Hamburg-Eidelstedt ist nicht die schönste Gegend der Freien und Hansestadt Hamburg. Die Anrainer zahlreicher Fabriken sind tosenden Lärm und industriellen Gestank leidvoll gewohnt. Doch einmal wurde es auch ihnen zuviel; beim Hamburger Arbeitsschutzamt beschwerten sich empörte Bürger, daß sie „in regelmäßigen Abständen von orangeroten Gaswolken überzogen würden, die durch donnernde Explosionen von den Stoltzenbergs ausgelöst werden“.

Es handelte sich um Atombombenpilze – der nachgemachten Art. Die „Stinkfabrik“ (nachbarschaftlicher Jargon) der Chemie-Firma Stoltzenberg produzierte in den sechziger Jahren für die Bundeswehr sogenannte „Darstellungsmittel“ fürs Manövergelände; die A-Bomben-Töpfe probierte sie ohne Erlaubnis gleich in der Stadt, vor der Fabrik-Baracke aus. Ironischerweise wies Hamburgs Gewerbeaufsichtsamt den Besitzer darauf hin, daß er keine Genehmigung zur Sprengstoffverarbeitung habe. Dem Besitzer, Dr. Hugo Stoltzenberg, war dies schon bekannt; er kümmerte sich nicht darum.

Jahre später, am 6. September 1979, vernimmt ein Bewohner des Hauses Lüdersring 137, nicht weit von Stoltzenbergs Chemie-Klitsche entfernt, „einen kurzen schnellen Schlag wie aus einer 10,5-Haubitze“. Aus dem Keller des Hauses quält sich ein schwer verletzter 13jähriger Junge: „Geht alle weg, holt schnell die Polizei, wir wollen ins Krankenhaus.“

Der 13jährige Schüler Thomas Ludwig und sein gleichaltriger Freund Stephan Behrmann überlebten ein selbst angerührtes „Chemie-Experiment“ im Keller mit schweren Verletzungen; doch für den achtjährigen Bruder Oliver Ludwig kam alle Hilfe zu spät. Er lag mit zerfetztem Unterleib tot zwischen verbranntem Phosphor und Schwarzpulver.

Der Vater, Kai-Heinz Ludwig, war 1975 wegen seiner Zugehörigkeit zur terroristischen „Debus-Bande“ zu fünfeinhalb Jahren Gefängnis verurteilt, jedoch frühzeitig entlassen worden. Indes – Vermutungen der Kriminalpolizei, die Kinder hätten sich an heimlichen Sprengstoff Vorräten des Vaters versucht, bestätigten sich nicht. Die Lieferstelle der jugendlichen Chemie-Amateure war, wie sich bald herausstellen sollte, „öffentlich“ im schlechtesten Sinne.

Am 10. September, vier Tage nach dem Explosionsunglück, erfährt ein Polizeibeamter am Krankenbett der Verletzten, woher die tödlichen Chemikalien stammten – vom schlecht umzäunten Gelände der Firma Dr. Hugo Stoltzenberg an Hamburgs Schnackenburgallee 167. Fünf Tage später – im nahe gelegenen Volksparkstadion schauen gerade 50 000 Hamburger den Bemühungen ihres HSV gegen den 1. FC Kaiserslautern zu – entdecken eilig herbeigerufene Bundeswehrsoldaten der ABC-Schutztruppe in einer abgeriegelten, ausgedienten Toilette dieses tödlichen „Kinderspielplatzes“ des Chemikers acht Tabun-Granaten; zwei von ihnen scheinen leck zu sein – sie werden mit Gipsmanschetten abgedichtet. Das ominöse Nervengas aus der Giftküche des Dritten Reiches hätte – einmal freigelassen – das Bundesliga-Spitzenspiel gewiß vorzeitig beendet: Nur 400 Milligramm Tabun pro Kubikmeter Luft können einen Menschen binnen 60 Sekunden töten.

