Von Michael Naumann

„Aber was für ’ne Geschichte er mir erzählte, zugespitzt und pathetisch wie nur irgendeine Kriegsgeschichte, die ich je gehört hatte, ich brauchte ein Jahr, bis ich sie kapierte: Patrouille ging ’n Berg rauf. Einer kam wieder. Er starb, bevor er uns erzählen konnte, was passiert war.‘ – Ich wartete auf den Rest, aber so ’ne Geschichte wars anscheinend nicht.“

So liest sich das die ganze Zeit: lapidar, trivial, mörderisch, zynisch, doch nie ironisch; denn Ironie ist die gebügelte Gabe von Generalstäblern, sie verlangt Distanz, eine beunruhigende Art von Erbarmungslosigkeit (wissend). Michael Herr ist nicht ironisch und darum kann er auch niemals schreiben: „Die armen, armen Jungens an der Front, sie ham’s schwer.“

Michael Herr: „An die Hölle verraten“; Verlag Rogner & Bernhard, München, 1979; 283 S., 25,– DM.

Es ist das weitaus beste, größte, deprimierendste Buch über den Vietnamkrieg.

Herr spricht die enteignete, gelassen heimatlose Sprache einer Generation, der die bedrohlichen Rock ’n’ Roll-Größen Jimmy Hendrix, die Jefferson Airplanes, The Doors oder The Who mehr zu sagen hatten, als Travoltas narzistische Trabanten jemals hören werden. Und der Vietnamkrieg gehört zu den Golden Oldies. Seine Soldaten zogen (jedenfalls auf der einen Seite) mit Mick Jaggers abgefahrenen Balladen im Ohr in den Dschungel, um namenlose Hügel zu erobern; in der diretissima, ohne Sauerstoff, unter Beschuß. Über der großen amerikanischen Tötungsmaschinerie dröhnte der schwere, sinnlose Sound von Hard Rock: Michael Herr war dabei und sein Buch ist eine Kassettenaufnahme, ein Kriegs-Mitschnitt ohne Lizenz des Pentagon.

Es gibt Bücher wie „Stahlgewitter“, die Kriege verherrlichen: Produkte kleiner Männer wie d’Annunzio. Dann gibt es Kriegsstudien, die historisch akurat bewerten, protokollieren und nichts verstehen; Kriegsschrott gibt es, die Etappe-ist-lustig-Literatur, irgendwie entsprechen sie den Pflichtübungen aller Nachkriegsjahre, Krieg-ist-schrecklich-Werke, kiloweise.

Außerdem existiert immer noch Remarques „Im Westen nichts Neues“, Graves „Good-bye to all that“ (seit 50 Jahren nicht übersetzt, kein Wunder), Lewis’ „Sagittarius Rising“ und Pliviers „Stalingrad“: Sie alle schildern Menschen ohne Gott, ohne Hoffnung und Liebe, Tiere in Uniform, verheiztes Schlachtvieh und vor allem – Leichen. Soweit die Opfer, von denen in diesen Büchern die Rede ist, noch zu denken vermögen, sind sie fest davon überzeugt, daß alle anderen Menschen um sie herum den Verstand verloren haben. In die kleine Reihe authentischer, ohnmächtig-wahrer Kriegsbücher ist Michael Herrs „An die Hölle verraten“ aufzunehmen. „Dörfer, auch große, waren verletzlich, ein Dorf konnte an einem einzigen Nachmittag verschwinden, und über das offene Land donnerten Kälte und Tod oder es war schon wieder in Charlies Hand. Saigon blieb, Arsenal und Arena, es atmete Geschichte, stieß sie aus wie Gift, Scheiße, Pisse und Korruption; gepflasterter Sumpf, heiße, labrige Winde, die nie was wegbliesen, eine schwere Hitzeglocke über Dieselöl, Moder, Müll, Exkrementen ... Schußwaffen, Stichwaffen, Schreibwaffen, Kopf- und Bauch-Waffen, Treu-und-Glaube-Waffen, fliegende Waffen, Kriech-Späh-Waffen, Informationswaffen so trickreich wie die Waffen von Plastic Man. Ganz oben ein Befehlsdreigestirn: ein blauäugiger, heldengesichtiger General, ein greisenhafter Notfall als US-Botschafter und ein munterer, hetzloser CIA-Virtuose. Robert ,Pechfackel’ Komer zum Beispiel. Wenn ihm William Blake gemeldet hätte, er habe Engel auf den Bäumen gesehen, hätte Komer versucht, es ihm auszureden. Wärs ihm nicht geglückt, hätte er Entlaubung angeordnet.“

Von den berühmten Kriegsbüchern unterscheiden sich Herrs „Dispatches“, Berichte (so der Originaltitel), allerdings durch einen Defekt. Es fehlt ihnen die moralische Ahnung, das unausgesprochene „Du sollst nicht töten“, die dem literarischen Entsetzen über die Mordlust der ersten zwei Weltkriege noch den frommen Glauben unterlegte, daß die Welt für Bomben und Granaten, für Krupps und Schneiders nicht geschaffen sei. Auf das bewegende Ende von Kraus’ „Letzten Tage der Menschheit“ – „Gott: ich habe es nicht gewollt – wartet man bei Herr also vergebens. Es fehlt ihm alle Grundlage zur Zuversicht, nämlich abgrundtiefe, bodenlose Verzweiflung.

