Seine Nachbarn hielten ihn für einen liebenswürdigen Herrn „der alten Schule“, korrekt höflich und leicht skurril. Der Hamburger Chemiker Dr. Hugo Stoltzenberg ist vor fünf Jahren als 90jähriger gestorben. Seine. Hinterlassenschaft wird in diesen Tagen von Männern mit Gasmasken sortiert.

Zu Lebzeiten galt Stoltzenberg als Experte für Hochgiftiges und Undurchsichtiges: Er produzierte und delaborierte zumal Nebelkerzen Vom Typ „DM 1“ für die Bundeswehr.

Hunderte von Besuchern aus deutschen Behörden marschierten zwischen 1947 und 1979 durch Stoltzenbergs alte Fabrik; allemal notierten sie „Chaos, Luderwirtschaft, Unglaubliches“. Bisweilen trat der geniale Chemiker, galt es Lebensgefährliches darzustellen, aus seinem Laborschuppen ins Freie – in beiden Händen ein Reagenzglas. Bei diesem Mann bestellte das Koblenzer Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung (BWB) spätestens zwischen 1937 und 1963 in 73 Aufträgen (Gesamtwert 2,341 Millionen Mark) sogenannte Kampfstöffspürmittel, Manöverrauchpilze (Typ „Atompilz, orange“) und Schraubfilter für ABC-Schutzmasken. Stoltzenbergs Chemieklitsche florierte.

Brisant.freilich war der allerletzte Auftrag, der den alten Chemiker 1966 aus Koblenz erreichte: Für 2014 Mark förderte das BWB die Lieferung von 15 Kilogramm „Stickstofflost“ für die Erprobungsstelle 53 der Bundeswehr in Münster an.

„Lost“, eine Abkürzung der deutschen Chemikernamen W. Rommel und W. Steinkopf, galt im Ersten Weltkrieg als „König der Kampfstoffe“.

Als „Senfgas“ beziehungsweise „Gelbkreuz“ ging das (im Zweiten Weltkrieg nicht verwendete) Ultragift in die Schreckensliteratur der Jahre 1914 bis 1918 ein (Karl Kraus: „Chlorreiche Siege“).

Der Lost-Auftrag der Bundeswehr geriet durchaus an die richtige Adresse. Schön im Jahr 1930 hatte Dr. Hugo Stoltzenberg unter dem Titel „Ultragifte“ ein „Kochbuch“ zur Herstellung von Kampfgasen veröffentlicht. Augenreizstoffe (Weißkreuz), Nasen-Rachen-Reizstoffe (Bläukreuz), Lungengifte (Grünkreuz), Hautgifte (Gelbkreuz, zum Beispiel Lost), Blut- und Nervengifte (zum Beispiel Blausäure): alles war auf 70 Seiten versammelt, was dem „jungen Militär und Gäsoffizier“ ein „gefahrloses Arbeiten“ mit den „etwas unheimlichen Stoffen“ ermöglicht – inklusive Preislisten für die Apparaturen und Ausgangschemikalien. Ein Mordsbuch für jedermann.

Dr. Hugo Stoltzenberg war ein „weiser, ruhiger und bissiger Mann“, erinnert sich einer seiner Söhne; nützlich war der „eminent kluge Mensch“ (so ein Mitarbeiter aus der Nachkriegszeit) allemal. Von Anfang an bewährte sich Stoltzenberg, ehemals Assistent des Berliner Nobelpreisträgers für Chemie, Professor Fritz Haber, als promovierter Giftmüllkutscher deutscher Behörden.

Hatten Stoltzenberg und sein Professor während des Ersten Weltkrieges den deutschen Generalstab erfolgreich bedrängt, Chlorgasgranaten zu verfeuern, so lebte Stoltzenberg ein Jahrzehnt später davon, die Reste der 37 592 Tonnen deutscher Kampfgasgranaten aus dem Weltkriegsarsenal zu vernichten. (Sehr wahrscheinlich hat er Teile solcher Lieferungen schon 1924 flach Marokko versandt, wo Franzosen und Spanier einen Aufstand der Rif-Kabylen mit Kampfgas deutscher Machart niederschlugen.).

Der ganzen Nation wurde Stoltzenberg im Jahr 1928 – bekannt; die Reichswehr hätte einige „Phosgen“-Kessel auf Stoltzenbergs Fabrikgelände im Hamburger Hafen verbracht.

Das Kampfgas, das zum Tod durch Herzversagen führen kann, wollte Stoltzenberg in die Nordsee kippen. Statt dessen explodierte einer der Phosgen-Behälter am 20. Mai 1928 auf dem Gelände; eine Giftgaswolke zog über den Hamburger Stadtteil Georgswerder und brachte mindestens zehn Menschen den Tod. Über 300 Anrainer wurden verletzt.

