Als ich Peter Handkes erste exemplarische Erzählung „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“ las, meinte ich noch während der Lektüre, diese Geschichte schon einmal gelesen zu haben. Damals, Ende der fünfziger Jahre, hieß sie „Der Fremde“ und ihr Autor Albert Camus.

Hier wie dort die gleiche Konstellation: ein gleichgültiger Mörder, glücklich und fremd in einer ihm und sich selbst fremden Welt, eingeschlossen in ein Universum stummer, bedeutungsloser Dinge, Figuren und Bewegungen, das sich zwar beobachten, registrieren, aber nicht eigentlich mehr erleben, erfahren läßt. Dachte ich, vermutete ich, und die vage Ahnung, diese sogenannte Neue Sensibilität könnte nur der in seinen Umrissen und Motivationen aufgeweichte, in sensibler Gestik nachvollzogene Alte Existentialismus sein, ist seitdem immer wieder geäußert worden.

Ich jedenfalls bin damals dieser Vermutung nicht nachgegangen, habe den „Fremden“ also erst jetzt wiedergelesen. Nun meine ich diese Prosa neben der Handkeschen liegen zu sehen wie einen grauen Stein neben einem Wolleknäuel: Camus erzählt einfacher, härter, verschwiegener, aber auch pathetischer.

Seine Erzählung, 1942 im besetzten Frankreich erschienen, gilt gemeinhin auch als ein Produkt der Situation, in der sie zuerst und mit großer Bewegung rezipiert wurde, so, als enthielte sie genau den Zeit- und Nullpunkt zwischen der illusionslosen Ohnmacht nach der französischen Niederlage und dem heroischen, zunächst aussichtslosen Entschluß zur französischen Résistance. In Wahrheit hat Camus den „Fremden“ schon 1939/40 niedergeschrieben und genau 36 Stunden vor der Frankreich überrollenden Mai-Offensive der Nazi-Armeen zum Abschluß gebracht. Die Illusionslosigkeit, der zum Ende hin triumphal aufstrahlende Fatalismus dieser Prosa sind also eher prophetisch als reaktiv: auch das eine kräftige Unterscheidung gegenüber späteren oder gar heutigen existentialistischen oder pseudoexistentialistischen Literaturmanövern.

Erreicht uns diese kühle Wortmusik überhaupt noch?

„Heute ist Mama gestorben. Vielleicht auch gestern, ich weiß es nicht. Aus dem Altersheim bekam ich ein Telegramm: ‚Mutter verschieden. Beisetzung morgen. Vorzügliche Hochachtung.‘ Das besagt nichts. Vielleicht war es gestern.“

So lakonisch und programmatisch lautet der erste Abschnitt. In diesem alltäglichen, merkwürdig maulfaulen und doch metallischen Berichterstattungston wird nun eine graue Serie von Alltagsereignissen vor uns ablaufen – allerdings: der Tod einer Mutter, ist das noch ein alltägliches, ist das nicht vielmehr ein einmaliges Ereignis? Lakonik und Gleichmut des Vortragstons erfüllen also ein Programm: Schritt für Schritt, in jedem dieser atemlos knappen Sätze, soll ausgelöscht werden, daß sie „eigentlich“, für den Berichterstatter wie zunächst für den Leser unmerklich, ein Drama mitteilen. Ein Drama, das so natürlich und gleichmäßig wie ein leichter Regenfall auf diese Seiten tropft.