Ein merkwürdiger Zufall hatte die Entdeckung dieses infernalischen Ultragiftes beschleunigt – zu dem Aufräumungskommando, das die Hanseaten bei der Bundeswehr anforderten, gehörte ein Hauptmann Korzfleisch aus der ABC-Schutztruppe in Munster. Er war früher ausgerechnet Lehrling und Laborant der Firma Stoltzenberg – und Korzfleisch erinnerte sich nun, wenn auch spät, an das tödliche Tabun im Klo.

Die Bevölkerung im Umkreis von 500 Metern wird evakuiert – insgesamt 200 Anrainer. 60 Betriebe mit 1500 gefährdeten Arbeitnehmern der Umgebung schließen vorübergehend. Hamburgs Bürgermeister Klose eilt aus seinem Sylter Urlaub herbei, und der Giftgas-Skandal entfaltet sich über dem Land wie einst Dr. Hugo Stoltzenbergs getürkte Atompilze über den armen Leuten von Eidelstedt. Denn auf dem Fabrikgelände des Dr. Hugo Stoltzenberg und seines schludrigen Nachfolgers Martin Leuschner fanden sich nach acht Tagen Aufräumungsarbeiten genau 48 Tonnen Gift- und Sprengstoffe, darunter britische Mörsergranaten, 40 Kisten deutsche Nebelgranaten, 16 Tonnen Giftstoffe der Klasse 1 wie Arsen, Strychnin und Zyankali. Während Feuerwehr und Soldaten durch den Chemomüll wateten, entzündeten sich immer wieder Phosphormengen; Nebeltöpfe gingen hoch, als sei’s Manöverzeit.

Helles Entsetzen riefen die absolut tödlichen Kampfstoffe unter den phantastischen Fundsachen hervor: 35 Liter Tabun, zwei Liter Phosgen und zwölf Stahlflaschen mit dem Ersten-Weltkriegs-Kampfstoff Chlorgas. Nichts war niet- und nagelfest verpackt, jeder hätte sich bedienen können. Bürgermeister Klose, bleich und kaum gefaßt, versagte die Phantasie: „Das alles ist so ungeheuerlich, das kann man kaum glauben. Wahrscheinlich“, fügt er hinzu, „ist kriminell gehandelt worden.“ In der Tat. Die Frage lautet nur – von wem?

Für die oppositionelle CDU in Hamburgs Bürgerschaft ist der Fall klar: Hans-Ulrich Klose, der jetzt noch in der bekömmlichen Pose des bürgernahen Anklägers von Behördenschlamperei auftritt, sei der eigentliche Schuldige. Sein Vergehen: „Organisationsversagen“. Mit einem historisch gewagten Bild prophezeien ihm seine politischen Gegner in Hamburgs neugotischen! Rathaus ein „ökologisches Waterloo“. Und: „Nur ein gnädiges Schicksal so ein Bürger-Repräsentant der CDU, „hat uns vor einer Katastrophe bewahrt.“ In einer aufgeregten Rathaussitzung fällt schließlich das Wort von der „Apokalypse“ – Hamburgs Version von Harrisburg liegt hinterm Völksparkstadion, auf dem Stoltzenberg-Gelände.

„Apokalypse“ heißt „Enthüllung“. Enthüllt wird im Hamburger Giftskandal zum einen die schier grenzenlose Unfähigkeit von Hamburger Beamten. Offengelegt wird außerdem die Freiheit städtischer Behörden, zu tun, vor allem aber zu lassen, was man will; und umrahmt wird das Tableau beamteten Desinteresses an einem jahrzehntelang gärenden chemischen Umwelt- und Gewerbeskandal von der Unzulänglichkeit hanseatischer Spitzenpolitiker. „Die Stunde des Parlaments“ wurde in Hamburg von Parlamentariern beider Parteien beschwören, als es an die Aufdeckung des Skandals ging. Seine Verhinderung freilich hätte nur einige Parlamentsminuten gekostet. Die Hamburger FDP-Abgeordnete Helga Schuchardt hatte nämlich schon Anfang 1971 vom Senat wissen wollen, ob in der Firma Stoltzenberg chemische Kampfstoffe hergestellt worden seien – und zwar unter Umgehung der Brüsseler Verträge aus dem Jahre 1954, in denen sich die Bundesrepublik verpflichtet hatte, keinerlei ABC-Waffen auf ihrem Boden herzustellen. Die lapidare Antwort des Hamburger Senats: „Der Senat hat bisher keinen Anlaß gesehen, die Ergebnisse der Kontrolltätigkeit des Bundes zu beanstanden ... Die Verwendung chemischer Stoffe zur Herstellung von Kriegswaffen wird durch die Aufsicht des Bundesamtes für gewerbliche Wirtschaft verhindert.“ Die Hamburger Stadtparlamentarier aller Parteien waren’s zufrieden.

