Wenn die Liebe im Spiel ist, sind gewöhnlich beide Teile die Betrogenen“, erklärt dieser berühmte Liebhaber kaltblütig, denn damit spricht er das aufschlußreichste Ergebnis aller Erfahrungen aus, die er mit den in seiner Autobiographie erwähnten Frauen gemacht hat. Hundertsechzehn von ihnen bezeichnet er mit Namen – Hermann Kesten hat sie sorgfältig gezählt.

Betrüger, die düpiert werden, weil und während sie düpieren, somit Helden einer Posse, die seit Menschengedenken selbst die griesgrämigsten Zuschauer zum Lachen bringen – das wären also die Liebenden. Der mißmutige Memorialist Casanova, ein betagter Mann, findet dieses Lachen wieder, wenn er über die Farcen, kunstvoll ausgesponnene Intrigen, trefflich gelungene Betrügereien und einträgliche Irreführungen berichtet. Von seinen Liebesaffairen aber spricht er mit einer durch die Erinnerung wieder belebten, dank ihr ein letztesmal ausgekosteten Sinneslust, jedoch zugleich mit einem tiefen Ernst.

Casanovas Heimatstadt, Canalettos und Guardis Venedig, war theatralisch – die Schaubühne befand sich überall. Domino und Maske täuschten oft ein Geheimnis vor, das keines war, und verhüllte Gesichter, die unverhüllt keinerlei Aufmerksamkeit erregt hätten. Doch nicht nur in Venedig war der mit Listen und Kniffen erzeugte Schein für manche Gesellschaftsschichten beinahe wichtiger geworden als das Sein. Die Zeit der Zersetzung, die spätestens um die Mitte des Jahrhunderts begonnen hatte, ging mit einer Revolution schwanger. In Paris und in London, so gut wie in Venedig und in Rom und in den zahllosen Residenzstädten größerer und kleinerer Fürsten, errangen Hochstapler, die sich selbst geadelt hatten, die erstaunlichsten Erfolge. Ein „Jacob Neuhaus“ – und das war dieser Giacomo Casanova, Sohn wandernder Schauspieler – schlug sich selber bedenkenlos zum „Ritter de Seingalt“. Dies störte um so weniger, als er überall den Höchstpreis für das Billett zum Eintritt in die große Welt bezahlte und für das Privileg, so aufzutreten, als ob er zu ihr gehörte.

In dem halben Jahrhundert, das der Französischen Revolution voranging und sie aufs deutlichste ankündigte, entstand in Europa ein neuer Typ des Abenteurers – der vollendete Anti-Typ des Don Quichotte. Er zog nicht aus, das Gruseln zu lernen oder zu lehren, ihn lockten die Gefahren nicht, der blutige Kampf war nicht nach seinem Geschmack. Denn er wollte nicht.siegen, sondern verführen und – in jedem Sinn und ohne Maß – profitieren. Er drang in Salons und Boudoirs vor, besonders in jene von nicht ganz jungen Damen, die neben dem Reichtum auch die förderlichen Beziehungen des zur rechten Zeit verblichenen Gatten bewahrt hatten. Er verschaffte sich Eingang in die Kabinette von Kardinälen, die geheime und deshalb leicht desavouierbare Zwischenträger brauchten; er machte sich Liebkind bei zweitgeborenen Prinzen und unentbehrlich bei Politikern, die Geschäftemacher waren.

Wie der etwa fünfzehn Jahre ältere Graf von Saint-Germain oder der achtzehn Jahre jüngere Cagliostro, war auch der Chevalier de Seingalt ein rastloser Wanderer, von eines unheilbaren psychopathia vagans ohne Unterlaß umhergetrieben. Er besuchte alle berühmten Zeitgenossen und wurde selbst durch den mündlich verbreiteten Bericht über seinen Ausbruch aus den Bleikammern des Dogenpalasts berühmt; er kannte viele Duodezfürsten, er wurde von der Zarin Katharina und von Friedrich dem Großen empfangen, er war überdies mit der ganzen Halbwelt bestens vertraut und der Polizei fast aller europäischer Hauptstädte unrühmlich bekannt.

Dieser venezianische Glücksritter, der ebenso gut wie zum Beispiel Gil Blas nur eine ersonnene Romanfigur hätte sein können, war der späte Nachfahre jenes satanischen Don Juan, den Molière sechzig Jahre vor Casanovas Geburt auf die Bühne gestellt hatte. Jedoch durchaus verschieden von jenem Tausendsassa, der die Frauen mit Liebe infiziert wie mit einer unheilbaren, vernichtenden Krankheit, selbst aber immun, weil liebesunfähig bleibt, war Casanova ein von sich selbst verführter Verführer. Auf der Höhe seines Lebens, im Vollbesitz seiner gewiß nicht gewöhnlichen Liebespotenz, seines immer wieder aufs neue erworbenen Reichtums, seines außerordentlichen Gedächtnisses und seiner zwar lückenhaften, doch wirklich erstaunlich weitläufigen Kenntnisse war Casanova nicht nur eine repräsentative Figur seiner Zeit, sondern ein Vorläufer der romantischen Liebhaber.

Die Autobiographie Casanovas berichtet auch über die Abenteuer der ersten neunundvierzig Jahre seines Lebens. Seit 1774, nach einigen mißglückten Liebesaffären, glaubte er nicht mehr an die Unwiderstehlichkeit seiner Verführungskunst Und was wäre ein Wind, der zu blasen aufgehört hat, was ein Verführer, der niemanden verführt: