Philosophische Spazierdenker

Von Wanderern und Vaganten

Von Ludwig Harig

Hier hätten Rosen sollen sein", heißt der Titel, einer Erzählung von Jens Peter Jacobsen, und wer weiß, was mit den beiden schauspielernden Pagen geschehen wäre, wenn in diesem Garten tatsächlich Rosen geblüht hätten! Aber die beiden, mit verschiedenen Träumen und Ansichten über die Liebe, kommen nicht überein. "Du bist glücklich", sagt jeder zum andern, "und der Blaue erhebt sich und macht sich auf den Weg zur Campagna hinunter Vielleicht hat er recht, denn es gibt ja die kuriosesten Rettungsversuche, die der Mensch unternimmt, der Unbill dieser Welt zu entkommen. Ganz außergewöhnlich ist das Spazierengehen, man möchte es nicht für möglich halten.

Zumeist ging es nach Italien, Eichendorff folgte dem Posthornklang, Hermann Hesse dem Oleanderduft, und Johann Gottfried Seume spazierte sogar bis nach Syrakus, um Theokrit in dessen Vaterstadt zu lesen. Auch ich bin unlängst über den Alpen gewesen, in den Dolomiten wegen der Rosen, die dort hätten sein sollen. Aber die Rettungsversuche mißlingen, wenn man tayloristisch die Beine bewegt, nur im Doppelspiel von Hirn und Fuß mißlingen sie nie.

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Einer wie Jesus von Nazareth wandelt auf dem Wasser. Ein anderer, wie der Schneider von Ulm, fliegt durch die Luft. Einige, wie die biblischen Jünglinge, gehen durchs Feuer. Andere, wie Werner Herzog, gehen im Eis. Nietzsche hüpfte fröhlich auf den Bergen umher, damit er denken konnte, Wilhelm von Humboldt spazierte durch die Gegend und dachte sich, nichts dabei.

Philosophische Spazierdenker

Die einen eilen durch die Welt, sie schauen nicht nach links und nicht nach rechts, sie zertreten die Schnecken am Weg und trampeln durch die Gänseblümchen: Es sind die Macher, die einen Trainingsrückstand befürchten, betreten wichsen sie ihr Stiefelleder. Die andern schlendern durch Feld und Wald, allenthalben bleiben sie stehen und gucken nach den Einzelheiten, sie heben den Fuß vor jeder Kellerassel: Es sind die Lasser, die den Wettbewerb verachten, sie hängen die Schuhe an den Nagel und laufen barfuß über Land.

Voller Rätsel ist das Trippeln und das Schlendern zwischen Tun und Lassen. Der kleine Chencey sagt zu Rosa in dem Film "Erwachendes Land": "Jeder Schritt, den ein Mensch macht, ist ein Schritt weniger in seinem Leben. Mach längere Schritte, damit du besser vorankommst." Aber ein paar Tage später, an ihrem Grab, da revidierte er schon seinen amerikanischen Optimismus und sagte: "Das mit den längeren Schritten war nicht so gemeint; ich wußte ja nicht, daß du nur noch so wenige übrig hast."

Das unschuldsvolle Gehen wird plötzlich zum abschüssigen Lebensweg, schließlich zum fortschreitenden Geschichtsprozeß, und Bloch muß warnen, Marx habe nicht Hegel dazu auf die Füße gestellt, damit Lukács Marx wieder auf den Kopf stelle. Aber Hegel ist auf die Füße gestellt, und siehe da, er läuft: In einem Roman des Serbokroaten Radomir Smiljanic bummelt er nach Helgoland. Es ist aber nicht Friedrich Wilhelm Hegel, der ja als Deutscher, wenn er gereist wäre, nach Italien hätte reisen müssen, nein, es ist Hegel Miliradowitsch, der zusammen mit Kreschimir Pankreac, Bonifatius Hermann Klee, dem Volkssänger Ejup Betjiospahitsch, Fatima Rizvanagitsch, dem Erzähler und zwei geheimnisvollen Eisenbahnern vom Froschberg im Herzen Montenegros nach Helgoland bummelt, um dort das Geld zu vernichten.

Helgoland ist die exotische Insel für alle Türken und Perser, für die Balkanesen und Pakistan! unter uns. Aus dem Hotel "Liberté" in Dubrovnik reisen sie ins Hotel "Angleterre" nach Klein Austerlitz, und von dort ins Hotel "Interkontinental" nach Blankenese: "Der Name dieses superfeinen Stadtteils scheint herzurühren von den dort ansässigen durchsichtigen, dünnen, bleichen, kranken, ätherischen weiblichen Wesen mit seidenartiger Haut, großen grauen Augen und schmalen blanken Nasen."

Kopfstände und Clownerien

Aber auch die geheimnisvolle lautmalerische Anspielung zwischen Hegel und Helgoland ist voller Reiz: Die robusten Kroaten haben die Veränderung der Welt beschlossen, nicht nur in theoretischen Symposien, sondern in praktischen Aktionen, ja, Hegel Miliradowitsch will nicht nur sich selber, er will die ganze Welt retten, indem er auf Helgoland das scheußliche Geld den Flammen übergeben will.

