Aber die Rettung mißlingt, alles Bummeln und Spazierengehen ist umsonst, die Kopfstände und Clownerien, "jenseits von Profit und Vorteil", sind vertan; die nördlichen Menschen leben nicht, sie wirtschaften, ihre Permanenz heißt Kontokorrent: "Die Freude am Phantasieren weicht zurück vor der Freude am Erwerben ... Wie das Geld sich selbst auffrißt, so frißt auch ein Mensch mit Geld Stück um Stück sein wahres menschliches Wesen auf."

Hegel Miliradowitsch entfacht sein spektakuläres Feuerwerk, dessen Inszenierung der Autor mit der Begräbnisfeierlichkeit für Mao Tse-tung und mit der Kulturrevolution vergleicht, wofür diese Leute hier im Norden keinen Sinn haben", aber er ist dem Werbetrick eines amerikanischen Millionärs aufgesessen: Es sind "Blüten", die er in Asche verwandelt, es ist nicht das unselige Geld der WeltDabei sah alles so zuversichtlich aus, Menschen und Landschaft; sogar das Wetter schien mitzuspielen: "Wir hatten die Impression von rotem Glimmer, von einer aufgeblühten rosaroten Rose (die heiter wiegend aus dem plötzlich blau gewordenen Meer emporgeschossen war), von weiß und blau verzauberten Räumen, von lockenden Ufern (wo dich Trost, Hoffnung und Schmerzstillung erwarten). Und infolge des Tänzeins unseres Schiffes auf den Wellen kam es uns vor, als tänzele dieses seltsame Helgoland ebenfalls, uns entgegen."

Hier hätten gar nicht erst Rosen zu sein brauchen, hier blühten sie, wenn auch metaphorisch verwandelt, trostspendend und schmerzstillend, auf, das Meer leuchtete, die Insel tanzte – aber: "Je größer der Einfluß des Wetters auf den Helden, desto weniger benutzt der Autor die üblichen Wetterbewertungen, nach denen schönes Wetter für grundsätzlich positiv, schlechtes für negativ zu halten und entsprechend einzusetzen ist." Ein Satz von F. C. Delius über Jean Paul aus seiner Schrift "Der Held und sein Wetter", auf die eine Anmerkung des Buches "Erlebnis der Landschaft und adliges Landleben" von Carl Gregor Herzog zu Mecklenburg verweist.

Da aber die Atmosphäre der Räume, der Duft der Gärten, das Gefühl der Landschaft nicht spezifisch adelig sind, da mich nicht eigentlich Intarsien und Gobelins, nicht Ahnenporträts und Paravents, sondern eher die verrostete Grubenlampe meines Großvaters und der abgehauene Birnbaum hinter dem Haus stimulieren und ich immerfort meine Gedanken in ganz andere Bezirke als in patinierte spazierenführe, befällt mich jäh mein kleinbürgerliches Spaziergängergefühl, das die Rettung erhofft in der frischen Luft, die nicht nur durch die Nase, sondern auch durch das Hirn zieht.

"Deutsche Wanderer-, Vagabunden- und Vagantenlyrik in den Jahren 1910–1933" heißt ein Buch von Friedemann Spicker, dessen Untertitel "Wege zum Heil – Straßen der Flucht" in diese gleiche Richtung weist. An zahlreichen kommentierten Beispielen weist der Autor nach, daß sowohl der "frohe Wandersmann" wie auch der "Arbeiterwanderer", sowohl der "Vagabund" wie auch der "Vagant" dem Wunder und der Seligkeit teilhaftig werden, sich aber der Utopie und der Anarchie zuwenden und verschwören. Auch hier in der Lyrik spielt das Wetter mit, das allgemeine Klima und die saisonbedingte Wetterlage. "Keine Heimat, hab ich, keine weiße Rose", singt Jacob Haringer, und Hermann Löns schwadroniert: "Rot sind die Rosen, wenn sie da blühn."

Es wandern jüdische Verfemte und arische Auserlesene, es wandern sozialistische Pilger Und nationalistische Heilsboten, es gibt Wanderburschen und Wandervögel. "Auch das Wandern ist ein Teil unseres proletarischen Kampfes", heißt es bei den sozialistischen Arbeiterwanderern, und die nationalistischen sagen: "Das große deutsche Wandern hat Gott selber ausgeschrieben."

So wird das Wandern unversehens zur Ideologie, zur deutschen Sendung, und ehe ich mich diesem mit allen akademischen Weihen versehenen "uralten germanischen Trieb" zuwende, komme ich lieber aufs Spazierengehen zurück, auf dieses lateinische Raumausschreiten, dieses Sich-Ergehen, dieses Lustwandeln "ohne Anspruch physischer Leistung oder geistigen Aufwands", wie es Joachim Schumacher in seinem Buch "Leicht ’gen Morgen unterwegs" beschreibt.