Herr ist nicht verzweifelt, er ist sprachlos. An diesem dünnen Buch hat er fünf Jahre lang geschrieben, in der Mitte von New York. So entstehen keine Bestseller. Die deutschen Verlage haben das zur Kenntnis genommen: Herrs amerikanisches Buch wanderte – ehe’s zum großen Erfolg in den USA wurde – von Lektor zu Lektor, bis schließlich Rogner & Bernhard erkannten, was da vor ihnen lag. Ihre Übersetzung ist adäquat.

Die recht unvermittelte Rückkehr Amerikas zum Vietnamkrieg („Deer Hunter“, „Apocalypse Now“ – dessen innere Monologe von Herr geschrieben wurden) ist eine Rückkehr zu den GIs, den grunts in Vietnam, nicht zu ihren fremden, unaussprechlichen asiatischen Gegnern und Opfern. Und jene moralisch desinteressierte Retrospektive kreist – unter anderem – um die technischen Wunder der perfekten amerikanischen Kriegsorganisation, der hypertrophierten Problem-Lösungs-Kapazität des Pentagon (jede „Lösung“ schaffte zwei, drei neue Probleme), der schier infiniten Feuerkraft an der Front. In Vietnam hatten die apokalyptischen Reiter umgesattelt auf Helikopter vom Typ „Cobra“, „Chinook“, auf winzige Insekten-Hubschrauber, die unter dem Regendach des Dschungels nach „Charlie“ spähten. So wurde gemordet, daß es eine industrielle Lust war. Auf dem Höhepunkt dieses Mordsspaßes, 1967 bis 1968, fuhr Michael Herr 18 Monate lang in den Krieg – als Reporter von „Esquire“, „Rolling Stone“, zwei Zeitschriften Amerikas, die nicht in der Saigoner Botschaft auslagen.

Die Bereitschaft zu trauern und sich zu schämen, die Herrs Buch den bestürzten Lesern unterstellt, muß in jenen Jahren in Vietnam abhanden gekommen sein.

Schamlosigkeit. Vietnam war ein „Medienkrieg“; Herr berichtet von Obristen, die bereit waren, für angereiste Reporter reale Kriegsfilme zu inszenieren (wie einst Karl Kraus’ Alice Schalek an der Isonzofront sich für die Morgenausgabe der Wiener Neuen Freien Presse ein Artillerie-Bombardement erfolgreich ausbat).

„Eines Morgens waren ungefähr fünfundzwanzig Korrespondenten draußen an der Y-Brücke an der Arbeit, als auf der Pritsche eines offenen Halbtonners ein sterbender südvietnamesischer Soldat vorbeifuhr. Der Lkw hielt an irgendeinem Stacheldraht, und wir sammelten uns alle drumherum und sahen ihn uns an. Er war neunzehn oder zwanzig und dreimal in die Brust getroffen. Alle Fotografen beugten sich rein, um Fotos zu machen, ’ne Fernsehkamera war über ihm. Ich bin sicher, er sah uns nicht einmal an, als er das letzte Mal guckte, aber wir wußten alle, was er eben gerade gesehen hatte.“

Michael Herrs Buch ist strukturlos wie eine vietnamesische Kriegslage-Karte der 60er Jahre. Die Ereignisse sind verstreut, der Feind verborgen, jedwede Ordnung verloren.

Dieser Reporter stammelt nur nach, was Menschen im Krieg der Zukunft angetan wird. In unserer Zeit der Salt-Gespräche – da Rechenkünstler und Raketenzähler vis-à-vis der gottlosesten aller Mordmaschinen der Geschichte auf Gipfelkonferenzen Rationalität parodieren – könnten solch blutige Stories h. la Herr vielleicht abschreckender wirken als die unsichtbaren Abschreckungswaffen. Ein Buch also für Strategen und Leitartikler, für Realpolitiker und Realisten. Der Krieg ist traumhafter, als sie glauben.