Tatsache ist, daß es auf dem Hamburger Gelände der Firma Stoltzenberg etwa fünfzigmal seit 1949 gebrannt hat; zwanzigmal kam die Feuerwehr, löschte und schrieb einen Bericht. Für die Akten.

Das Gesundheitsamt Altona urteilte schon im Oktober 1949: „Der Betrieb der Firma Dr. Stoltzenberg macht einen ausgesprochen behelfsmäßigen Eindruck. Die technischen Einrichtungen sind alle außerordentlich primitiv.“ Der Besitzer der Fabrik wirkte auf den Leiter des Amtes für Arbeitsschutz „unzuverlässig“; zwei Jahre später notiert das Gewerbeaufsichtsamt auf dem Gelände „ganz unglaubliche Verhältnisse. Überall treten aus zerfressenen Fässern giftige Gase und Dämpfe ins Freie und verpesten die Umgegend“.

Rings um Dr. Hugo Stoltzenbergs Gas-Klitsche verloren die Bäume bei Gelegenhei: ihre Blätter, weil zum Beispiel Salzsäurenebel aus einer Baracke aufstiegen. Ungereinigte Senfgas-Fässer, Chlorgas der US-Armee, das auf dem seltsamen Weg in den Iran bei Stoltzenberg hängenblieb (August 1955), Ekzeme bei einer Mitarbeiterin, die Tränengaspatronen abfüllte, ein Feuerlöschteich voller Blaukreuz-Kampfstoffe (60 Tonnen!), unerfahrene Laboranten, Zyankali-Funde in der Nähe des Fabrikgeländes, wild wucherndes Unkrautgestrüpp, baufällige Lagerhütten, Papier, Pappe, Asche und Schrott, Gas verströmende, undichte Fässer – auf dem schlecht umzäunten Areal des Eidelstedter Chemikers und seines Nachfolgers Leuschner häufte sich der Chemie-Dreck des kriegerischen 20. Jahrhunderts mit amtlicher Duldung und mildem Tadel. Mehr noch: In einem Schreiben vom 6. Juli 1979 wird dem Hamburger Umweltsenator Curilla vom zuständigen Bezirksamtsleiter sogar mitgeteilt, daß für die Stoltzenberg-Fabrik „keine Umweltbeeinträchtigung genannt werden könnte, deren noch nicht abgeholfen werden konnte“.

Das Gegenteil stimmte. Hinterm Wildwuchs von Brennesseln und Brombeeren der Fabrik brütete ein Desaster – alles in allem einer der größten Gift-Skandale der deutschen Nachkriegsgeschichte. Ein wütender Bürger rief Klose auf einer Versammlung der Betroffenen zu: „Viele von uns hier haben ihr Leben wahrscheinlich dem toten Jungen zu verdanken.“

Der Kampfgas-Experte Hugo Stoltzenberg hatte eben das getan, was zwischen 1950 und 1970 industrielles Brauchtum war: Abfallstoffe wurden jahrzehntelang nicht vernichtet, sondern „gelagert“, verbuddelt und versteckt.

Erst das Abfallbeseitigungsgesetz von 1972 versprach mit dieser Müllwirtschaft aufzuräumen. Ein Jahr später wurde über die Maßen deutlich, daß das Gesetz zu spät kam: Der Hanauer Giftmüll-Spediteur Siegfried Plaumann hatte vor allem hochgiftige Cyanide (Salze der Blausäure) auf öffentlichen Müllhalden. in Hessen, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz einfach abgeladen. In den nächsten Monaten wurde eine weitverzweigte deutsche Müll-Mafia entlarvt, die aus Gewinnsucht die Umwelt mit Giften verdreckte.