Hegel reist mit Pankreac, der Vorname mit dem Familiennamen, der Kopf mit dem Bauch oder, genauer, mit der Bauchspeicheldrüse, die ja. die nützlichen Enzyme und das treffliche Hormon Insulin produziert. Das Denken geht mit der Verdauung spazieren, es ist ein fruchtbares Wechselspiel der Kräfte im Gange: "Die wichtigste Maschinerie der Welt hat zu arbeiten begonnen."

Philosophische Spazierdenker

Aber die Rettung mißlingt, alles Bummeln und Spazierengehen ist umsonst, die Kopfstände und Clownerien, "jenseits von Profit und Vorteil", sind vertan; die nördlichen Menschen leben nicht, sie wirtschaften, ihre Permanenz heißt Kontokorrent: "Die Freude am Phantasieren weicht zurück vor der Freude am Erwerben ... Wie das Geld sich selbst auffrißt, so frißt auch ein Mensch mit Geld Stück um Stück sein wahres menschliches Wesen auf."

Hegel Miliradowitsch entfacht sein spektakuläres Feuerwerk, dessen Inszenierung der Autor mit der Begräbnisfeierlichkeit für Mao Tse-tung und mit der Kulturrevolution vergleicht, wofür diese Leute hier im Norden keinen Sinn haben", aber er ist dem Werbetrick eines amerikanischen Millionärs aufgesessen: Es sind "Blüten", die er in Asche verwandelt, es ist nicht das unselige Geld der WeltDabei sah alles so zuversichtlich aus, Menschen und Landschaft; sogar das Wetter schien mitzuspielen: "Wir hatten die Impression von rotem Glimmer, von einer aufgeblühten rosaroten Rose (die heiter wiegend aus dem plötzlich blau gewordenen Meer emporgeschossen war), von weiß und blau verzauberten Räumen, von lockenden Ufern (wo dich Trost, Hoffnung und Schmerzstillung erwarten). Und infolge des Tänzeins unseres Schiffes auf den Wellen kam es uns vor, als tänzele dieses seltsame Helgoland ebenfalls, uns entgegen."

Hier hätten gar nicht erst Rosen zu sein brauchen, hier blühten sie, wenn auch metaphorisch verwandelt, trostspendend und schmerzstillend, auf, das Meer leuchtete, die Insel tanzte – aber: "Je größer der Einfluß des Wetters auf den Helden, desto weniger benutzt der Autor die üblichen Wetterbewertungen, nach denen schönes Wetter für grundsätzlich positiv, schlechtes für negativ zu halten und entsprechend einzusetzen ist." Ein Satz von F. C. Delius über Jean Paul aus seiner Schrift "Der Held und sein Wetter", auf die eine Anmerkung des Buches "Erlebnis der Landschaft und adliges Landleben" von Carl Gregor Herzog zu Mecklenburg verweist.

Da aber die Atmosphäre der Räume, der Duft der Gärten, das Gefühl der Landschaft nicht spezifisch adelig sind, da mich nicht eigentlich Intarsien und Gobelins, nicht Ahnenporträts und Paravents, sondern eher die verrostete Grubenlampe meines Großvaters und der abgehauene Birnbaum hinter dem Haus stimulieren und ich immerfort meine Gedanken in ganz andere Bezirke als in patinierte spazierenführe, befällt mich jäh mein kleinbürgerliches Spaziergängergefühl, das die Rettung erhofft in der frischen Luft, die nicht nur durch die Nase, sondern auch durch das Hirn zieht.

"Deutsche Wanderer-, Vagabunden- und Vagantenlyrik in den Jahren 1910–1933" heißt ein Buch von Friedemann Spicker, dessen Untertitel "Wege zum Heil – Straßen der Flucht" in diese gleiche Richtung weist. An zahlreichen kommentierten Beispielen weist der Autor nach, daß sowohl der "frohe Wandersmann" wie auch der "Arbeiterwanderer", sowohl der "Vagabund" wie auch der "Vagant" dem Wunder und der Seligkeit teilhaftig werden, sich aber der Utopie und der Anarchie zuwenden und verschwören. Auch hier in der Lyrik spielt das Wetter mit, das allgemeine Klima und die saisonbedingte Wetterlage. "Keine Heimat, hab ich, keine weiße Rose", singt Jacob Haringer, und Hermann Löns schwadroniert: "Rot sind die Rosen, wenn sie da blühn."

Es wandern jüdische Verfemte und arische Auserlesene, es wandern sozialistische Pilger Und nationalistische Heilsboten, es gibt Wanderburschen und Wandervögel. "Auch das Wandern ist ein Teil unseres proletarischen Kampfes", heißt es bei den sozialistischen Arbeiterwanderern, und die nationalistischen sagen: "Das große deutsche Wandern hat Gott selber ausgeschrieben."

So wird das Wandern unversehens zur Ideologie, zur deutschen Sendung, und ehe ich mich diesem mit allen akademischen Weihen versehenen "uralten germanischen Trieb" zuwende, komme ich lieber aufs Spazierengehen zurück, auf dieses lateinische Raumausschreiten, dieses Sich-Ergehen, dieses Lustwandeln "ohne Anspruch physischer Leistung oder geistigen Aufwands", wie es Joachim Schumacher in seinem Buch "Leicht ’gen Morgen unterwegs" beschreibt.