Jeder Mensch kennt Bücher, die den lehrerhaften Drang auslösen, sie anderen Menschen geradezu aufzuzwingen. Michael Herrs „An die Hölle verraten“ möchte ich Enno von Loewenstern an den Kopf werfen. „Enno“, so nennt er sich selbst gern in der dritten Person, verfaßt in der Welt, geisteswiderwärtige Glossen. Als Zeitungsvolontär geriet ich einst in „Ennos“ Fänge. Neben seine zahllosen, pornographischen Witze häufte dieser Herzenskonservative eine flache Vietnam-Interpretation nach der anderen. Sie alle suggerierten dem Leser, daß der Vietkong den Krieg verliere und schließlich auch verloren habe. Seiner Kennerschaft mag das Buch Herrs einen Stoß versetzen; indes, „Enno“ liest nicht, er schreibt. Außerdem möchte ich „An die Hölle verraten“ Dr. Hubert Burda zu Füßen legen. Der Chefredakteur der Bunten Illustrierten fragte kürzlich (wie manch anderer leitartikelnde Zunftgenosse), wo denn nun, da die imperialistischen Vietnamesen ihr wahres Gesicht zeigten, jene aufgeregten Demonstranten aus den Unis wären, die „damals“ Ho-Ho-Ho-Tschi-Minh gerufen haben?

Der Reporter Michael Herr mag Springers „Enno“ und Burdas Burda belehren, daß es eine Antikriegs-Haltung gibt, die sich noch, unterm Plakat des bösen Ho Tchi Minh ihren strategischen und ideologischen Bilanzierungen auf immer entzieht. Nicht alle, die damals „Ho“ riefen, plädierten für dessen System. Es gab nur kein anderes Symbol, das brauchbar schien, um gegen die entfesselte Kriegsmaschine zu protestieren, die da im fernen Osten im Namen von humanitas und Demokratie entlaubte, entmenschte, für immer ruinierte.

„Ich habe ein Foto gesehen, auf dem saß ein nordvietnamesischer Soldat an derselben Stelle am Danang-Fluß, wo mal das Pressezentrum gewesen war, wo wir rauchend und Witze reißend gesessen hatten und sagten: ,Zu viel, das alles hier!’ und ,Einfach irre’ und ‚Omeingott, ist das wahnsinnig hier draußen!’. Und mir bleibt überhaupt nichts weiter, als einige wenige Worte hinzuschreiben und wegzutreten: Vietnam Vietnam Vietnam, alle sind wir dort gewesen.“

sie ihn. Er war ein echtes Großstadtkind mit loser Zunge und dem vollen Bewußtsein der Rechte eines Bürgers. Als Sohn eines Pariser Notars mit allen Winkelzügen der Juristik vertraut, besaß Voltaire dazu einen angeborenen Geschäftssinn und kaufte zuletzt – steinreich im Alter – das Schweizer Schloß Ferney, das, an den Grenzen von drei Ländern gelegen, ihm jeweils die Flucht in das eine oder andere ermöglichen konnte. Bei aller diplomatischen Gewandtheit besaß der kleine, dürre, unglaublich zähe Mann eine Leidenschaft zum Mut, der ihn dauernd wirklichen Gefahren aussetzte. Ihm verdankt Europa schwer erkämpfte Rehabilitierung eines ungerecht erhängten Hugenotten.

Der Mut wirkte doppelt ansteckend durch den Glanz der Formulierung und die Schärfe der Beweisführung: das gilt für jeden Satz aus „Candide“. Daß der „Spottvogel“ Voltaire klassische Tragödien flöten konnte, sei am Rande vermerkt. Ihre Zeit ist abgelaufen. Es bleiben seine kulturgeschichtlichen und staatstheoretischen Schriften, seine ungeheure Korrespondenz, die Erzählungen im Stil des „Candide“, der übrigens nur anonym erscheinen konnte und sofort auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde, wie ein Phönix aber gleich wieder erstand.

Als „satanischer Geist“ ist er als Feind einer korrupten Kirche und eines verfaulten Staatswesens verteufelt worden. Er war aber kein Atheist, sondern Deist, glaubte an ein göttliches Wesen, über das er nicht mehr sagen konnte als: „Wir grüßen uns, aber reden nicht miteinander.“ „Lest ‚Candide‘“, riet Döblin den Deutschen zu einer Zeit, als er selbst konvertiert war: Im Rebellen erkannte er den Mitkämpfer für eine bessere Gesellschaft. Robert Minder

Voltaire: „Candide“, mit einer Vorbemerkung und einem Nachwort von Ernst Bloch, Jean Orieux, mit Federzeichnungen von Paul Klee; Insel Tb 11; Insel, Frankfurt a. M., 1973; 208 S., 6,– DM.

Voltaire: „Candide – oder Die beste aller Welten“, mit 54 Zeichnungen von Fritz Fischer; Maximilian Dietrich Verlag, Memmingen, 1978; 172 S., 36,– DM.