Von Hans Schueler

Eine Woche bevor jetzt in Frankfurt zum zweitenmal der Prozeß gegen Astrid Proll begann, erhielt Bundesinnnenminister Gerhart Baum einen Brief aus New York. Er stammt von Kristina Berster, einer heute 28jährigen ehemaligen Psychologiestudentin an der Universität Heidelberg. Kristina Berster bittet den Minister darum, nach Deutschland heimkehren zu dürfen, in der Hoffnung, daß sie hier Gerechtigkeit finden wird. Ihr Fall ist noch mehr als der von Astrid Proll geeignet, zur Probe auf das Exempel solcher Gerechtigkeit zu werden.

Beide Frauen haben sich vor rund sechs Jahren dem Zugriff der deutschen Justiz durch Flucht ins Ausland entzogen – Astrid durch Gründungsmitglied der „Roten Armee Fraktion“, nach über vier Jahren Untersuchungshaft im Zustand wirklicher, Kristina Berster im Zustand vermeintlicher Haftunfähigkeit. Von Astrid Proll wissen ihre Ankläger inzwischen, daß sie sich spätestens im Zeitpunkt ihrer Flucht, nach dem Abbruch des ersten Prozesses, vom Terrorismus losgesagt und in England ein bürgerliches Leben geführt hat. Bei Kristina Berster wollen sie eben dies bis heute nicht wahrhaben, obwohl sie sehr wahrscheinlich mit terroristischen Aktionen nie etwas zu tun hatte.

Die Studentin war 1971 zum „Sozialistischen Patientenkollektiv“ des Arztehepaares Ursula und Wolfgang Huber gestoßen, das glaubte, die Gesellschaft umstürzen zu müssen, ehe psychisch Kranken geholfen werden könnte. Das „SPK“ solidarisierte sich mit der damals gerade erst gegründeten Baader-Meinhof-Gruppe, worauf seine Mitglieder verhaftet und als „kriminelle Vereinigung“ – den Straftatbestand der Zugehörigkeit zu einer „terroristischen Vereinigung“ gab es noch nicht – unter Anklage gestellt wurden. Kristina Berster saß sechs Monate in Untersuchungshaft. Vor Beginn der Hauptverhandlung wurde sie entlassen. Sie floh, wie sie sagt, „in Panik“. Die Haftbedingungen – drei Monate war sie isoliert – seien unerträglich gewesen. Und: „Die öffentliche Meinung hat uns damals so verteufelt, daß ich befürchtete, auch ohne wirkliche Beweise verurteilt werden zu können.“

In ihrem Brief an Gerhart Baum schreibt Kristina Berster, sie habe unter falschem Namen im Ausland gelebt und ihren Lebensunterhalt durch Jobs als Sekretärin, Kindermädchen und Putzfrau verdient. Derweil habe sie immer gehofft, die Anschuldigungen gegen sie würden sich bald als falsch herausstellen und ihr die Rückkehr in die Bundesrepublik ermöglichen. Statt dessen fand sie sich im Oktober 1975 – also zweieinhalb Jahre nach ihrer Flucht – erstmals auf die internationale Fahndungsliste gesetzt. Die Zeitungen nannten sie seither eine der „meistgesuchten Terroristinnen

Hier beginnen die Merkwürdigkeiten im Fall Berster. Der Ausschreibung lag nichts anderes als der alte Haftbefehl wegen Zugehörigkeit zum „Sozialistischen Patientkollektiv“ zugrunde. Nach den für alle Strafverfolgungsbehörden verbindlichen „Richtlinien für den Verkehr mit dem Ausland in strafrechtlichen Angelegenheiten“ darf aber die „internationale Fahndung nur dann beantragt werden, wenn beabsichtigt ist, im Falle der Ermittlung des Verfolgten ein Auslieferungsersuchen anzuregen“. Daran war nie gedacht. Selbst der zuständige Staatsanwalt hält die Sache inzwischen für eine Bagatelle.

Wiederum fast drei Jahre später, im Juli 1978, wurde Kristina Berster bei dem Versuch festgenommen, die Grenze von Kanada zu den Vereinigten Staaten illegal zu überschreiten. Sie erhielt dafür von einem amerikanischen Gericht eine Gefängnisstrafe von neun Monaten, die sie inzwischen abgesessen hat. Dennoch sitzt sie weiter in Haft – zwecks Abschiebung aus den Vereinigten Staaten. Nach der Verhaftung wurde die Flüchtige abermals als „Top-Terroristin“ bezeichnet.

Nun häufen sich die Merkwürdigkeiten: Auch bis dahin war kein weiterer Haftbefehl gegen Kristina Berster ergangen. Doch nun mußten die deutschen Strafverfolger nolens volens überlegen, wie sie ein Auslieferungsersuchen begründen könnten. Denn der „Fall der Ermittlung der Verfolgten“ war eingetreten. Prompt erging am 21. Juli 1978 – genau sechs Tage nach der Festnahme in Amerika – ein neuer Haftbefehl vom Ermittlungsrichter des Bundesgerichtshofes: Kristina Berster sei dringend verdächtig, der sogenannten „Haag-Meyer-Bande“ (ihr werden die Morde an Siegfried Buback, Jürgen Ponto und Hanns-Martin Schleyer zugerechnet) anzugehören. Begründung:

  • Sie sei im Oktober 1977 in Paris „höchstwahrscheinlich“ zusammen mit Marion Folkerts, einem mutmaßlichen Mitglied dieser Bande, gesehen worden. Marion Folkerts ist inzwischen ebenfalls verhaftet und erwartet ihren Prozeß wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung.
  • Sie habe bei ihrer Festnahme an der kanadisch-amerikanischen Grenze einen gefälschten iranischen Paß bei sich gehabt, der aus einem Diebstahl von insgesamt elf Pässen aus der iranischen Botschaft in Genf stamme. Auch bei Marion Folkerts sei ein solcher Paß gefunden worden.

Der letztere Vorwurf trifft zu. Die falschen Pässe beider Frauen gehören zu ein und derselben Diebesbeute. Wie beide daran gekommen sind, werden sie erklären müssen. Möglicherweise wird sich daraus auch ergeben, daß beide tatsächlich in Paris zusammengetroffen sind. Doch reicht das für die Unterstellung, Kristina Berster sei an terroristischen Unternehmungen beteiligt gewesen, deren ihre angebliche Kontaktperson Marion Folkerts selber nicht einmal beschuldigt wird?

Zunächst ging die Verdächtigung der Kristina Berster noch viel weiter, und sie hat sich in der Presse bis in die jüngsten Tage erhalten. In der Ausgabe vom 3. September 1979 schrieb der Ausgabe „Auch die vier Palästinenser, die im Oktober 1977 die Lufthansa-Boeing Landshut nach Mogadischu entführten, hatten einige jener Perser-Ausweise bei sich, die in Genf beiseite geschafft worden waren. Auf solche logistischen und operativen Querverbindungen stößt die Kripo immer wieder.“

Die Bundesregierung hatte schon bald nach dem Mogadischu-Unternehmen eine offizielle Dokumentation herausgegeben, in der die vier Entführer mit ihren Falschnamen bezeichnet waren. Sie entstammten tatsächlich gefälschten iranischen Reisepässen – nur eben nicht denen, die in Genf gestohlen worden waren. Das Bundeskriminalamt war der Urheber des Irrtums, und es hat ihn mittlerweile berichtigt. Das Bundeskriminalamt war aber auch der Urheber der von Oktober 1975 an laufenden internationalen Fahndung gegen Kristina Berster und es hat den Stoff geliefert, aus dem der Bundesgerichtshof so eilfertig innerhalb von wenigen Tagen nach der Festnahme der Frau in Amerika einen Haftbefehl nachfertigte. Doch mußte auch dieser Haftbefehl schon nach einem Monat wieder aufgegeben und durch einen neuen ersetzt werden: Ein gewisser Ray Hamir, ein dunkelhäutiger Bursche, mit dem Kristina Berster in Gesellschaft weiterer zwei Personen nahe der US-Grenze angetroffen worden war, sollte der langgesuchte deutsche Terrorist Michael („Bommi“) Baumann gewesen sein. Er war es nicht.

Fehler über Fehler, eine immer neu angeheizte Verfolgungskampagne – der Fall der Kristina Berster ist ein Musterbeispiel für die Randfiguren des deutschen Terrorismus, denen die Bundesregierung immer wieder die Rückkehr nahegelegt und ein faires Verfahren versprochen hat. Darf Frau Berster noch darauf hoffen, obgleich ihre Auslieferung mit nachgeschobenen Vorwürfen verlangt wurde und obgleich sie auch nach den neuen Haftbefehlen längst nicht mehr zur Debatte steht? Die Amerikaner wollen sie abschieben, weil sie sie nach dem Auslieferungsvertrag mit der Bundesrepublik gar nicht ausliefern dürfen – selbst die ihr neuerdings vorgeworfenen Straftatbestände reichen dafür nicht aus. Eine der „most wanted persons“, nun auf einmal ein kleiner Fisch: Das Eingeständnis des Irrtums fällt schwer, aber es sollte um der Menschlichkeit willen möglich sein.