In der Kette gewollter und unbeabsichtigter Giftanschläge auf die Natur wirkt besonders bizarr: Auf dem Werksgelände der Merck AG bei Gerresheim wurden 90 000 Tonnen Hexachlorcyclohexan (ein Abfallprodukt bei der Herstellung des Pflanzenschutzmittels „Lindan“) vergraben. Das Gift tauchte jedoch über die Pflanzenkette wieder in der Milch der Umgebung auf – 32mal stärker als erlaubt. Doch konnte der Firma kein Vorwurf gemacht werden – die Gefährlichkeit des Stoffes schien vorher unbekannt.

Anders liegt der Fall Stoltzenberg: Der einst weitgereiste, weltweit anerkannte Gift-Experte wußte sehr wohl, was er in Eidelstedt tat, denn dafür wurden er und seine Mitarbeiter bezahlt. Zum Beispiel von den Innenministern der Länder Hamburg, Baden-Württemberg, Berlin, Bremen, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein; sie alle versorgte der chaotische Chemie-Betrieb jahrelang (angeblich auf Grund einer Empfehlung des Hamburger Innensenators aus dem Jahre 1967) mit Tränengas. Auch das Bonner Innenministerium und den Bundesgrenzschutz belieferte die Firma Stoltzenberg. Die gehobenen Geschäftsverbindungen der Eidelstedter Gas-Produzenten werden belegt durch leere Kisten mit Bundeswehraufschriften in den Ecken des Fabrikgeländes.

Zwar – so ein Untersuchungsbericht des Hamburger Senats – ist „die Schlampigkeit der Firma Stoltzenberg in jedem Betriebsbegehungsbericht nachgewiesen“, gleichwohl fühlte sich unter sechs Hamburger Behörden und elf Dienststellen (von der Feuerwehr bis zur Sprengstoffbeseitigung) kein einziger Beamter in 30 Jahren zu einem Akt des Widerstandes, zur Umwelt – Initiative aufgerufen. „Aktenmäßig“, so ein Beamter, „lief alles tadellos.“ Es geschah nichts; bisweilen kam, wie üblich die Feuerwehr zum Löschen. Alte Bekannte.

Mag sein, daß die Firma Stolzenberg als Tränengas-Lieferant und halbamtliche Müllkippe besonderen Beamten-Langmut verdiente. Stoltzenbergs Faktotum und Nachfolger seit 1969, Martin Leuschner, erinnert sich jedenfalls durchaus an Hilferufe Hamburger Behörden: „Aus dem Hafen rief mich ein Dr. Jäger an: ‚Herr Leuschner, kommen Sie schnell, hier ist ein Faß mit Lost, das muß vernichtet werden‘.“ Leuschner kam, sah und vernichtete; selbstverständlich ohne Genehmigung.

Der Hamburger Amtssenat hat bisher keine Zeit gefunden, Leuschners schwerwiegenden Erinnerungen nachzugehen. Die Kripo recherchiert.

Schlamperei oder gar Verschwörung? So weit will Helga Schuchardt, FDP-MdB aus Hamburg, nicht gehen. Doch sie kann sich vorstellen, daß sich die Chemö-Stümper aus der Schnackenburgallee ein Deckmäntelchen mit dem Etikett „Staatsgeheimnis“ zurechtgeschneidert haben könnten. „Man weiß ja nicht, was Stoltzenberg und Genossen den Prüfern erzählt haben. Vielleicht haben ja auch bloße Andeutungen wie ‚Bundeswehr‘ und ‚Militärgeheimnis‘ ausgereicht, um die Beamten vom Gewerbeaufsichtsamt und den vielen anderen Behörden innerlich strammstehen zu lassen oder sie davon abzuhalten, allzu eifrig in einem ‚Sicherheitsbereich‘ zu schnüffeln.“

Immerhin: Leuschners Dienste standen auch Schleswig-Holstein zur Verfügung; der Hamburger Sprengmeister habe ihn einmal in das holsteinische Garstedt mitgenommen, um fünf Fässer Arsenkampfstoff zu beseitigen, behauptet Leuschner. Eine Genehmigung zur Beseitigung von Kampfstoffen besitzt er immer noch nicht. Chemiker ist er auch nicht.

