Von Margrit Gerste

Hamburg

Hier weiß doch jeder, daß die Gift auf ihrem chaotischen Gelände haben", berichtet ein Nachbar den Lokalreportern, die seit dem vergangenen Wochenende in Scharen zum Horrorkabinett des Dr. Hugo Stoltzenberg strömen. Es liegt direkt an einer der großen Hamburger Verkehrsstraßen, der Schnackenburgsallee, die den Stadtteil Eidelstedt mit viel Industrie und Gartenlauben durchzieht. Wer einen Blick über den morschen Zaun wirft, sieht: stapelweise Kisten mit der Aufschrift "Nebeltöpfe, Sprengmittel", leere Plastikflaschen, ausrangierte, von Gestrüpp überwucherte Laster, Holzverschläge, kleine Brandstellen. Am Eingangstor das unscheinbare Schild: "Chemische Fabrik Dr. Hugo Stoltzenberg Gasmasken und Atemfilter".

"Es weiß doch jeder" – dieser Ausspruch kann sich unmöglich nur auf die nächste Nachbarschaft beziehen. Doch es mußte erst ein tödliches Unglück geschehen, bevor sich Hamburger Beamte, Staatsräte, Senatoren, Oppositionspolitiker nicht mehr damit begnügen konnten, parlamentarische Anfragen, verdächtige Antworten, alarmierende Berichte der Feuerwehr, Beschwerden der Anwohner von Schreibtisch zu Schreibtisch zu schieben und schließlich in den Akten verschwinden zu lassen.

Es mußten erst ein Junge sterben und zwei seiner Spielkameraden schwer verletzt werden (sie hatten sich wahrscheinlich auf dem "Abenteuerspielplatz" Stoltzenberg explosives Material beschafft und damit experimentiert), bevor Politiker und Bürokraten handelten.

Das war letzte Woche. Seither weht neben dem von Polizei und Feuerwehr streng überwachten und im Umkreis von 500 Metern evakuierten Gelände die blaßrote Totenkopffahne der Bundeswehr. Zehn ihrer Feuerwerker, die sich in ihrer gefährlichen Arbeit stundenweise abwechseln, tasten sich, vermummt wie Astronauten, durch das explosive Chaos und fanden bisher über 500 Tonnen Chemikalien, Mörsergranaten, Sprengstoff, Nebelbomben.

Der bisher heißeste Fund ließ am Wochenende auch Bürgermeister Hans Ulrich Klose aus dem Urlaub ins Rathaus zurückkehren: Auf dem Klo des Geländes lagen acht Giftgasgranaten aus dem Zweiten Weltkrieg mit dem Nervengas Tabun. Zwei der je 1,5 Kilogramm schweren Granaten waren leckgeschlagen. Ein Kilogramm Tabun, sagt der Giftspezialist Professor Axel Dönhardt vom Barmbeker Krankenhaus, reiche aus, um 200 000 Menschen umzubringen. Doch damit nicht genug. Maximilian Puchner, Brandmeister und Einsatzleiter vor Ort, fürchtet, auch noch die Nervengifte Sarin und Soman zu finden, deren Wirkung er kurz und bündig so beschreibt: "Einatmen und der Mensch ist tot." Und tatsächlich: Daß Sarin bei Stoltzenberg lagerte, hatte 1970 schon die Hamburger Behörde für Wirtschaft und Verkehr aktenkundig gemacht – und den Deckel zugeklappt!