen lassen.)

Da Seebold seinerzeit Assistent bei Professor Hans Mommsen war, dem Widersacher Calics in der Reichstagsbrand-Diskussion, gilt es für Calic als ausgemacht, "daß nun der Assistent durch Ablenkungsmanöver zur Deckung und Ehrenrettung seines Professors bemüht wurde. Aber die Berufssituation wird Herrn Seebold keine andere Wahl gelassen haben. Welcher Assistent tut nicht sehr viel für seinen Herrn?"

Auch der mit Calic eng zusammenarbeitende Berner Zeithistoriker Walther Hofer hat die Bochumer Magisterarbeit wie ein Nichts behandelt. Ohne ihren Inhalt überhaupt zur Kenntnis zu nehmen, versicherte er noch Ende 1978, die Einwände gegen Calics Publikation seien "in keiner Weise" stichhaltig.

Weder der Spiegel noch die Historiker Trevor-Roper, Mommsen und Seebold haben ihr Augenmerk auf eine Eigentümlichkeit der Stenogramme gerichtet, die den Manipulationsverdacht allerdings erheblich verstärkt: auf das absonderliche Deutsch, das Hitler – von wem? – in den Mund gelegt wird. Hitler war gewiß kein Stilist von hohen Graden – ein Vergleich seiner Schriften mit der strengen Diktion eines Napoleon oder dem literarischen Glanz der Briefe Bismarcks fiele für ihn verheerend aus; auch hat Hitler nie eine Universität besucht. Doch unbestritten hat er enorm viel gelesen. Und wenn er eines beherrschte, so war es der Bildungs- und Zitatenschatz des deutschen Spießbürgers (nicht zuletzt darauf beruhte sein Erfolg als Redner und Autor). So muß es befremden, wenn der "Hitler" in dem von Calic herausgegebenen Werk volkstümliche klassische Zitate falsch wiedergibt: Rußland ist nicht mehr der "Koloß auf tönernen Füßen", sondern ein "Koloß auf Holzbeinen"; und nicht mehr der berühmte "Mohr", sondern der "Neger" hat seine Schuldigkeit getan und kann gehen.

Will "Hitler" Don Quichotes Kampf gegen Windmühlen zitieren, fällt ihm die groteskgestelzte Wendung ein: "Wir wollen keine Windmühlenflügel bekämpfen wie der Held von Cervantes," Auch kennt er nicht die "Reiter", sondern nur die "Ritter der Apokalypse".

Noch mehr stutzt man, wenn Herausgeber Calic, der sich als Kroate auf seine Zugehörigkeit zum "deutschen Sprach- und Kulturkreis" etwas zugute hält, in seinem Nachwort prompt den (sic!) "apokalyptischen Reiter" mit Dürers "Ritter, Tod und Teufel" verwechselt.

Sein "Hitler" beherrscht noch nicht einmal den Jargon der eigenen Partei, auch sind ihm die allgemein üblichen politischen Begriffe aus der Weimarer Zeit nicht geläufig. So werden aus Weisungen "Direktiven", aus Ständekammern "Korporationsinstitutionen", aus Ministergehältern "Ministertantiemen" aus Reichstagsausschüssen Reichstagsgremien aus Nachrichtendiensten "Informationsdienste", und der Teufel weiß, was "Führerkommandostellen" sein sollen. Nicht nur Calics Hitler, auch sein Interviewer Breiting vollbringt eine sprachschöpferische Glanzleistung: statt Militärputsch sagt er Militärstreich. Vielleicht kann uns der Kroate Calic verraten, ob Breiting früher einmal seinen Urlaub in Dalmatien verbracht hatte, wo er das Wort vojni udar = (wörtlich) Militärstreich aufgeschnappt haben könnte.