In der Hamburger Morgenpost berichtet derweil der Kraftfahrer Helmut Göttsche, er habe in den letzten Jahren mehrmals Lieferungen der Firma Stolzenberg an die Bundeswehr transportiert.

Was immer Göttsche auch gefahren haben mag, mit dem respektheischenden Etikett Bundeswehr erreichte der Hamburger Giftgas-Skandal wieder den Punkt seiner ursprünglichen und inzwischen vergessenen Aufdeckung: Im Mai 1970 hatte der Reporter Günter Wallraff in der Fernsehsendung Monitor behauptet, die Bundeswehr probe den Einsatz verbotener B- und C-Waffen. Der Hauptbeweis des Enthüllungs- und Verkleidungs-Journalisten: Die Bundeswehr habe von der Firma Stoltzenberg in Hamburg 35 Kilogramm Lost bezogen. Und dies, obwohl Konrad Adenauer in den „Brüsseler Verträgen“ von 1954 den feierlichen Verzicht auf die Produktion von ABC-Waffen auf deutschem Boden geleistet habe.

Wallraffs Witterung war richtig, seine Recherchen hingegen erwiesen sich als ungenau: In Wirklichkeit waren es „nur“ 15 Kilogramm – im Jahr 1966 vom Koblenzer Beschaffungsamt bei Dr. Hugo Stoltzenberg bestellt. „Es gab damals Verdachtsmomente“ – so der Sprecher des Verteidigungsministerums zur ZEIT –, „daß Saboteure das Trinkwasser im Ruhrgebiet verseuchen wollten. Wir brauchten Lost, um Gegenmaßnahmen zu erproben.“ Doch seither „hat es keine Verbindung zu Stoltzenberg mehr gegeben“, versichert Staatssekretär Karl Schnell von der Hardthöhe. Zum erstenmal war man 1955 miteinander in Kontakt getreten; im Sommer jenes Jahres teilte Dr. Stoltzenberg dem Hamburger Amt für Arbeitsschutz mit, seine Firma sei vom Bundesverteidigungsminister beauftragt worden, „Muster für Kampfgaspatronen, die unter anderem mit Bombenschlägen ausgestattet sind, herzustellen“. In der Stoltzenberg-Chronik der Bundeswehr taucht dies frühe Datum nicht auf..

Die Bundeswehr erinnert sich ihrerseits an spätere Stoltzenberg-Lieferungen von Tränengasgranaten und Nebelkerzen, Gasmasken-Filter und Röhrchen für das Aufspüren von Kampfgas im Gelände. Doch als 90 000 Tränengaswurfkörper aus der Hamburger Firma mit 18 000 mangelhaften Exemplaren durchsetzt waren, kühlten, die Geschäftsbeziehungen zwischen dem genialen Gift-Chemiker und den Beschaffern in Koblenz schnell wieder ab. Am 2. August 1962 wurde dem alten Doktor die „Ermächtigung zum Umgang mit Verschlußsachen bis ‚Geheim‘“ (der zweitniedrigsten Sicherheits-Kategorie) – entzogen. Die Firma durfte fortan an klassifizierten Auftragen der Bundeswehr nicht mehr teilhaben. Der Abstieg des Dr. Stoltzenberg. begann.

Heute will die FDP-Abgeordnete Schuchardt wissen, warum die Behörden „solche Firmen“ nicht „unter dem Gesichtspunkt der Seriosität, überprüfen“. Wenn schon alte Bomben „delaboriert“ und neuer Kampfstoff zu Versuchszwecken bestellt werden müssen, warum nicht bei einwandfrei geführten Firmen?’. Dazu der Hardthöhen-Sprecher Kurt Fischer: „In der Zeit von 1957 bis 1963 war die Auswahl nicht sehr groß. Es war die Zeit des großen Wirtschaftsbooms und der ‚Ohne-mich‘-Bewegung. Es gab kaum Firmen, die sich mit der Bundeswehr einlassen wollten. Gasmasken sind eben ein dreckiges Geschäft.“