Philosophische Spazierdenker

Schumacher, der seit 1937 in den USA lebende Philosoph, ist ein Spaziergänger und Spazierfahrer ganz besonderer Art. In seiner "philosophischen Reise" ins Wallis, in der eine alpine Autofahrt, eine Einwohnung in freier Landschaft, schließlich ein Spaziergang in mittlerer Höhe beschrieben werden, "kommt einiges zur Sprache, das mitgehender Phantasie, ja unbedenklich paradoxem und schweifendem Assoziieren entspringt."

Der Autor kümmert sich nicht um die Logik der Argumente, nicht um die Kontinuität der Gedankengänge; spielerisch mäandernd, waghalsig essayistisch spaziert er durch die vorgefundenen Zusammenhänge, und indem er selbst unerwartete grammatische Wechselschritte und Doppelsprünge vollführt, langt er am Ende beim genius loci an, den er in den locus genii verkehrt, dessen es bedarf, "den Naturwundern ihre immament herrlichen Produktivkräfte begrifflich zu machen, die über Nutzfunktionen weit hinausgehen

Er beschwört das Wesen des Wetterhahns, der in die, schönere Zukunft blickt, "es muß aber ein gallischer sein mit dem Geschmetter von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit", und tatsächlich, bei der Rückkehr von seinem Walliser Spaziergang, liegt das Gelände "unter dem jäh vergoldeten Himmel", im "aufgeklärten Wetter", eine rosige Aussicht, aber nicht ein bißchen abgeschmackt, im Gegenteil: Schumachers Buch ist eine spielerische Blochsche Variante vom tätigen Hoffen.

Pfade in den Phantasiedschungel

"Die Angst vor dem Chaos" ist ein anderer Titel des Autors, man begreift sein sinnstiftendes Interesse, mitten im paradoxen Gedankenschlendern. Ihm geht es schließlich wie Hegel Miliradowitsch, von dem es in Smiljanićs Roman heißt: "Unser alter Hegel wäre nicht Hegel, wenn er nicht allem einen Sinn gegeben hätte", und das paßt ja auch auf Friedrich Wilhelm Hegel und auf den Autor dieser Rezension. Über dem Spaziergehen wird man kein Rezensent von Spaziergänger-, von Wander- und Reisebüchern, sondern man wird immer mehr Spaziergänger, und immer mehr verstrickt man sich in die Pfade, die vom sicheren Gedankenweg in den Phantasiedschungel führen.

Doch Rettung liegt womöglich in Panoias. Leo Kornbrust, der Bildhauer, der in Bremen, in Wien, in St. Wendel zur Wohltat fremder Köpfe und Füße gemeißelt und gepflastert hat, ist nach Portugal gereist, um den Stein von Panoias zu suchen, den er irgendwann einmal auf einem Photo gesehen hat. Er schreibt von diesen portugiesischen Spaziergängen, "Auf der Suche nach Panoias" heißt sein Reisetagebuchs Leo Kornbrust sucht ein prähistorisches Gestein, aber er findet Pflaster und Mauern, die aus dem Stein der Weisen gemacht sind: "Bei Spaziergängen durch Lisboa geht man ständig auf Pflaster, heller Kalkstein, Mosaikpflaster mit sehr einfallsreichen Formen in schwarzem Stein, alles wie Polster für die Füße."

Und von Gaudi schreibt er: "Seine Arbeit ist keine Monumental-Architektur, sondern sie ist ganz menschlich, betastbar, begreifbar, in den einzelnen Häusern befinden sich Schulen, die Kinder dürfen in all dem herumspringen und spielen, in der Säulenhalle oder oben über der Säulenhalle, die unglaublich schöne Begrenzung in Schlangenlinie, rundum eine Bank, Wasserabläufe, ein Blick über die Stadt, ein duftender Garten um die Architektur: Mimosen, Palmen, Zitronen."

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"Kennst du das Land?" Unlängst, in den Dolomiten, folgten wir dem Pfad in Laurins Rosengarten, aber es zeigten sich nicht, wie es in der Sage heißt, "im Schein der sinkenden Sonne die Zinnen und Kuppen eines wie von rotem Feuer überflammten Gebirges", nein, es war ein pathetischer, ein völlig unspektakulärer Sommer abend, die Füße mußten für die Augen denken. Das gelingt ihnen auch, wenn sie nur entsprechend geübt sind.

In dem amerikanischen Revuefilm "Badende Venus" gerät Red Skelton in eine Ballettschule, bewegt sich aber falsch und linkisch. Die Tanzlehrerin sagt zu ihm: "Man geht nicht hier, sondern hier!" und tippt ihm an den Kopf. Daraufhin Red Skelton: "Da habe ich bis jetzt immer das verkehrte Ende benutzt" Und das ist wahr. "Gehen und denken stehen in einem ununterbrochenen Vertrauensverhältnis zueinander, sagt Oehler", sagt Thomas Bernhard in "Gehen".