Im Sommer 1977 suchte mich in meiner Praxis. in München ein damals 20jähriges Mädchen auf. Sie hatte drei Jahre zuvor erstmals einen Selbstmordversuch unternommen und litt seither ständig unter Selbstmordgedanken. Sie grübelte stundenlang über den Tod nach und überlegte sich, welche Todesart wohl die beste sei. Manchmal setzten die Selbstmord-Phantasien ein, wenn sie das Gefühl hatte, irgendeine Kleinigkeit falsch gemacht zu haben. So hatte sie zum Beispiel im Lokal ein Glas umgeworfen, kam dann nach Hause und dachte an Selbstmord.

Wenn sie aus solchen Zuständen herauskommt, erscheint ihr das Ganze unverständlich. Sie habe nämlich keinen Grund für solche Gedanken und Gefühle. In der Schule gehe es ihr gut und zu Hause – sie lebt noch bei den Eltern – sei alles in Ordnung. Mit der Mutter verstehe sie sich sehr, sehr gut, auch mit der um ein Jahr jüngeren Schwester. Auch den Vater möge sie sehr gern. Das einzige sei vielleicht; daß man mit dem Vater nicht so gut reden könne wie mit der Mutter. „Merkwürdigerweise bekomme ich immer solche Spannungszustände, wenn ich nach Hause komme. Das drückt bis oben in den Hals.“

Zur Zeit habe sie keinen Freund. Manchmal habe ich sogar einen Haß auf alle Männer.

Kaum hatte die Patientin den Raum verlassen, trat unangemeldet Frau K., ihre Mutter ein. Sie hat die Patientin, Gerti, zu mir begleitet, weil Gerd Angst habe, allein Auto zu fahren. Sie lasse sie auch wegen der Selbstmordgeschichte ungern allein irgendwohin gehen. Frau K. ist sehr besorgt um ihre Tochter, sie möchte ihr helfen. Sie meinte, mit der Familie könnten Gertis Zustände nichts zu tun haben; das Familienleben sei sehr harmonisch.

Das Auffallendste schien mir, wie sehr Tochter und Mutter die Problemlosigkeit und Harmonie innerhalb der Familie betont hatten. Da es eine so problemlose Familie nicht gibt, nahm ich an, daß ein Teil des Problems darin liegen könnte, daß in dieser Familie niemand etwas Kritisches über die andern äußern darf, und daß die Problemlosigkeit aus irgendeinem Grunde für die Familie sehr wichtig war. Ich nahm außerdem an, daß es Spannungen zwischen Gerti und dem Vater gab – wenn sie sich auch bei Gerti hauptsächlich als Haß gegen alle Männer ausdrückten –, und daß Mutter wie Tochter – da sie so gemeinsam auftraten – Probleme mit der Trennung voneinander hatten.

Ich bestellte daher die ganze Familie zur Therapie, die ich dann gemeinsam mit einem Ko-Therapeuten durchführte. Zur ersten Sitzung erschienen jedoch wieder nur Gerti und Frau K. Sie sagten, Herr K. würde nicht mitmachen wollen, und Uschi, die zweite Tochter, sei zeitlich schlecht abkömmlich. Es stellte sich jedoch heraus, daß Herr K. noch gar nicht gefragt worden war, und daß Gerti Angst davor hatte, mit ihm zu sprechen. Es bedurfte einiger Überredung, den beiden Frauen klar zu machen, daß die Familientherapie die Chance bieten würde, auch die Beziehungen untereinander – also auch zu Herrn K. – zu klären.

Flucht in die Fröhlichkeit