Auf dem 30. Internationalen Raumfahrtkongreß im September in München hat ein – deutscher Wissenschaftler, Professor Harry Ruppe, eine Projektstudie veröffentlicht, die den Diskussionen um Kernkraftwerke eine neue Dimension eröffnen soll: Seine Alternative zu Gorleben heißt „Mülldeponie im All“. An Ruppes Institut für Raumfahrttechnik der Technischen Universität München laufen derzeit Berechnungen über eine Stationierung von radioaktivem Abfall in einer Erdumlaufbahn.

Die Idee, das gefährliche Material ins All wegzuschießen, geistert schon länger durch die Atommüll-Diskussionen. Die meisten Vorschläge zielten bisher auf eine „radikale“ Lösung: Der strahlende Schrott sollte auf der Mondrückseite gelagert, in die Umlaufbahn des Mars geschossen oder gar in die Gluthölle der Sonne versenkt werden. Professor Ruppe und sein Projektstudienkreis befürworten hingegen eine Müllhalde in etwa zehn- bis fünfzehntausend Kilometer Entfernung von der Erde, wo sie „Hunderttausende von Jahren gut aufgehoben ist, aber doch späteren Generationen zugänglich bleibt“.

Da ein solches Projekt angesichts des Skylab-Absturzes nicht gerade populär ist, bemühen sich die Münchner Raumfahrttechniker, in ihrer Studie den Sicherheitsaspekt herauszustellen. Die Chance, daß ein so hoch deponiertes Giftpaket der Menschheit wieder auf den Kopf fällt, besteht frühestens nach etlichen Millionen Jahren. Die Erdbewohner der Zukunft sind nach Ansicht der Ruppe-Gruppe sicher fähig, eine sinkende Müllhalde wieder auf die alte Parkbahn zu befördern.

Die Wahrscheinlichkeit, daß die radioaktive Müllhalde von Meteoren oder künstlichem Raumschrott getroffen wird, schätzt das Ruppe-Team nach seinen Berechnungen als nahezu unendlich gering ein (ein Argument, dessen Zweischneidigkeit bei dem Harrisburg-Unglück deutlich wurde). Wesentlich realistischer ist auf jeden Fall die Gefahr, daß bei einer Startpanne der strahlende Müll in die Luft anstatt ins All fliegt.

Als Vehikel für den brisanten Transport haben die Münchner zunächst die amerikanische Raumfähre Space Shuttle ausersehen. Da die maximale Umlaufhöhe des Shuttle bei 380 Kilometer liegt, müßte eine zusätzliche Raketenstufe das durch Glaskeramikhülle, Betonschutz und Metallschild gesicherte Müllmaterial weiterbefördern. Die Gedankenspieler am Institut für Raumfahrttechnik sind sogar der Ansicht, die Entwicklung eines speziellen Raketentransportsystems würde sich durchaus lohnen.

Da eine solche Lösung freilich in noch weiterer Ferne liegt als der Raumfährentransport, legt die Ruppe-Studie zunächst einmal eine Kostenkalkulation für eine Abfallbeseitigung per Space Shuttle vor. Ruppe rechnet, daß pro Flug etwa vier bis fünf Tonnen radioaktiver Müll ins All befördert werden könnten. Die Gesamtkosten pro Schuß würden sich inklusive Zwischenlagerung des Materials, Erdtransport und Verpackung auf rund 100 Millionen Dollar belaufen – nach derzeitigem Preisniveau. Diese Summe sollten, so Ruppe, die Stromverbraucher des Landes zahlen. Auf bundesdeutsche Relation umgerechnet: Jede Kilowattstunde würde dann einen Pfennig mehr kosten. Brigitte Zander