Hamburg-Eidelstedt ist nicht die schönste Gegend der Freien und Hansestadt Hamburg. Die Anrainer zahlreicher Fabriken sind tosenden Lärm und industriellen Gestank leidvoll gewohnt. Doch einmal wurde es auch ihnen zuviel; beim Hamburger Arbeitsschutzamt beschwerten sich empörte Bürger, daß sie „in regelmäßigen Abständen von orangeroten Gaswolken überzogen würden, die durch donnernde Explosionen von den Stoltzenbergs ausgelöst werden“.

Es handelte sich um Atombombenpilze – der nachgemachten Art. Die „Stinkfabrik“ (nachbarschaftlicher Jargon) der Chemie-Firma Stoltzenberg produzierte in den sechziger Jahren für die Bundeswehr sogenannte „Darstellungsmittel“ fürs Manövergelände; die A-Bomben-Töpfe probierte sie ohne Erlaubnis gleich in der Stadt, vor der Fabrik-Baracke aus. Ironischerweise wies Hamburgs Gewerbeaufsichtsamt den Besitzer darauf hin, daß er keine Genehmigung zur Sprengstoffverarbeitung habe. Dem Besitzer, Dr. Hugo Stoltzenberg, war dies schon bekannt; er kümmerte sich nicht darum.

Jahre später, am 6. September 1979, vernimmt ein Bewohner des Hauses Lüdersring 137, nicht weit von Stoltzenbergs Chemie-Klitsche entfernt, „einen kurzen schnellen Schlag wie aus einer 10,5-Haubitze“. Aus dem Keller des Hauses quält sich ein schwer verletzter 13jähriger Junge: „Geht alle weg, holt schnell die Polizei, wir wollen ins Krankenhaus.“

Der 13jährige Schüler Thomas Ludwig und sein gleichaltriger Freund Stephan Behrmann überlebten ein selbst angerührtes „Chemie-Experiment“ im Keller mit schweren Verletzungen; doch für den achtjährigen Bruder Oliver Ludwig kam alle Hilfe zu spät. Er lag mit zerfetztem Unterleib tot zwischen verbranntem Phosphor und Schwarzpulver.

Der Vater, Kai-Heinz Ludwig, war 1975 wegen seiner Zugehörigkeit zur terroristischen „Debus-Bande“ zu fünfeinhalb Jahren Gefängnis verurteilt, jedoch frühzeitig entlassen worden. Indes – Vermutungen der Kriminalpolizei, die Kinder hätten sich an heimlichen Sprengstoff Vorräten des Vaters versucht, bestätigten sich nicht. Die Lieferstelle der jugendlichen Chemie-Amateure war, wie sich bald herausstellen sollte, „öffentlich“ im schlechtesten Sinne.

Am 10. September, vier Tage nach dem Explosionsunglück, erfährt ein Polizeibeamter am Krankenbett der Verletzten, woher die tödlichen Chemikalien stammten – vom schlecht umzäunten Gelände der Firma Dr. Hugo Stoltzenberg an Hamburgs Schnackenburgallee 167. Fünf Tage später – im nahe gelegenen Volksparkstadion schauen gerade 50 000 Hamburger den Bemühungen ihres HSV gegen den 1. FC Kaiserslautern zu – entdecken eilig herbeigerufene Bundeswehrsoldaten der ABC-Schutztruppe in einer abgeriegelten, ausgedienten Toilette dieses tödlichen „Kinderspielplatzes“ des Chemikers acht Tabun-Granaten; zwei von ihnen scheinen leck zu sein – sie werden mit Gipsmanschetten abgedichtet. Das ominöse Nervengas aus der Giftküche des Dritten Reiches hätte – einmal freigelassen – das Bundesliga-Spitzenspiel gewiß vorzeitig beendet: Nur 400 Milligramm Tabun pro Kubikmeter Luft können einen Menschen binnen 60 Sekunden töten.

Ein merkwürdiger Zufall hatte die Entdeckung dieses infernalischen Ultragiftes beschleunigt – zu dem Aufräumungskommando, das die Hanseaten bei der Bundeswehr anforderten, gehörte ein Hauptmann Korzfleisch aus der ABC-Schutztruppe in Munster. Er war früher ausgerechnet Lehrling und Laborant der Firma Stoltzenberg – und Korzfleisch erinnerte sich nun, wenn auch spät, an das tödliche Tabun im Klo.