Trotz ihrer vorgeblich harmlosen Beziehungen zu dem nicht so harmlosen Mittelstands-Unternehmer Stoltzenberg hat das Verteidigungsministerium es vorgezogen, keine gerichtliche Verfügung gegen Wallraffs „Lost“-Behauptungen anzustreben. Es trat statt dessen eine sorgfältig vorbereitete Flucht nach vorn an. Der damalige Verteidigungsminister Helmut Schmidt wies seine Unterbehörden an, den anrüchigen Kampfstoff Lost und ähnliches nur noch im befreundeten Ausland zu kaufen. Zugleich öffneten sich die Türen zur ABC-Erprobungsstelle 53 in Munster bei Soltau für den Besuch von Journalisten. Ihr einhelliges Fazit: Hier geht alles mit rechten Dingen zu. Es gab wohl . „Kilogramm-Mengen“ an Lost, Tabun und Sarin – sie reichten aber nur dazu aus, um Gegenmittel und Abwehrmaßnahmen zu testen. Mit den 15 Kilogramm Lost aus Hamburg konnte, die Bundeswehr kaum Waffen basteln: Eine einzige „Sprühbüchse“ erfordert immerhin eine Füllung von zwölf Kilogramm. Wer mit einer solchen Menge „Tausende“ umbringen will – so ein Sprecher der Hardthöhe – müßte die „Gegner“ schon dazu überreden, sich einzeln „impfen“ zu lassen. 15 Kilogramm – so das Verteidigungsministerum heute – „sind nicht viel“. Jährlich werden rund 200 Kilogramm Giftstoffe wie Lost für Versuchs- und Induistriezwecke importiert – mit dem vollen Einverständnis der Westeuropäischen Union. „200 Kilogramm im Jahr haben sich als pragmatische Grenze eingependelt“, sagt der Sprecher der Hardthöhe.

In der vorigen Woche, kurz nachdem Bundeswehrkisten . in Stoltzenbergs Fabrik entdeckt würden, griff das Verteidigungsministerium auf die Public-Relations-Strategie von 1970 zurück. Wieder wurden einige Dutzend Journalisten und Kamera-Crews nach Munster gekarrt, um sie jenseits der Stacheldrahtzäune („Vorsicht! Schußwaffengebrauch“, „Photographierverbot!“) mit Generälen, Staatssekretären und Bundeswissenschaftlern zu konfrontieren.

Staatssekretär Karl Schnell: „Wir haben einem Untersuchungsausschuß nichts zu verbergen.“ Nur: „Leider wissen wir nicht genau, welche Kampfstoffreste aus den Weltkriegen wo liegen.“

Nach Auskunft des Staatssekretärs „befinden sich begrenzte Kampfstoffmengen in den Händen der amerikanischen Truppen in der Bundesrepublik. Sie dienen der Abschreckung, und die Bundesregierung kennt die Lagerstellen“. Die Bundeswehr spezialisiert sich inzwischen auf die „Delaborierung“, das heißt Vernichtung von Kampfstoffen.

Mittlerweile haben sich auf dem ehemaligen „Gasplatz Brehloh“ aus der Zeit des Ersten Weltkrieges etwa 70 Tonnen Gift und Gas angesammelt. Täglich werden hier neue „Fundstücke“ eingelagert – neuerdings auch die giftigen Hinterlassenschaften der Firma Stoltzenberg.

In der „Wehrwissenschaftlichen Dienststelle für ABC-Schutz“ hantieren immerhin 40 Wissenschaftler, 60 Ingenieure und 80 Techniker mit dem Gift der frühen Jahre. Die einen versuchen, die alten Bestände zu „delaborieren“, die anderen erproben – aber nur „grammweise“ – die Abwehr für den Ernstfall: Gegenmittel, Schnellerkennung im Kampfgelände, Schutzmaßnahmen für Gerät und Mensch.

Bis zum Jahr 1975 wurde hier das meiste Fundgut einfach gelagert – in der Erde vergraben oder in doppelt luftdicht abgeschlossenen Behältern. Die delaborierten Kampfstoffe wurden – buchstäblich – tröpfchenweise vernichtet: In mannshohen Kohleöfen, die heute noch rostend im Gelände stehen. Von der ökologischen Bewußtseinserweiterung der Nation beeindruckt, ließ das Verteidigungsministerium die Freiluft-Verbrennung schließlich einstellen und gab 1974 den Auftrag, eine zeitgemäße „Kampfmittelbeseitigungsanlage“ zu bauen.