In der Weltbühne Vom 29. Mai 1928 resümierte der spätere Friedensnobelpreisträger Carl von Ossietzky die Katastrophe: „Man liest die lamentablen Erklärungen des Herrn Dr. Stoltzenberg, der bejammert, daß man ihn um sein kostbares Gut betrogen habe. Man vergißt darüber, daß das in der Nachbarschaft menschlicher Wohnungen lagernde Todesgift seit Jahr und Tag ständige Todesgefahr über die zweitgrößte deutsche Stadt brachte... Und auch die glücklichen Inhaber dieser Gastanks wußten wohl, warum sie sich nach Hamburg wandten, wo ihnen die hanseatische Munifizenz nicht nur einen Lagerplatz zur Verfügung stellte, sondern auch weitherzige Aufsicht zukommen ließ.“ Fünfzig Jahre später hätte sich an dem Sachverhalt wenig verändert – die „Aufsicht“ wurde noch weitherziger denn je zuvor.

Stoltzenberg, dessen Giftkenntnisse derweil vielen Regierungen unter anderen der Sowjetunion, Brasilien, Jugoslawien, Spanien, Griechenland) zugute kamen, ließ sich auch durch einen langwierigen Schadensersatzprozeß nicht verdrießen (er gewann ihn) und siedelte seinen Hamburger Betrieb neu an: Eidelstedt, Schnackenburgallee 167. In einer Dependence bei Bitterfeld, östlich der Elbe, produzierten schon 200 Stoltzenberg-Angestellte Giftgasanlagen fürs Ausland. „Jeder fuhr, sein eigenes Firmenfahrrad“, erinnert sich ein Mitarbeiter, „denn Dr. Stoltzenberg hatte eine soziale Einstellung. Er gab sein Letztes.“ Doch die Katastrophe im Hamburger Häfen scheint die deutsche Kundschaft alarmiert zu haben. Im Jahre 1937 teilte Reichskriegsminister Werner von Blomberg in einem Gutachten an das Auswärtige Amt mit: „Die Fa. Dr. Hugo Stoltzenberg ist dem Reichswirtschaftsminister und mir als nicht besonders zuverlässig bekannt.“

Daß er trotzdem expandieren konnte, verdankte Stoltzenberg den Kriegsumständen: Seine Kenntnisse auf dem Gebiet von Kampfgasschutz erlaubten es ihm, eine Zweigniederlassung auf dem Berliner Grundstück Thomasiusstraße 14 im Berliner Tiergarten zu errichten. Es gab zwei Büroräume, und „um die Ecke“, auf einem bisher nicht identifizierten Gelände, soll die Firma nach Angaben eines früheren Angestellten einen „kleinen Laden“ mit Werkstatt besessen haben. Das Berliner Büro existierte immerhin von 1939 bis in die sechziger Jahre; 1972 wurde Stoltzenbergs Firma aus dem Berliner Handelsregister gestrichen.

Hamburg blieb Stoltzenbergs Fabrikationszentrum. Auf städtischer Fläche nutzte der besessene Chemiker allerlei Produktionsgenehmigungen für Tränengas, Reizpatronen, Nebelkerzen, Übungsbrandsätze, Blausäure, Schädlingsbekämpfungsmittel, Begasungspulver, Wühlmauspatronen, Körperpuder, Gaspatronen, Betäubungs- und Scheintodwaffen. Immer häufiger brannte es in seiner maroden Bude; eine Mitarbeiterin erkrankte mit rätselhaften (Kampfgas)-Symptomen; die Feuerwehr kam, löschte und ging – insgesamt 21 mal seit 1949. Doch eine schützende Hand lag über dem kuriosen Chemiker. Steuerschulden wurden gestundet. Hamburgs Behörde für Wirtschaft und Verkehr hielt es 1967 gar für angebracht, „zur möglichen Rettung des Unternehmens staatlicherseits das größtmögliche Entgegenkommen zu zeigen“. Warum?

Stoltzenberg, 1944 der NSDAP beigetreten, angeblich ein „Kriegsgewinnler“ (so eine Hamburger Behörde), war der Bundeswehr von 1957 an lieb und teuer geworden – erst 1962 entzogen die Bonner der notorisch unsoliden Firma die Ermächtigung zum Umgang mit Verschlußsachen.

War der alte Erfinder (150 Patente), zwar, aus der Gnade des Militärs gefallen, so blieb ihm doch das erstaunliche Wohlwollen der Hamburger Behörden: Mochte es krachen, brennen oder stinken – die Katastrophe, von-1928 war vergessen-unterm Aktenzeichen des Staatsarchivs. Dr. Hugo Stoltzenberg und sein „unzuverlässiger Betriebsleiter“ (Amt für Arbeitsschutz), verblieben zwischen ihren Flaschen, Pipetten, Töpfen und Bunsenbrennern. Als 87jährigen dankte Stoltzenberg ab – einer jener deutschen Naturwissenschaftler aus der Vergangenheit, deren Welt sich zwischen Laboratorium und Patentamt erstreckte: Für alles war in diesem Kosmos Platz, außer für Zweifel am Sinn angewandter, mörderischer Chemie.

Michael Naumann