Dummerweise (auch für alle, die später einmal die Originale prüfen wollten) sollen die Stenogramme in der alten, nicht mehr gebräuchlichen Gabelsberger Kurzschrift niedergelegt worden sein. Arnd Jessen, als guter Stenograph bekannt, beherrschte sie noch, aber selbst ihm sei es nicht möglich gewesen, alles zu entziffern. Später soll sich Jessen mit Calic überworfen haben – angeblich wollte er "aus weltanschaulicher. Gründen" die Veröffentlichung der Stenogramme verhindern, da sie bei den Deutschen nur Schäden anrichteten.

Calic 1975 im vorwurfsvollen Ton an Schneider-Breiting: "Wir haben uns damals auf die Übertragungsfähigkeiten Ihres Professors verlassen, weil wir ihn für einen guten Stenographer. hielten." Doch daß die vorliegende Übertragung von ihm stammen soll, ist mehr als zweifelhaft.

Eine einfache Überlegung spricht gegen seine Urheberschaft: Arnd Jessen war Frontoffizier des Ersten Weltkrieges – er hätte niemals ein unleserliches Kürzel vor dem Namen Ludendorff als "Marschall" entziffert. Jeder Soldat in Schützengraben wußte, daß Ludendorff, der seit August 1916 die täglichen Heeresberichte unterzeichnete, der "Generalquartiermeister" war, Hindenburg aber der "Generalfeldmarschall" (salopp auch der "Feldmarschall"); die Bezeichnung "Marschall" blieb selbst noch im Zweiten Weltkrieg ausländischen Feldherrn vorbehalten.

Die Rolle des Oberregierungsrats a. D. Ludwig Krieger, der den stenographischen Dienst in Bundestag geleitet hatte, bleibt gleichfalls mysteriös. Krieger, der auch im Führerhauptquartier stenographiert hatte, wurde als Gutachter bestellt, doch viel zu spät, nämlich zwei Wochen vor der Frankfurter Buchmesse 1968. Dazu Schneider-Breiting: "Das Buch war bereits zum größten Teil gesetzt, und wir brachten in der letzten Minute einige Worte aus dem Gutachten vor Herrn Krieger in das Vorwort." Es wäre aber Zeit genug gewesen, denn Krieger hatte bereits im Januar 1968 "stichprobenweise" die Stenogramme geprüft.

Am 8. September 1968 hat der alte Herr Krieger zusammen mit dem jungen Schneider-Breiting die ihm gezeigten Originale (zwei Hefte und eh paar lose Blätter) auf ihre Echtheit (Hefte, Papier, Schrift) angesehen und sie "Seite für Seite" mit der Übertragung verglichen (anscheinend nur sehr flüchtig, denn sonst hätten sie Tage gebraucht). Calic zitiert aus Kriegers Gutachten vom selben Datum im Vorwort zu "Ohne Maske" folgenden Satz: "Die Übertragung stimmt mit den Originalen überein..." So steht es da, schwarz auf weiß; der Sorgfaltspflicht des Herausgebers scheint Genüge getan.

Was der Leser nicht ahnt: Dieser Satz findet sich nirgendwo in Kriegers Gutachten. Aus einem Drei-Punkte-Resümee des Gutachters gibt Calic den ersten und den dritten Punkt zutreffend wieder; den zweiten unterschlägt er und ersetzt ihn durch den Satz: "Der gesamte Nachlaß bestätigt, daß es sich um einen zusammenhängenden Fall handelt." Auch diese Aussage sucht man in Kriegers Gutachten vergebens, ohnehin hat ihm der "gesamte" Nachlaß Breitings gar nicht vorgelegen, wie sich aus dem Kontext ergibt.

Drei Wochen danach, am 27. September 1969, soll Krieger überraschenderweise ein zweites Gutachten nachgeliefert haben, mit etwa 50 Korrekturen, die für den Druck erst recht zu spät kamen. Er fand die Fehler und Ungenauigkeiten angeblich nach einem Vergleich zwischen den Originalen und dem ungebundenen Buchexemplar. Wie das? Krieger hatte doch schon drei Wochen zuvor das Manuskript überprüft. Warum hat er nicht seinen Gast Schneider-Breiting sofort auf die Fehler hingewiesen? Warum schweigt er darüber im ersten Gutachten? Und wie kann er am Ende dieses zweiten Gutachtens eben jenen Satz aus dem ersten wiederholen, den es, wie wir gesehen haben, dort gar nicht gibt?