Von Karl-Heinz Janßen

Beifall rauschte auf in der Großen Halle des Volkes. Genosse Hua hatte seinen Ehrengast beim Festbankett am chinesischen Nationalfeiertag, den Genossen Pol Pot aus Kambodscha, herzlich willkommen geheißen. Doch einer im Saal, ein prinzipienfester Besucher aus Deutschland, rührte keine Hand: "Ich klatsche nicht für diesen Massenmörder!"

Fast auf den Tag zwei Jahre später hat der Botschafter der Bundesrepublik bei den Vereinten Nationen dafür gestimmt, daß die Regierung des gestürzten und flüchtigen Ministerpräsidenten Pol Pot, der erst vor wenigen Wochen wegen Völkermordes zum Tode verurteilt worden war, ihren Sitz in der Vollversammlung behalten darf. Mit Rüdiger von Wechmar votierte eine überraschend hohe Mehrheit, obschon niemand unter den Delegierten ein gutes Wort für jenes Regime fand, das in den vier Jahren seiner Herrschaft die Menschenrechte mit Füßen getreten hat. Wieder einmal wurden moralische Prinzipien ein Opfer von Interessen.

Das Argument der "Pol-Pot-Fraktion" in der Völkerversammlung war bestechend: Man dürfe bewaffnete Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines anderen Mitglieds nicht auch noch belohnen. Denn die neue Regierung Heng Samrin, die den Posten in der Vollversammlung beanspruchte, war im Januar nach einem vietnamesischen Blitzkrieg gegen Kambodscha installiert worden. Allerdings ist die Weltorganisation in diesen Dingen nicht immer konsequent: Keinem Delegierten wäre es eingefallen, sich für Idi Amin stark zu machen, obschon auch seinem Sturz eine ausländische Intervention voranging.

Doch der Bauernkommunist und Partisanenchef Pol Pot ist für Amerikaner und Chinesen eine zu wichtige Schachfigur bei ihren Partien mit dem sowjetischen Weltmachtkonkurrenten, als daß sie ihn schon entbehren könnten. Er ist es nicht minder für die südostasiatischen Nachbarn Kambodschas, die vor einer weiteren Expansion der kriegserprobten Militärmacht Vietnam eine Heidenangst haben. Nicht einmal der weltgewandte, ewig lavierende Prinz Sihanouk, der bis Zu seinem Sturz im Frühjahr 1970 sein Land aus den Händeln der Weltpolitik einigermaßen herausgehalten hatte und bei einer friedlichen Lösung des Kambodscha-Problems allen Beteiligten als Kompromißkandidat genehm sein könnte, nicht einmal er kann da mithalten.

Pol Pot hat einen Trumpf in der Hand: seine Guerrilleros im Dschungel und in den Bergen. Solange sie, stillschweigend geduldet von den Thais und gefördert von den Chinesen, aus dem Hinterhalt heraus der vietnamesischen Kriegsmaschinerie trotzen, können die Nachfolger Ho Tschi Minhs in Hanoi ihres raschen Sieges nicht froh werden, zumal ihnen dauernd der sprungbereite chinesische Drachen im Nacken sitzt.

Die Chinesen auch waren es, die den Bauer Pol Pot überhaupt erst aufs weltpolitische Schachbrett hoben. Vor zwei Jahren trat er in Peking plötzlich aus dem Dunkel der Geschichte ins Rampenlicht der Öffentlichkeit. Bis dahin war in den Dossiers der Geheimdienste und den Archiven der Zeitungen über ihn nicht mehr zu finden als ein paar nichtssagende Daten. Nicht einmal seine Identität galt als gesichert; als starker Mann des Regimes wurde der Stabschef und Professor Khieu Samphan angesehen. Manche meinen bis heute, Pol Pot sei nur der Deckname für den kommunistischen Funktionär Saloth Sar, den ersten Chef der Khmer rouge; der ist aber schon 1962 gestorben.