Prinzip und Technik der Lost-Vernichtung sind längst bekannt. „Lost ist eine Verbindung, aus Schwefel, Kohlenstoff, Wasserstoff und Chlor“, dozierte Dr. Gerhard Magin, der Leiter des Bereichs „Dekontamination“ in Munster-Lager. „Das Molekül läßt sich mit Wärme auseinanderbrechen.“ Die Zersetzung beginnt bei 500 Grad, anschließend lassen sich die verbleibenden Schadstoffe – etwa Schwefeldioxyd – aus dem Rauch auswaschen.

Die Anlage mit einem Jahresdurchsatz von 44 Tonnen soll im Mai fertig und im August 1980 in Betrieb sein. „Es spricht nichts dafür ... äh ... ich meine dagegen“, verkündete Dr Magin, „daß dieser Zeitplan eingehalten wird.“ Und warum läuft die Massen-Delaborierung erst jetzt an, wo doch manche Bestände schon aus dem Ersten Weltkrieg stammen? „Weil es vorher nicht möglich war.“ Genau 65 Jahre nach dem ersten vernichtenden deutschen Gasangriff wird deutsches Gas sinnvoll vernichtet. Die Zeit der Dr. Stoltzenbergs ist sie vorbei?

In Hamburg weht über dem Betriebsgelände des Dr. Strangelove aus der Schnackenburgallee eine rosa Fahne mit Totenkopf, mannshohe Stahlzäune umschließen das Areal. Ein Beobachtungsturm mit Scheinwerfern und Kamera überragt den Platz. Es riecht säuerlich. Dies ist ein Betrieb, der von mehr als 200 deutschen Beamten folgenlos besichtigt wurde. „Was“, so fragt sich Hamburgs Bürgermeister Klose, „muß eigentlich noch geschehen, damit etwas geschieht?“ Die Frage kommt zu spät. Das hat sie mit Hamburgs Aufsichtsbeamten gemein.

Nur einer unter Hamburgs Beamten hat sich kein Dienstverschulden in der ganzen Affäre vorzuwerfen. Es ist ein städtischer Anonymus, der sich die Kommunisten vornahm. Einige DKP-Flugblätter, die aus Protest gegen Dr. Hugo Stoltzenbergs Giftfabrik „zur Verteilung gelangten“, waren auf Eidelstedts Straßen geflattert und in den Büschen hängengeblieben. Das kostete die Kommunisten eine Ordnungsstrafe von 40,56 Mark – wegen Umweltverschmutzung.

Wie der kleine anonyme Beamte, so auch die feinen hanseatischen Senatoren „nach eingehender Selbstprüfung am Dienstag: Man habe sich nichts vorzuwerfen. Ein reines Gewissen verschaffte ihnen ihr Bürgermeister, indem er – aktuell zum Giftmüllskandal – einen neuen Begriff schöpfte: „Persönlich zurechenbares Fehlverhalten“ sei einzelnen Mitgliedern des Senats nicht vorzuwerfen, ja, selbst „bei mir liegt es auch nicht vor“, behauptete Hans-Ulrich Klose trotzig. Und „Schuld“ sei sowieso kein politisch brauchbarer Begriff.

Eine „politische Gesamtverantwortung“ will der angeschlagene Bürgermeister zwar konzedieren – aber nur keine Grobheiten. Sollen einzelne Köpfe von Spitzenpolitikern rollen? „Ein gewisses Maß an Rationalität“, mahnt Klose, solle man sich doch auch in dieser Situation bewahren und den Untersuchungsbericht abwarten.

Die Hamburger halten sich gern etwas zugute auf ihre feine englische Art. In England aber wären die Verantwortlichen längst zurückgetreten. Britisch an den Hamburger Politikern ist zur Zeit einzig der Nadelstreifenanzug, den die hanseatischen Senatoren gern tragen.